Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

13.04.2019

14:06

Anwaltsbranche

Work-Life-Balance als oberstes Ziel – Kanzlei Reuschlaw geht neue Wege

Von: Christian Wermke

Anwalt Philipp Reusch ist auf Haftungsrecht spezialisiert. Speziell führt er auch seine Kanzlei. Work-Life-Balance hat dort einen hohen Stellenwert.

Das Maß von Reuschlaw sind nicht andere Kanzleien. Magnus Winter

Philipp Reusch

Das Maß von Reuschlaw sind nicht andere Kanzleien.

Düsseldorf Nach zehn Jahren im Job merkte Philipp Reusch, dass er mal raus musste. Er reiste um die Welt: Tel Aviv, Palermo, Thailand, ging feiern, machte viel Sport. „Wenn du innovativ sein willst, musst du mal was anderes gesehen haben“, sagt der Jurist. Er ließ damals von der IT seine E-Mails abstellen, war die ganze Zeit nicht erreichbar.

Dabei ist Reusch nicht irgendein Anwalt. Er ist der Chef von Reuschlaw, seine Kanzlei hat 29 Mitarbeiter. Die Firma zählt zu den führenden wirtschaftsberatenden Kanzleien im Produkthaftungsrecht. Dabei geht die Kanzlei in der Anwaltschaft unübliche Wege. Neben Sabbaticals ist auch Teilzeit möglich und alle Mitarbeiter sind am Gewinn beteiligt – und nicht nur wie sonst die Partner.

Vielleicht liegt es daran, dass Reuschlaw keine typische Anwaltskanzlei ist. Im Haftungsfall übernehmen Reuschs Leute oft die Krisenkommunikation, machen Vorschläge zur Produktverbesserung, wickeln Rückrufaktionen ab, informieren die Verbraucher. So wie 2010: Damals wurde eine OP-Leuchte mit beweglichem Federarm an mehreren Stellen brüchig. In einer Klinik rauschte die Leuchte auf den Operationstisch. Niemand wurde verletzt, das Produkt musste aber ausgetauscht werden, weltweit 11.000 Stück.

Reuschlaws Auftraggeber kommen aus Autoindustrie, Maschinenbau, Medizintechnik. Aber immer öfter sind auch Start-ups dabei, KI-Firmen, Unternehmen, die mit Blockchain oder 3D-Druck arbeiten. Denn Produkthaftung braucht es auch im Digitalen. „Jede Bestellung eines smarten Kühlschranks ist ein rechtlicher Vorgang“, sagt Reusch. Allerdings sei das Internet der Dinge eine Technologie, für die immer noch alte Regeln gelten.

Teilzeit und Nannys

Der 44-Jährige, Hipster-Bart und große Brille, machte vor dem Jurastudium eine Ausbildung zum Industriekaufmann beim Beschlägehersteller Siegenia. 2004 gründete er seine Kanzlei, das erste Büro hatte er im Starterzentrum der Saarbrücker Uni – für 100 Euro Miete im Monat. Der erste große Produkthaftungsfall war ein saarländischer Autozulieferer.

Anwaltsgebühren: Anwälte fordern eine höhere Vergütung – Die FDP gibt dabei Hilfestellung

Anwaltsgebühren

Anwälte fordern eine höhere Vergütung – Die FDP gibt dabei Hilfestellung

Anwälte fordern die Anpassung ihrer Vergütung und argumentieren mit höheren Kanzleikosten. Die FDP-Fraktion springt ihnen mit einem Reformantrag bei.

2013 verließ er die Wahlheimat, hatte damals schon fünf Mitarbeiter. „Um die Leute zu finden, die ich gebraucht habe, musste ich nach Berlin gehen“, sagt Reusch. „Meine Mitarbeiter müssen die Unternehmen verstehen, sich in sie reindenken, auch die technischen Werkzeuge verstehen“, sagt Reusch.

Er selbst war nie in einer Großkanzlei angestellt. Aber er kennt die Horrorgeschichten von ausgemergelten Jungjuristen, die 16 Stunden arbeiten und auch am Wochenende bis spät abends über ihren Fällen hocken. „Bei uns müssen die Leute kreativ sein. Das schafft aber niemand nach 16 Stunden.“

Auf Work-Life-Balance legen er und seine Kollegen großen Wert. Es gebe immer noch die Fraktion „work hard, play harder“, meint Reusch. „Aber die Arbeitswelt wandelt sich immer mehr, den Leuten werden andere Dinge wichtiger.“ Reusch selbst lebt es vor. Oft geht der Chef um 18 Uhr nach Hause, will Zeit für Hobbys, Sport, seine Familie. Er hat einen zweijährigen Sohn, bald kommt eine Tochter. Auf mehr als 50 Arbeitsstunden die Woche kommt er nie.

Alle Mitarbeiter, in Berlin sind es mittlerweile 20, in Saarbrücken neun, können ins Homeoffice gehen. Die meisten arbeiten Teilzeit, auch einige der Männer. „Wer es mit der Kinderbetreuung mal nicht gebacken bekommt, dem stellen wir auch eine Nanny“, sagt Reusch. Es sei alles nur eine Frage der Organisation. Auch Teilzeit stört ihn überhaupt nicht: „Braucht man eine volle Kraft, muss man eben noch jemanden in Teilzeit anstellen, der die 100 vollmacht.“ Er schreibt auch explizit Teilzeitstellen aus.

Reuschlaw kann keine Einstiegsgehälter wie eine Großkanzlei zahlen, nicht sechsstellig, wie es Usus in der Branche ist. Nach zwei bis drei Jahren sei man auch hier sechsstellig. Ein Viertel des Unternehmensgewinns wird am Jahresende an die Mitarbeiter ausgeschüttet. Jeder hat zudem die gleichen Aufstiegschancen, kann nach fünf Jahren Salary Partner werden.

Konkurrenz: öffentlicher Dienst

So wie Miriam Schuh. Die 44-Jährige war früher angestellt in mittelständischen Kanzleien. „Es gab einfach null Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, erzählt sie. Zwar habe es eine Spielecke gegeben, aber was zählte war Präsenz. Als die Fachanwältin für Medizinrecht ihr zweites Kind bekam, ging sie in Elternzeit und kündigte, machte sich dann selbstständig. Zurück ins Angestelltenverhältnis? Nur zu ihren Bedingungen.

Karriere: Was Manager nach ihrer Sturm-und-Drang-Phase im Job antreibt

Karriere

Was Manager nach ihrer Sturm-und-Drang-Phase im Job antreibt

Bücher über die ersten 100 Tage als Chef gibt es viele. Doch wie machen Manager danach weiter? Fünf Führungskräfte berichten von Vor- und Nachteilen der Routine.

Bei Reuschlaw hat sie eine 35-Stunden-Woche, kommt auf 45 Tage Urlaub, nimmt immer vier Wochen in den Sommerferien. Einen Tag die Woche arbeitet sie von zu Hause aus. „Mein Benchmark sind nicht andere Kanzleien“, sagt Reusch. „Wir schauen eher, was Amazon oder Zalando so für ihre Mitarbeiter machen.“

Beim Deutschen Anwaltverein beobachtet man seit der Jahrtausendwende einen stetigen Rückgang der Absolventenzahlen beim zweiten Staatsexamen. „Im Wettbewerb um die Besten konkurrieren Anwaltssozietäten mit Unternehmen und dem öffentlichen Dienst“, heißt es vom Branchenverband.

Wollten die Kanzleien als Arbeitgeber attraktiv bleiben, täten sie gut daran, „sich auch an den Bedürfnissen des Nachwuchses zu orientieren“. Schon heute seien Anwaltskanzleien deutlich offener für flexible Arbeitsmodelle, als dies noch in früheren Generationen denkbar war.

So wie die Kanzlei von Philipp Reusch. Die Sabbatical-Regelung hat der Gründer mit seinen Partnern gerade überarbeitet. Nun kann jeder schon nach drei und nicht erst nach fünf Jahren eine Auszeit nehmen. Einer der ersten Nutznießer: Reusch selbst. Ende 2020 ist er dann mal wieder weg, für drei Monate.

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×