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14.01.2022

14:44

17 Milliarden Euro

Würth macht Rekordumsatz: Familienunternehmen wächst um ein Fünftel

Von: Martin-W. Buchenau

Der Weltmarktführer für Montagetechnik hat 2021 über 50 Prozent mehr Gewinn gemacht. Ein Forschungszentrum soll nun für mehr Unabhängigkeit sorgen.

Der Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe will das Unternehmen in Zukunft unabhängiger von Importen machen. Sebastian Gollnow/dpa

Robert Friedmann

Der Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe will das Unternehmen in Zukunft unabhängiger von Importen machen.

Stuttgart Manchmal irrt sich auch ein Firmenpatriarch wie Reinhold Würth mit seinen 86 Jahren. „Ich versuche immer, weit vorauszudenken bis ins Jahr 2050, auch wenn ich das nicht mehr erleben werde“, sagte Würth im vergangenen Sommer dem Handelsblatt und prognostizierte für 2021 eine Umsatzsteigerung auf „zwischen 15 und 16 Milliarden Euro“. Der Patriarch war bei der Aufnahme in die „Hall of Fame“ des Handelsblatts in Feierlaune. „Das Unternehmen ist bockgesund.“

Die Wirklichkeit beim Weltmarktführer in Vertrieb und Herstellung von Montage- und Befestigungsmaterial übertrifft seine kühne Prognose noch: Nach vorläufigen Zahlen wuchs Würth 2021 um 18,5 Prozent auf 17,1 Milliarden Euro Umsatz. Das direkt nach dem Krieg 1945 gegründete Unternehmen aus Künzelsau ist mitten in der Pandemie um knapp ein Fünftel größer geworden. „Auch wenn vier bis fünf Prozentpunkte des Wachstums der Inflation zuzuschreiben sind, sind wir sehr zufrieden mit 2021“, sagt Würth-Chef Robert Friedmann.

In der mit der Pandemie entstandenen und anhaltenden Chipkrise stieg die Nachfrage nach Würths Elektronikprodukten wie Leiterplatten und elektronischen und elektromechanischen Bauelementen enorm an. Die Würth-Elektronik-eiSos-Gruppe, die unter anderem Leiterplatten baut, legte beim Umsatz um 37 Prozent auf über 1,1 Milliarden Euro zu, der Elektrogroßhandel um 29 Prozent auf über 2,8 Milliarden Euro. Auch Hamsterkäufe der Kunden macht Friedmann als Gründe der hohen Nachfrage aus. Die eigentliche Chipkrise traf Würth nur indirekt, weil Würth eher passive Bauelemente verwendet.

Das Unternehmen beschäftigt weltweit inzwischen 33.000 Außendienstler. Zusätzlich verdoppelte das Unternehmen die Zahl der eigenen Verkaufsniederlassungen in den letzten zehn Jahren auf knapp 2500. Im vergangenen Jahr verkaufte es außerdem ein Fünftel seiner Waren über das Internet.

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    Friedmann sieht sich in seiner Strategie bestätigt, mit dem Außendienst, den eigenen Geschäften und dem Onlinehandel auf alle drei Vertriebskanäle zu setzen.

    Das Wachstum zeigt sich auch bei der Belegschaft: Über 83.000 Angestellte hat Würth inzwischen, 4000 mehr als vor einem Jahr. Das Beschäftigungswachstum ist mit fünf Prozent aber deutlich kleiner als das Wachstum des Geschäfts, mit entsprechendem Hebel auf die Ertragskraft.

    Würth steigert 2021 den Gewinn um über 50 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro

    Das Betriebsergebnis schoss von 775 Millionen Euro auf 1,2 Milliarden Euro um über 50 Prozent in die Höhe. Würth-Chef Friedmann begründet den Gewinnsprung mit Produktivitätssteigerungen. Das passt zu den ambitionierten Langfristzielen des Eigentümers Reinhold Würth: „Unsere Produktivität muss sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln, wenn wir in 30 Jahren noch mit von der Partie sein wollen.“ Die Logistik müsse mit vollautomatischer Kommissionierung funktionieren. Sein Ziel sei ein Baukastensystem für die Produkte. „Alles muss zusammenpassen, wie bei Lego.“

    Im vergangenen Jahr ist Würth der Umsetzung dieser Ziele mit einer Produktivitätssteigerung um zehn Prozent ein gutes Stück nähergekommen. Allerdings fielen Kosten für Dienstreisen, Messen und Kongressen von rund 120 Millionen Euro in der Pandemie weg, wie Finanzchef Joachim Kaltmaier einräumte. Friedmann betont: „Wir befinden uns mitten in der vierten Welle der Pandemie, die Entwicklung der Lieferketten fordert uns alle. Wichtig ist auch, in einer Krise Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. In einem Familienunternehmen wie dem unsrigen nehmen Reinhold Würth und Bettina Würth dabei eine entscheidende Rolle ein.“

    Das Unternehmen gehört inzwischen einer Familienstiftung. Reinhold Würth hat als Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats allerdings immer noch das letzte Wort im Unternehmen.

    Beide sind heute nicht mehr operativ tätig, haben aber dennoch großen Einfluss im Unternehmen: Reinhold Würth baute das Unternehmen auf und ist heute Vorsitzender des Stiftungsrats. Seine Tochter Bettina führt den Beirat der Würth-Gruppe. Würth

    Reinhold und Bettina Würth

    Beide sind heute nicht mehr operativ tätig, haben aber dennoch großen Einfluss im Unternehmen: Reinhold Würth baute das Unternehmen auf und ist heute Vorsitzender des Stiftungsrats. Seine Tochter Bettina führt den Beirat der Würth-Gruppe.

    Der Eigentümer investiert in die Zukunft: Die Künzelsauer bauen gerade für 70 Millionen Euro ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum, das im Herbst 2022 fertig sein soll. Würth verspricht sich davon eine Beschleunigung der Innovationskraft etwa bei Schwerlastdübeln zur Brückensanierung und zusätzliche Unabhängigkeit. Die wachsenden eigenen Fertigungsbetriebe sollen den Erfolg auch langfristig sichern. „So sind wir nicht auf chinesische Stahlimporte angewiesen. Heute haben bereits 80 Prozent unserer Waren ihren Ursprung in Europa“, sagt Friedmann.

    Würth spürt die aktuellen Importprobleme vor allem durch horrend gestiegene Frachtpreise. Die Chipengpässe der Autoindustrie spürt das Unternehmen indirekt. Würth liefert Autoherstellern Schrauben und anderes Befestigungsmaterial mit einem Volumen von rund 700 Millionen Euro direkt ans Band. Die benötigen aber weniger Würth-Produkte, wenn wegen des Chipmangels auch weniger Autos gebaut werden.

    Beschaffung bleibt auch 2022 schwierig

    „Die Situation auf dem Beschaffungsmarkt wird auch 2022 angespannt bleiben“, erwartet Friedmann. „Trotz dieser Unwägbarkeiten gehen wir davon aus, dass wir im laufenden Geschäftsjahr wieder zweistellig wachsen werden.“ Wegen Omikron müsse das Unternehmen aber auf alles gefasst sein. Wenn viele Mitarbeiter in den nächsten Wochen coronabedingt ausfielen, könnte das auch Würth empfindlich bei der Lieferfähigkeit treffen.

    Friedmann sieht Würth mit seiner Multi-Kanal-Strategie, einer weitreichenden Digitalisierung und der Vielzahl eigener Produktionsbetriebe dennoch robust aufgestellt.

    Die Ratingagentur Standard & Poors sieht das ähnlich: Würth hat seit über elf Jahren ein A-Rating mit stabilem Ausblick, auch das gesamte Umfeld des Familienunternehmens wird als „strong“ bewertet. Die Liquidität dürfte inzwischen über der im Sommer noch genannten einen Milliarde Euro liegen.

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