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22.05.2019

11:01

Anwalt Rainer Eckert im Interview

Krankenhäuser in der Insolvenz – „Es wird um jede Klinik gekämpft“

Von: Maike Telgheder

Etliche Kliniken stehen vor der Zahlungsunfähigkeit. Insolvenzexperte Rainer Eckert erklärt, warum so viele Krankenhäuser in Schieflage geraten.

Rainer Eckert: Insolvenz – „Es wird um jede Klinik gekämpft“ dpa

Klinken vor dem Aus

Viele Krankenhäuser haben mit Finanzproblemen zu kämpfen.

Düsseldorf Als Rechtsanwalt hat Rainer Eckert etliche insolvente Krankenhäuser beraten. Im Interview spricht er über die Perspektiven für insolvente Einrichtungen und die Investments großer Betreiber.

Herr Eckert, laut aktuellem Krankenhaus-Rating-Report geraten immer mehr Kliniken in akute Insolvenzgefahr. Was beobachten Sie?
Die Zahl der Insolvenzen nimmt quer über alle Trägergruppen zu. Wir sehen deutlich mehr Fälle von Zahlungsunfähigkeit als noch vor Jahren. Allein unsere Kanzlei hat in den vergangenen fünf Jahren 14 Insolvenzverfahren mit mehr als 40 Kliniken verwaltet.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Grundsätzlich ist die Konsolidierung des Marktes politisch gewollt und wird mit entsprechenden Gesetzen vorangetrieben. Man will weg von den kleineren Häusern hin zu größeren Einheiten. Das Leistungsangebot soll auch mit Blick auf eine Verbesserung der Qualität konzentriert werden. Ein anderer Faktor ist, dass viele Träger weniger bereit sind als früher, Defizite ihrer Häuser auszugleichen.

Warum?
Gerade bei den kirchlichen Trägern scheinen die Taschen nicht mehr so gut gefüllt zu sein wie noch vor Jahren. Man will nicht mehr jedes Haus unterstützen. Kommunale Träger wiederum, die ihre defizitären Häuser unterstützen, sehen sich immer öfter Wettbewerbsklagen von privaten Klinikkonzernen gegenüber, die sich durch diese Praxis benachteiligt fühlen.

Welche Rolle spielen hausgemachte Probleme bei den Insolvenzen?
Fehlentscheidungen des Managements haben natürlich oft entscheidenden Anteil daran, dass eine Klinik insolvent wird. Viele Krankenhausmanager kommen noch aus der Kultur, in der man bei Problemen die Kommune oder das Bistum um finanzielle Unterstützung bitten konnte. Dieses Denken ist noch in vielen Häusern zu finden.

Der Experte der gleichnamigen Kanzlei hat als Sachverwalter viele insolvente Kliniken beraten.

Rechtsanwalt Rainer Eckert

Der Experte der gleichnamigen Kanzlei hat als Sachverwalter viele insolvente Kliniken beraten.

Was sind häufige strategische Fehlentscheidungen?
Ein klassischer Fehler ist beispielsweise, dass man zwei Kliniken zusammenlegen will, um mehr Synergien zu heben, aber dann nicht den nötigen Personalschnitt macht und über Jahre zwei Belegschaften weiterführt. Ein anderer Fehler ist, aus einem kleinen Krankenhaus eine kleine Uniklinik machen zu wollen, die alle Bereiche abdecken soll, aber dann nicht entsprechend ausgelastet ist.

Die Regierung hat seit 2016 einen Strukturfonds eingerichtet, aus dem Gelder zur Verbesserung der Klinikstrukturen abgerufen werden können. Hilft der insolvenzgefährdeten Häusern?
Eine Sanierung ist teuer und zeitintensiv, man muss an vielen Stellen investieren: Etwa die Schließung eines Standortes, die erhebliche Schließungskosten verursacht. Eine Standortschließung wird außerhalb einer Insolvenz mit einer „Prämie“ unterstützt. Im Insolvenzverfahren ist es hingegen schwierig für eine solche Maßnahme Unterstützung zu erhalten.

Deswegen unterstützt der Strukturfonds eher die Träger, die sich noch nicht in einer akuten Krise befinden. Eine Sanierung außerhalb eines Insolvenzverfahrens kann durch die Instrumente des Strukturfonds unterstützt werden.

Insolvenzen eröffnen den anderen Anbietern im Markt Zukaufmöglichkeiten. Gibt es viele Interessenten?
Wir stellen ganz klar fest, dass sich die großen Trägergruppen stark für die Insolvenzen, die wir verwalten, interessieren. Die Summen, die geboten werden, sind hoch. Die potenziellen Käufer haben sich sehr genau überlegt, wie sie sich mit den zu erwerbenden Häusern strategisch günstig in einer Region aufstellen können. Die Konzerne haben analysiert, wie der Bedarf ist, welche Zuweiserstrukturen es gibt und welche Kliniken als Portal für größere Häuser  der so genannten Maximalversorgung fungieren. Da wird um jede Klinik, um jedes medizinische Versorgungszentrum gekämpft, um der Konkurrenz nicht das Feld zu überlassen.

Wer bietet? Vor allem die großen privaten Anbieter wie Helios, Asklepios, Sana und Co?
Ja, die großen privaten Konzerne sind aktiv, aber es gibt durchaus auch interessierte konfessionelle Träger. Die ViaSalus-Kliniken etwa stellen sich jetzt mit Hilfe der katholischen Alexianer-Gruppe neu auf. Manchmal kommen auch mittelgroße private Klinikbetreiber zum Zug wie die KMG-Kliniken, die kürzlich die insolventen DRK-Kliniken in Thüringen und Brandenburg erworben haben.

Was ist mit Investmentgesellschaften?
Private Equity Firmen sind zuweilen am Anfang im Bieterprozess dabei. Aber meist sind es strategische Investoren. Dass eine Investmentgesellschaft wie Porterhouse die Paracelsus-Gruppe übernommen hat, ist eher ungewöhnlich.

Wie geht es weiter im Klinikmarkt?
Der Restrukturierungsbedarf bleibt hoch. Die Kosten der Kliniken steigen und die Anforderungen auch. Ich glaube, dass es mindestens noch fünf bis zehn Jahre dauern wird, bis der Markt die Veränderungen, die politisch angestoßen wurden, verkraftet hat. Deshalb gehe ich fest davon aus, dass wir in Zukunft noch weitere Insolvenzen und auch weitere Transaktionen sehen werden.

Mehr: Paracelsus, DRK-Kliniken, Via Salus – die deutsche Krankenhausbranche hat in den vergangenen Monaten einige Insolvenzen erlebt. Und es wird wahrscheinlicher, dass weitere Kliniken zahlungsunfähig werden. Denn die wirtschaftliche Lage der Häuser verschlechtert sich zusehends, wie nun der Krankenhaus-Rating-Report zeigt.

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