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09.09.2019

20:49

Aktivistin Velo vs. VW-Chef Diess

„Ihr Greenwashing macht mich wütend“ – aber Herbert Diess bleibt ganz cool

Von: Jens Koenen

Es drohte ungemütlich zu werden für den Autoboss. Und tatsächlich ging die Klima-Kämpferin Tina Velo den VW-Chef hart an. Doch der zeigte sich abgebrüht und kritikerprobt.

Aktivistin Velo gegen VW-Chef Diess – Streitgespräch ohne Sieger Reuters

Herbert Diess

Sowohl der VW-Chef als auch seine Kontrahentin hatten sich gut vorbereitet.

Frankfurt Tina Velo hatte die Messlatte vor dem Gespräch hoch gehängt – sehr hoch. „Das falsche grüne Image würde ich gerne im Streitgespräch mit Herrn Diess demaskieren“, hatte die Klimaaktivistin am Montagvormittag mit Blick auf die E-Initiative von Europas größtem Autokonzern angekündigt. Und hinzugefügt: „Ich habe auch keine Angst davor, weil wir die besseren Argumente haben.“

Eine gute Stunde stritten die Sprecherin von „Sand im Getriebe“ und Volkswagen-Chef Herbert Diess am Montagabend – moderiert von Malte Kreutzfeldt, Umweltredakteur der Tageszeitung „Taz“. Am Ende konnte Velo ihr Versprechen nur zum Teil einlösen. Was auch daran liegt, dass sich Diess eben nicht so leicht demaskieren lässt. Zu abgebrüht, zu kritikerprobt ist der Topmanager. Und so wurde aus dem Streitgespräch vor allem ein Austausch bekannter Positionen – ohne wirklichen Erkenntnisgewinn.

Gleich zu Beginn geht Velo hart mit Diess und VW ins Gericht. „Die Autokonzerne und allen voran VW haben den größten Skandal überhaupt provoziert“, sagt die 33-Jährige mit Blick auf den Dieselskandal. „Und Sie haben mutwillig den Tod von Millionen Menschen in Kauf genommen.“

Doch der VW-Chef lässt sich nicht aus der Reserve locken, bleibt ruhig, geht nicht dazwischen und antwortet konzentriert, als er an der Reihe ist: Man könne der Branche sicherlich viel vorwerfen, räumt er ein. „Aber die Autobranche befindet sich im Wandel, wir zeigen auf der IAA fast nur E-Autos.“

Eine Aussage, die Velo auf die Palme bringt: „Das mag ökologisch klingen, das mag wie ein Wandel klingen. Aber das ist nicht mehr als ein Feigenblatt. Ihr Greenwashing macht mich wütend.“ VW habe es nicht geschafft, E-Transporter oder E-Busse zu bauen. Es gehe eben nicht nur um das Auto, es gehe um ganz neue Konzepte für die gesamte Mobilität. „Mir dreht sich gerade der Magen um, wenn ich höre, dass die Autoindustrie die Zeichen erkannt hat. Sie bauen immer mehr dicke SUVs, tonnenschwere Stadtpanzer, die 80 Kilo Mensch transportieren.“

„Es braucht eine klare Politik, die das Auto zurückdrängt. So lange werden auch keine Alternativen in der Stadt kommen.“ dpa

Tina Velo

„Es braucht eine klare Politik, die das Auto zurückdrängt. So lange werden auch keine Alternativen in der Stadt kommen.“

Ein wunder Punkt der Branche. Der Boom der schweren Geländewagen sorgt für wachsende Kritik. Und er macht es für die Hersteller immer schwerer, künftige Emissionsvorgaben einzuhalten. „Ja, wir bauen SUVs. Das ist richtig“, antwortet Diess sachlich. „Aber wir brauchen deren Gewinne, um in die Zukunft investieren zu können. Sie sind das, was der Kunde heute fahren will.“ Aber er teile durchaus viele von Velos Punkten. Er selbst setze sich zum Beispiel für den Kohleausstieg ein. „Und ich fahre sehr gerne Fahrrad.“

Beide Seiten haben sich gut vorbereitet

Auch wenn persönliche Angriffe ausbleiben – es wird schnell klar, dass beide Seiten nicht zueinanderfinden werden. Einigkeit herrscht nur in einem Punkt: Der Mensch braucht Mobilität. Doch das ist es dann auch schon. Wie diese Mobilität künftig aussehen soll, darüber gehen die Meinungen mächtig auseinander. „Das Auto zu verteufeln wäre der falsche Weg“, sagt Diess. Und unterbreitet einen Kompromissvorschlag: „Sie haben recht, dass das Auto für die Mobilität in der Stadt ein schlechter Kompromiss ist. Da braucht man andere Lösungen.“ Autos bräuchten hier zu viel Platz.

Doch Velo ist das längst nicht genug, auch nicht die neuen Sammeldienste, wie VW sie etwa mit Moia in Hamburg gerade testet. „Die neuen Mobilitätsangebote verdrängen in der Regel nicht das Auto, sie verdrängen die öffentlichen Verkehrssysteme“, sagt die Aktivistin und fordert: „Es braucht eine klare Politik, die das Auto zurückdrängt. So lange werden auch keine Alternativen in der Stadt kommen.“

Ein heikler Punkt für einen Konzernchef, dessen Hauptgeschäft derzeit der Verkauf von Autos ist und wohl auch noch länger bleiben wird. „Es ist für die Industrie schwer, 50 Jahre im Voraus zu planen“, wirbt er um Verständnis. Velo entfährt nur ein: „Das ist entlarvend. Ich bin schockiert.“

Grafik

Streit gibt es auch, als die Debatte zur Grundsatzfrage kommt, ob Wachstum und Ressourcenschonung überhaupt in Einklang zu bringen sind. „Es gibt keine Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch“, argumentiert Velo. Das Ziel von VW sei es nun mal, dicke Autos zu verkaufen, weil die Marge dort höher sei. Das gehe zwangsläufig zulasten der Umwelt. Aus diesen Zwängen könne sich der Konzern gar nicht lösen. Das stimme so nicht, kontert Diess. „Ich teile Ihre Auffassung überhaupt nicht. Wachstum ist mit Nachhaltigkeit zu verbinden. Die Menschen müssen nicht auf Wohlstand und Komfort verzichten, davon bin ich überzeugt.“

Beide Seiten haben sich gut vorbereitet – mit Zahlen, Fakten und Argumenten. Und so stellt Moderator Kreutzfeldt am Ende auch wenig überraschend fest, dass man nicht viele Punkte habe, wo man sich einig sei. Einen gibt es dann allerdings doch noch: Allein kann die Industrie die Mobilitätswende nicht stemmen, erklären beide Seiten. „Wir brauchen die Politik“, sagt Diess.

Wobei Velo deutliche Zweifel äußert, ob dazu derzeit die richtigen Politiker an der Macht sind: „Wir haben hier ein Autoverkaufsministerium. Die Verbindung zwischen Politik und Industrie ist sehr eng. Und wir haben im Moment eine Politik, die eine Verkehrswende unmöglich macht.“ Eine Aussage, die Diess nicht kommentiert.

Kommentare (1)

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Herr Alfred Meissner

11.09.2019, 19:42 Uhr

Elektroautomobil : Strom aus einem Akku oder Strom aus einer Brennstoffzelle,beide mit einem Elektromotor.
Also ist auch die "Wasserstoffvariante" ganz einfach ein Elektrofahrzeug!
Wenn über die Ökologie gesprochen wird ist langfristig gesehen die Brennstoffzelle die bessere Lösung.
Aus Spitzenstrom (Sonne ,Wind ) Wasserstoff durch Elektrolyse herstellen und beim Fahrzeug kommt nur Wasser aus dem Auspuff.

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