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09.06.2022

16:20

Biotechnologie

Ein Superstar und wenig mehr: Ernüchterung in der Biotech-Branche

Von: Siegfried Hofmann, Maike Telgheder

Deutsche Biotech-Firmen wollen weiter expandieren. Doch nach einem Rekordjahr hat sich das Investitionsklima abgekühlt – aus zwei Gründen.

Vorbereitung einer Probe für die Analyse des Erbguts: Deutsche Biotechfirmen sind bei Investoren gefragt. IMAGO/Westend61

Genen auf der Spur

Vorbereitung einer Probe für die Analyse des Erbguts: Deutsche Biotechfirmen sind bei Investoren gefragt.

Frankfurt Die Investitionen in die deutsche Biotech-Branche sind auf den ersten Blick weiterhin hoch: 2,4 Milliarden Euro wurden laut Biotech-Report der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY im Jahr 2021 investiert. Das ist die zweithöchste Summe seit Bestehen der Branche in Deutschland. Der Kapitalzufluss war im Jahr 2020 mit drei Milliarden Euro zwar noch höher ausgefallen, doch die Hälfte davon entfiel damals auf die mRNA-Impfstoffentwickler Biontech und Curevac.

Die schwierige wirtschaftliche Situation und das unsichere Börsenumfeld dämpfen nun allerdings die Stimmung in der deutschen Biotech-Industrie. Nach einem Rekordjahr an Börsengängen ist auf dem US-Kapitalmarkt, der auch für deutsche Biotech-Unternehmen immer wichtiger wird, Ernüchterung eingetreten. Das Investitionsklima hat sich dort nach Einschätzung der EY-Experten deutlich verschlechtert, IPOs sind schwieriger geworden und Finanzierungsrunden dauern inzwischen länger als noch vor einem Jahr. Aus Deutschland hat sich in diesem Jahr noch kein Biotech-Unternehmen an die Börse gewagt.

Und auch die Zuflüsse an sonstigem Risikokapital in deutsche Biotechs fallen mittlerweile niedriger aus: Von Januar bis einschließlich Mai dieses Jahres sind rund 400 Millionen Euro frisches Geld in die Branche geflossen, hat der Branchenverband Bio Deutschland errechnet. Das ist weniger als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, als 943 Millionen Euro erreicht wurden. Der Vergleich wird allerdings von einer stattlichen Kapitalerhöhung des Impfstoffentwicklers Curevac verzerrt, der im Februar 2021 mehr als 430 Millionen Euro einsammelte. Insgesamt betrachtet ist die deutsche Biotech-Branche immer noch besser unterwegs als vor der Pandemie.

Schwieriger wird allerdings die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. In der Biotech-Branche mit mittlerweile mehr als 770 Unternehmen könnte sich der Fachkräftemangel als Wachstumsbremse auswirken, fürchten die Experten von EY. Zwar nahm die Anzahl der Beschäftigten im vergangenen Jahr zu. Doch in einem leer gefegten Arbeitsmarkt konkurrieren die Firmen nicht nur untereinander um die besten Talente, sondern auch mit anderen Branchen.

Das vergangene Jahr war ein außergewöhnliches Wachstumsjahr für die Biotech-Unternehmen. In der Branche insgesamt (inklusive nicht börsennotierter Firmen) vervierfachten sich die Erlöse auf gut 26 Milliarden Euro. Davon entfallen allerdings 18,9 Milliarden Euro auf den Mainzer Impfstoffentwickler Biontech. Die Marktkapitalisierung der 24 börsennotierten Unternehmen stieg – ebenfalls maßgeblich durch Biontech getrieben – bis Ende 2021 um 74 Prozent auf 85,4 Milliarden Euro, ist seither aber wieder auf knapp 60 Milliarden Euro gefallen.

Zu wenig Neugründungen

Auch die Zahl der Neugründungen deutscher Biotech-Unternehmen bereitet den Branchenbeobachtern Sorgen. „Nur zehn Neugründungen im vergangenen Jahr sind zu wenig“, sagte Oliver Schacht, der Vorsitzende des Branchenverbandes Bio Deutschland. Man habe nun die einmalige Chance, zu einem international führenden Standort für die Biotechnologie zu werden. „Die Branchenzahlen zeigen, dass wir die Gründungsdynamik deutlich stärken müssen“, so Schacht. Dazu müssten aus Sicht des Bio-Vorsitzenden die Rahmenbedingungen für Wachstumsfinanzierungen weiter gestärkt werden.

Kritisch sei aber auch die Entwicklung von Management-Talenten. Eine bessere Vernetzung und gezieltes Mentoring könnten Gründern helfen, Fehler beim Aufbau von Unternehmen zu vermeiden. „Hier kann deutlich mehr getan werden“, sagt EY-Partner und Life-Science-Experte Alexander Nuyken.

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Was Finanzierungen über die Börse angeht, haben sich auch deutsche Biotech-Firmen stark den USA zugewandt. Alle vier Börsengänge des vergangenen Jahres fanden an der US-Börse Nasdaq statt. Neben dem kleinen Medizindiagnostik-Spezialisten Mainz Biomed, der sich die Strahlkraft von Biontech zunutze machte, hatte Atai Life Science von Investor Christian Angermayer über einen IPO umgerechnet 219 Millionen Euro eingesammelt. Atai will mit psychedelischen Substanzen Therapien gegen psychische Leiden entwickeln.

Eine Zweitnotierung an der Nasdaq gelang den Unternehmen Biofrontera und Evotec, wobei die Hamburger Evotec mit einem Volumen von 413 Millionen Euro auch den größten Börsengang eines europäischen Biotech-Unternehmens hinlegte. Am Gesamtvolumen der Biotech-Börsenemissionen von fast 15 Milliarden Dollar in den USA hatten die vier deutschen Unternehmen aber gerade einmal einen Anteil von vier Prozent, so der Fachdienst Biopharmadive.

Nasdaq wird immer wichtiger

Während die Kapitaleinnahmen durch die Börsengänge im vergangenen Jahr gestiegen sind, sanken die Einnahmen aus Risikokapital, Wandelanleihen und Folgefinanzierungen um rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rechnet man die beiden Impfstoffentwickler heraus, die im Vorjahr besonders hohe Zuflüsse durch Risikokapital und Folgeplatzierungen erzielten, zeigt sich jedoch, dass die Branche im vergangenen Jahr die bislang höchste Kapitalaufnahme ihrer Geschichte erreicht hat.

Großes Interesse von Kapitalgebern gibt es vor allem bei innovativen Krebstherapien. Unter den größten Venture-Capital-Runden des vergangenen Jahres finden sich gleich drei Krebsspezialisten: Emergence Therapeutics aus Essen, T-Knife aus Berlin und IOmx aus Planegg bei München. Die höchste Summe an Risikokapital, knapp 133 Millionen Euro, konnte übrigens Atai Life Science in einer Finanzierungsrunde drei Monate vor dem Börsengang einsammeln.

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Insgesamt beobachten die Experten von EY eine steigende Zahl von Fusionen und Übernahmen in der deutschen Biotech-Branche. 2021 realisierte Morphosys aus Planegg dabei den bislang größten Zukauf, den ein deutsches Biotech-Unternehmen getätigt hat: Morphosys übernahm für rund 1,4 Milliarden Euro das US-Unternehmen Constellation Pharmaceuticals, was später aber zu hohen Wertberichtigungen und einem starken Kursverlust bei dem Münchner Unternehmen führte.

Die Zahl der Allianzen zwischen deutschen Biotech- und Pharmafirmen ist 2021 unterdessen von 33 auf 48 Deals gewachsen. Allerdings waren die Volumina insgesamt kleiner als noch im Jahr davor.

Zwei Biotechfirmen stachen dabei heraus: Zum einen schloss Pieris einen Vertrag über 1,2 Milliarden Euro mit Genentech in den Bereichen Atemwegserkrankungen und Ophthalmologie ab, sowie eine weitere Lizenzvereinbarung mit Boston Pharmaceuticals im Bereich Immunonkologie über mehr als 30 Millionen Euro.

Und Immatics aus Tübingen, das Immuntherapien gegen Krebs entwickelt, schloss eine Allianz mit Bristol Myers Squibb über 778 Millionen Euro. Beide haben Anfang des Monats ihre Zusammenarbeit noch ausgebaut und wollen Zelltherapien auf Basis standardisierter genmodifizierter Immunzellen entwickeln. Im Erfolgsfall könnte die Allianz Immatics Zahlungen in Höhe von mehr als 4,2 Milliarden Dollar einbringen.

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