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12.06.2019

16:41

Künstliche Intelligenz

KI-Fonds haben die Rendite-Hoffnungen der Anleger noch nicht erfüllt

Von: Ingo Narat

Schlaue Algorithmen steuern die Wertpapierdepots. Das ist jedenfalls die Vision. Doch eine erste Bilanz solcher Fonds fällt durchwachsen aus.

Liegt der Schlüssel zum Erfolg in den Daten?

Lichtinstallation

Liegt der Schlüssel zum Erfolg in den Daten?

FrankfurtElon Musk hat einen Albtraum. Der Innovator und Tesla-Chef glaubt: Denkende Algorithmen werden die Menschheit auslöschen. Er käme deshalb nie auf die Idee, sein Geld in die Hände von Maschinen zu geben. Da denken technikaffine Experten anders. Sie sehen in der Vermögensverwaltung durch smarte Programme sogar die große Zukunft.

Alessandro di Soccio ist einer der Vordenker – und Gründer von A. I. Machines in London. Er glaubt: „Künstliche Intelligenz wird die Welt verändern. Innovatoren und frühe Anwender werden damit das Asset-Management völlig umkrempeln.“ Ähnlich denkt Günter Jäger, Leiter der liechtensteinischen Beratungsfirma Plexus Investments: „Das hat disruptives Potenzial für die Anlagebranche.“ Fachleute sprechen meist von Ansätzen wie neuronalen Netzen oder maschinellem Lernen.

Aufbruchstimmung hat sich breitgemacht. Denn der Mensch als Fondsmanager ist inzwischen hoffnungslos unterlegen. Vor den rasant wachsenden Mengen an Daten, die zur Börsenanalyse verfügbar sind, muss er kapitulieren. Und die nie müden, immer leistungsfähigeren Computer hängen den Menschen aus Fleisch und Blut immer weiter ab. Algorithmen können praktisch unbegrenzte Datenmengen in kürzester Zeit auswerten, Muster erkennen und daraus Schlüsse ziehen.

Der deutsche Vermögensverwalter Acatis etwa hat über viele Jahre 200.000 Geschäftsberichte, 600.000 Quartalsberichte und 1,5 Millionen Ad-hoc-Meldungen ausgewertet. Für einen Geschäftsbericht mit 300 Seiten braucht die Maschine nur eine Sekunde. Zu solchen klassischen Informationen hinzu kommen zunehmend neue Datenquellen wie Kommentare im Internet und in sozialen Medien, Videos oder auch Satellitenbilder.

KI als Ergänzung für bestehende Strategie

„Große Verwalter und Hedgefonds setzen Künstliche Intelligenz meist als Ergänzung in bestehenden Strategien ein“, beobachtet Fred Sage, Chef der schweizerischen Beratungsfirma Nextgen Alpha. Bei den wenig transparenten Hedgefonds gelten bekannte Adressen wie Two Sigma, Renaissance Capital, DE Shaw oder die Man Group als aktive Mitspieler.

Grafik

Auf dem jungen Feld der Strategien mit Maschinenintelligenz gibt es aber erst wenige regulierte Fonds für ein breiteres Anlegerpublikum. Meist sind es Aktienprodukte. Jäger und Sage zählen knapp zwei Dutzend. Das Kapital liegt hauptsächlich im zweistelligen Millionenbereich, ist also sehr gering.

Vieles läuft bislang nach dem Schema Versuch, Irrtum, neuer Versuch. „Einige Produkte sind auch schon wieder geschlossen worden, weil sie beispielsweise nicht erfolgreich waren“, erkennt Sage. An der US-Westküste machte der Hedgefonds Sentient dicht. Ein weiterer in New York dürfte folgen.

Längerfristig erfolgreiche und durch Künstliche Intelligenz getriebene Strategien gibt es wenige. Jäger nennt vor allem die US-Hedgefonds Neo Ivy, Katonah und Carmot Capital. Deren Strategien brachten ihm zufolge im schwierigen Börsenjahr 2018 Erträge von zehn Prozent und mehr.

Das Gros der regulierten Fonds ist erst kurze Zeit am Markt. „Die meisten wurden in den vergangenen zwei bis zwölf Monaten lanciert“, sagt Sage. Plexus-Mann Jäger will die Lage realistisch einschätzen: „Die Hoffnungen für diesen Markt sind gigantisch, aber es gibt auch ein riesiges Enttäuschungspotenzial.“ 

Sage spricht von einer Innovation im frühen Stadium. „Deshalb kann man nicht über ein Scheitern sprechen, es fehlen ja noch die langfristigen Leistungsbilanzen“, meint der Experte. Er glaubt fest an die Zukunft der Künstlichen Intelligenz, will künftig auch Beratung auf dem Feld anbieten, später vielleicht sogar einen eigenen Fonds für solche Investmentansätze.

Start-ups sind mit im Spiel

Auf deutschem Boden ist Hendrik Leber ein Vorreiter bei Anlagestrategien mit Künstlicher Intelligenz. Der Chef von Acatis beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Thema und bietet einige Aktienfonds an. Der „Global Value Total Return“ lieferte im ersten Quartal bessere Erträge ab als die meisten Konkurrenten.

„Supergut“ findet Leber das. Der ebenfalls kleine „AI Global Equities“ dagegen läuft schlechter (Auswahl siehe Grafik), der „AI Buzz US Equities“ eher unauffällig. Auch Leber ist längst nicht zufrieden mit den Ergebnissen. „Da müssen wir noch viel verbessern. Es ist schwer, so eine Strategie ins Laufen zu bringen – aber ich gebe nicht auf“, sagt er.

Besser fühlt sich Bastian Lechner, Gründer von Catana Capital. Der musste zwar schon einmal ein Produkt mit Künstliche-Intelligenz-Ansatz schließen. Doch mit der kurzen Leistungsbilanz des erst in diesem Jahr aufgelegten europäischen Aktienfonds „Data Intelligence“ ist er zufrieden. 

Mit Blick auf das Konkurrenzumfeld meint der selbstsichere Lechner: „Die Spreu wird vom Weizen getrennt, und wir werden zum Weizen gehören.“ Zu den Start-ups aus dem Technologiebereich zählt auch Othoz Capital in Berlin. Gründer Daniel Willmann lancierte vor knapp einem Jahr mit einer Partnerfirma den US-Mischfonds „AI US Dynamic“. Sein „Art AI US Balanced“ mit ähnlichem Ansatz, aber einer geringeren Aktienquote startete vor einem Monat.

Für die zweite Jahreshälfte kündigt er eine Strategie mit europäischen Aktien an. Für Willmann ist es wichtig, dass er die Algorithmen nicht autonom laufen lässt: „Es geht um die kluge Kombination von Mensch und Maschine.“

Mit Algorithmen auf Firmensuche

Einige große und bekannte europäische Vermögensverwalter bieten ebenfalls regulierte Investmentfonds nach EU-Recht an. So tat sich die britische Aberdeen Standard Investments beim „Artificial Intelligence Global Equity“ mit der japanischen Trust Bank zusammen. Einer der größten asiatischen Vermögensverwalter, die japanische Asset Management One, brachte vor rund einem Jahr den „AMO AI Deep Learning Global Equity“ heraus.

Auf dem hiesigen Kontinent ist das französische Haus Amundi aktiv. Es sammelte bereits 150 Millionen Euro für den Aktienindexfonds „Stoxx Global Artificial Intelligence“ ein. Seit Jahresanfang spielte er ein Fünftel Gewinn ein. Bei ihm sind die schlauen Maschinen gleich doppelt im Spiel: Smarte Algorithmen besorgen hier nicht nur die Aktienauswahl – sie suchen außerdem gezielt nach Firmen, die künftig vom Einsatz Künstlicher Intelligenz profitieren dürften.

Das macht Indexanbieter Stoxx aber nicht selbst. Er verlässt sich hier auf Yewno, eine auf Künstliche Intelligenz spezialisierte Technologiefirma aus Kalifornien. Die Deutsche-Bank-Fondstochter DWS nutzt bei ihrem Indexfonds „Xtrackers Artificial Intelligence and Big Data“ ebenfalls die Yewno-Expertise.

Trotz der Aufbruchstimmung bleiben die Warnungen von Elon Musk präsent. „Wir müssen sie ernst nehmen“, meint Campbell Harvey. Der renommierte US-Finanzprofessor berät auch den großen Hedgefonds Man Group. Dennoch sieht er für die Asset-Manager nur eine Chance, um konkurrenzfähig zu bleiben: viel Geld in die Verarbeitung großer Datenmengen und in Künstliche Intelligenz zu investieren. Bei den künftigen Programmen rücke der Mensch weiter in den Hintergrund: „Die neuen Algorithmen werden sich selbst erschaffen.“

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