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05.12.2018

18:18

Autobauer

Wie Deutschlands Autochefs versuchen, Donald Trump die Autozölle auszureden

Von: Annett Meiritz, Markus Fasse, Martin Murphy, Franz Hubik, Till Hoppe

Die deutschen Autobauer versprechen der US-Regierung weiter zu investieren. Die Drohung, Zölle auf Autoimporte aus Europa einzuführen, ist damit aber nicht vom Tisch.

Volkswagen will in den USA mit Ford kooperieren. Reuters

VW-Chef Diess in Washington

Volkswagen will in den USA mit Ford kooperieren.

Washington, Wolfsburg, Brüssel Bevor Volkswagen-Chef Herbert Diess mit der US-Regierung konferieren kann, muss er in der Kälte warten. Durch die Sicherheitsschleuse des pompösen Eisenhower Executive Office Buildings hat er es schon geschafft. Doch seine Begleiter hängen noch zwischen Taschen-Check und Metallscanner. Diess steht im schneidenden Wind, wippt mit den Füßen und nickt lächelnd den Fernsehkameras zu. „Auf geht’s!“, sagt seine Körpersprache.

Zwei Stunden später wird er der US-Regierung erstmals Vorschläge unterbreitet haben, wie VW die Investitionen auf dem amerikanischen Markt erhöhen will. Und er wird überraschend auf Donald Trump getroffen sein – für 30 Minuten, auf spontane Einladung des US-Präsidenten, im Westflügel des Weißen Hauses. Wie die Stimmung war? „Gut“, meint Diess im Anschluss knapp.

Von der Feindseligkeit, die Trump deutschen Autobauern regelmäßig entgegenschleudert, sollte am Dienstag wenig zu spüren sein. Noch am Morgen twitterte Trump, er sei ein „Mann der Zölle“. Nach dem Treffen hieß es, Trump habe lediglich „seine Vision eines geschäftsfreundlicheren Umfelds“ mitgeteilt.

Vom Tisch sind Autozölle allerdings nicht. Eine Sprecherin des Weißen Hauses sagte, es seien keine langfristigen Entscheidungen getroffen worden.

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    Diess, Daimler-Chef Dieter Zetsche und BMW-Finanzvorstand Nicolas Peter waren nach Washington gereist, um in einer chronischen Krise zu besänftigen. Formal liegt die Hoheit über Handelspolitik bei der EU-Kommission, doch auf den deutschen Autobauern lastet riesiger Druck. „Wir sind hier, um Autozölle zu verhindern”, sagte Diess in Washington.

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    Also machten die Gäste aus Deutschland ein verlockendes Angebot. Trump möchte mit seinem Handelskrieg nicht nur heimische, sondern auch ausländische Konzerne dazu drängen, ihre Produkte verstärkt in den USA herzustellen. Genau das stellten sie in Aussicht. „Der Präsident hat einen Punkt“, räumte Diess ein. „Wir sind bereit, mehr zu investieren.“

    Trump mag runde Zahlen und knackige Erfolgsmeldungen. VW konkretisierte nun eine geplante Kooperation mit Ford, möglicherweise will man Pick-ups gemeinsam herstellen, Kosten und Produktion teilen. Ford bestätigte Verhandlungen „in einer Reihe von Bereichen”, betonte aber, für Details sei es zu früh.

    VW dürfte sein Angebot gegenüber der US-Regierung wie eine Win-win-Situation verkauft haben. US-Automarken schwächeln, Ford will in den kommenden Jahren seine Modellpalette zusammenstreichen. Und seit General Motors angekündigt hat, US-Fabriken schließen zu wollen, steht Trump zusätzlich unter Druck. Die deutschen Autobauer hingegen expandieren, und das in für Trump wichtigen Regionen: Ihre US-Werke stehen in Bundesstaaten, die für eine mögliche Wiederwahl 2020 entscheidend sein könnten. Während Daimler und BMW ihre US-Werke seit Jahren zu Exportbasen für Geländewagen ausbauen, muss VW noch nachziehen. Konzernchef Diess hat ein zusätzliches Werk in Aussicht gestellt.

    Nafta zwingt zu Investitionen

    Maximal drei Vertreter durften die deutschen Autobauer mit in die Gespräche nehmen. Gut vorbereitet seien die Amerikaner gewesen, hieß es anschließend. „Nüchtern-fachlich, aber in der Sache freundlich“ sei US-Handelsminister Wilbur Ross mit den Deutschen die geplanten Investitionen durchgegangen.

    Jeweils 45 Minuten dauerten die Einzeltermine mit Ross, anschließend folgte der Gruppentermin mit Trump. Der US-Präsident beließ es bei den großen Linien: Das Handelsdefizit zwischen Europa und den USA sei zu groß, die deutschen Autokonzerne müssten mehr in den USA investieren, lautete seine bekannte Forderung.

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    Daimler und BMW wollen ihre Werke in Alabama und South Carolina ohnehin ausbauen – und preisen die USA als ihre „zweite Heimat“. Auch ohne höhere Einfuhrzölle zwingt die US-Regierung die Konzerne zu Investitionen. Nach der Neuverhandlung des Freihandelsabkommens Nafta mit Mexiko und Kanada müssen die Autohersteller künftig 75 Prozent statt 62 Prozent der Wertschöpfung vor Ort leisten. Diese Vorgabe erfüllen bislang weder die Deutschen noch die Japaner.

    BMW-Finanzvorstand Nicolas Peter erläuterte die Pläne der Münchener, die Kapazität des Produktionswerks in South Carolina von derzeit 380.000 Autos auf bis zu 500.000 Stück pro Jahr zu erhöhen. Um die Nafta-Anforderungen zu erfüllen, prüft der Konzern zudem den Bau eines Motorenwerks in den USA, für das ein dreistelliger Millionenbetrag fällig wäre.

    Immerhin 70 Prozent der in den USA gebauten BMW-Geländewagen gehen in den Export nach Europa und China – vorbildlich, wie auch Trump noch einmal lobte. Doch die BMW-Vertreter machten auch klar, dass diese Exporte wackeln: Weil China als Vergeltung auf US-Zölle mittlerweile 40 Prozent Einfuhrzoll auf die BMW-Geländewagen erhebt, erwägt der Konzern, mehr Autos in China zu bauen. Bereits 2018 belasten diese Abgaben BMW mit 300 Millionen Euro. Und auch für 2019 rechnet der Konzern mit ähnlich hohen Belastungen.

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    Auch Daimler will weiter investieren – wenn sich die Rahmenbedingungen nicht weiter verschlechtern. Am Ende müsse es „in Summe Sinn machen“, sagte Konzernchef Dieter Zetsche in Washington. Um die neuen Nafta-Anforderungen zu erfüllen, prüfen auch die Stuttgarter eine Ausweitung der Motorenproduktion, die Daimler mit Renault-Nissan bereits jetzt in Tennessee betreibt. Dort laufen aber bislang nur Vierzylinder vom Band, größere Motoren werden nach wie vor aus Deutschland eingeführt.

    Die EU bleibt skeptisch

    Die EU-Kommission wollte das Treffen nicht weiter kommentieren. Eine Sprecherin stellte lediglich klar: „In Handelsfragen ist die Kommission die Einzige, die im Namen der EU verhandeln kann.“

    Trump und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hätten am Rande des G20-Gipfels in Buenos Aires bekräftigt, dass beide Seiten zu ihrer im Sommer getroffenen Vereinbarung stünden. Damals hatte Trump zugesichert, keine zusätzlichen Zölle auf Autos zu verhängen, solange die Handelsgespräche mit der EU laufen. In Brüssel ist man sich aber im Klaren darüber, dass der Bericht von Wirtschaftsminister Wilbur Ross jederzeit kommen kann, den Trump als Grundlage für Sonderzölle auf Autos braucht.

    In EU-Kreisen war die Reise der Autobosse nach Washington heftig kritisiert worden. Die Verantwortlichen in Brüssel befürchten, dass die US-Regierung die Konzerne als Druckmittel in den Handelsgesprächen einsetzt. Sie gehen davon aus, dass Trump die deutschen Autobauer auch deshalb ins Visier nimmt, um Streit zwischen Deutschland und Frankreich zu säen und damit die geschlossene Front der EU-Staaten aufzubrechen. In Paris wird schon länger befürchtet, dass die Bundesregierung zu nachgiebig sein könnte gegenüber Washington, um die deutsche Autoindustrie zu schützen.

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