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02.10.2022

18:00

Digitalpreis „The Spark“

„Der Clou ist, dass Spitzenmedizin massentauglich wird“

Von: Christof Kerkmann

Die App von Lindera soll Stürze von Senioren verhindern – damit gewinnt das Start-up den zweiten Preis bei „The Spark“. Auf Platz drei landet ein Assistenzsystem für Chirurgen.

Gründerin Diana Heinrichs (r.) und Chief Operating Officer Swantje Müller wollen mit Technologie die Pflege verbessern. Marc-Steffen Unger

Lindera-Führungsteam bei der Verleihung von „The Spark“

Gründerin Diana Heinrichs (r.) und Chief Operating Officer Swantje Müller wollen mit Technologie die Pflege verbessern.

Berlin Schon eine Teppichkante kann gefährlich sein. Wenn sich Senioren bei Stürzen verletzen, haben sie oft lange mit den Komplikationen zu tun – gerade bei betagten Menschen droht der Verlust der Eigenständigkeit. Für die Betroffenen und Angehörigen ist das tragisch, für das Gesundheitssystem teuer.

Geht es nach Lindera, lassen sich viele Stürze vermeiden. Das Start-up hat eine App entwickelt, die die Prävention erleichtert: Das System analysiert das Gangbild der Senioren und gibt auf dieser Basis individuelle Ratschläge, um den Alltag sicherer zu gestalten.

Für dieses Konzept ist Gründerin Diana Heinrichs am Donnerstag beim Deutschen Digitalpreis „The Spark“ mit dem zweiten Preis ausgezeichnet worden. Auf dem dritten Platz landete Caresyntax mit einem System für die datengestützte Begleitung von Operationen.

Dass die 37-Jährige die Pflege mit Technologie verbessern will, verwundert bei einem Blick auf ihren Lebenslauf nicht: Im Studium beschäftigte sie sich mit Linguistik an der Grenze zur Psychologie, dann arbeitete sie sechs Jahre bei Microsoft in der Kommunikation, bevor sie sich 2016 selbstständig machte.

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    Hören Sie hier unseren Podcast „Rethink Work“ mit Gehirnchirurg Peter Vajkoczy:

    Über die App des Start-ups können Pflegekräfte und Angehörige das Gangbild von Senioren aufnehmen – ein paar Schritte, auch mit Rollator oder Gehstock, reichen aus. Die Software erstellt aus diesen Daten ein dreidimensionales Modell, das Parameter wie Schritthöhe, Schrittlänge oder Rumpfbeugung abbildet. Hinzu kommt ein Fragebogen, der beispielsweise Informationen zu Hör- und Sehbeeinträchtigungen ermittelt.

    Analyse innerhalb weniger Minuten

    Als Ergebnis gibt die App Vorschläge für die Prävention aus: Welche Körperbereiche sollte ein Patient trainieren? Kommt das richtige Hilfsmittel zum Einsatz? Und worauf sollten Pflegekräfte achten? Die Maßnahmen wirken: In einer Studie konnte die Sturzhäufigkeit um 18 Prozent reduziert werden, die Zahl der Krankenhauseinweisungen sogar auf null.

    „Medizinisch erfinden wir nichts neu“, sagt die Gründerin. Allerdings vereinfacht und verkürzt Lindera die Analyse radikal: Pflegekräfte können eine Untersuchung, für die sonst ein Arzt kommen müsste, mit einem Smartphone selbst durchführen, und zwar innerhalb weniger Minuten. „Der Clou ist, dass Spitzenmedizin massentauglich wird.“

    Das ist die Grundlage für das Geschäftsmodell: Wenn Pflegeeinrichtungen Stürze verhindern, sparen sie Kosten. Das Start-up habe bei der Entwicklung mit den Betreibern kooperiert und spreche sie nun gezielt an, erklärt Chief Operating Officer Swantje Müller. Zehn Prozent der deutschen Pflegeheime habe man inzwischen unter Vertrag – ohne viel ins Marketing investiert zu haben.

    Die Entwicklung der Technologie war eine Herausforderung. Experten hätten angezweifelt, dass die Smartphone-Kamera für eine genaue Bewegungsanalyse ausreicht, berichtet Diana Heinrichs. „Wir haben so oft gehört: ,Das geht nicht.'“ Nach langer Entwicklung könne man die Bewegungen nun aber millimetergenau messen, auch dann, wenn ein Rollator im Bild sei oder das Neonlicht des Pflegeheims blende.

    Nach einer Finanzierungsrunde über sechs Millionen Euro im vergangenen Jahr will das Start-up die Technologie für weitere Anwendungen anpassen. Die Bewegungsanalyse eignet sich nach Einschätzung der Gründerin auch für den Umgang mit Krankheiten wie Multipler Sklerose oder Parkinson. „Das Skalierungspotenzial für weitere Anwendungsbereiche ist hoch“, lobte daher die Jury des Digitalpreises „The Spark“.

    Heinrichs vergleicht ihr Start-up mit Amazon, das von einem Buchladen zum „Everything Store“ geworden sei: „Wir sehen anhand unserer Daten und der Kundenanfragen, dass wir viel mehr Probleme lösen können.“

    Caresyntax macht Operationen sicherer und rentabler

    Der Unternehmer hat bereits Kunden in aller Welt gewonnen. Marc-Steffen Unger

    Caresyntax-Gründer Björn von Siemens

    Der Unternehmer hat bereits Kunden in aller Welt gewonnen.

    Um Spitzenmedizin geht es auch bei Caresyntax. Das Start-up entwickelt Software, die Ärzte schon heute bei jedem Schritt einer Operation mit Daten über den Patienten versorgt, bei der Aufklärung von Fehlern hilft und in Zukunft vor immer mehr Risiken warnen soll – wie der Bordcomputer im Flugzeug.

    Mit dieser Technologie hat das Start-up rund um Gründer Björn von Siemens beim Deutschen Digitalpreis „The Spark“ den dritten Platz belegt. Die Jury lobte, dass die datengesteuerte Plattform Operationen „intelligenter, sicherer und rentabler“ mache und zudem das Potenzial für eine weltweite Skalierung biete.

    Caresyntax führt verschiedenste Daten auf der Plattform zusammen. So ist es möglich, Operationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu filmen und die Aufnahmen anschließend – datenschutzkonform – auszuwerten. „Die Chirurgie ist schon effizienter geworden, weil man besser versteht, wodurch gewisse Verzögerungen oder Fehler entstehen“, sagt von Siemens, der Chief Business Officer ist.

    Das System hat sich bewährt. Nach Angaben von Caresyntax kommt es in weltweit 2800 Operationssälen zum Einsatz, in denen jedes Jahr mehr als drei Millionen Patienten operiert werden. Zu den Kunden zählen neben Kliniken auch Versicherer, die bei Behandlungsfehlern für Schäden aufkommen müssen.

    Nach einer Finanzierungsrunde über 130 Millionen Dollar im vergangenen Jahr entwickelt das Start-up die Technik weiter. So trainiert es Algorithmen darauf, vor kritischen Situationen zu warnen und Handlungsempfehlungen zu geben. Die Daten der vergangenen Jahre dienen als Grundlage.

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