MenüZurück
Wird geladen.

28.12.2018

04:09

Branchencheck

Für die Autoindustrie wird 2019 das Jahr des Antriebswechsels

Von: Markus Fasse

In der Autoindustrie geht der letzte Boom des Verbrennungsmotors zu Ende. Ab jetzt wird sich zeigen, wer wirklich für die Zukunft gerüstet ist.

Nur mit dem Elektroauto in Serienproduktion werden die deutschen Autohersteller im Geschäft bleiben. dpa

Aufgeladen

Nur mit dem Elektroauto in Serienproduktion werden die deutschen Autohersteller im Geschäft bleiben.

MünchenMichael Jost ist ein Freund von prägnanten Botschaften. Volkswagen, so der Strategiechef der Wolfsburger, habe kürzlich beschlossen „das Elektroauto in den Mittelpunkt“ seines Geschäftsmodells zu stellen. Das sei zwingend, immerhin gehe der weltgrößte Autobauer davon aus, dass in Europa ab 2040 keine Autos mehr mit Benzin- oder Dieselmotoren mehr zugelassen werden.

„Faktisch arbeiten unsere Kollegen an der letzten rein verbrennerischen Plattform“, sagt Jost mit ernstem Blick vom Podium. Ab dem Jahr 2026 sei der Verbrennungsmotor in Wolfsburg dann eine auslaufende Technik.

Die Ausführungen des obersten VW-Vordenkers auf dem Handelsblatt-Autogipfel Anfang Dezember verfehlten ihre Wirkung nicht. Schon gleich klingelten bei den Entscheidungsträgern im Konzern die Telefone, ob das denn so ernst gemeint war.

Im Prinzip ja lautete die Antwort, auch wenn das so in der Deutlichkeit noch keiner gesagt hat. Immerhin hatte der Aufsichtsrat wenige Tage zuvor den neuen Investitionsplan für die kommenden Jahre abgesegnet, der sieht 44 Milliarden Euro für Elektroantriebe vor. Das gefiel nicht jedem.

Und so war es der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh, der sich auf der gleichen Veranstaltung bemühte, seine Sicht der Dinge kund zu tun. „Was gebaut wird entscheidet immer noch der Kunde“ postulierte der mächtige Betriebsratschef von gleicher Bühne.

Dabei ist nicht nur den Wolfsburger Spitzenleuten längst klar: Weniger der Kunde sondern vielmehr die Politik bestimmt, was in den kommenden Jahrzehnten noch gebaut wird. In Europa sind es heute die Grenzwerte für Stickoxide, die dem Diesel in den Städten allmählich den Garaus machen. Weltweit sind es die Klimaziele, die das Ende des Verbrennungsmotors einläuten.

Grafik

Kurz vor Jahresende formulierte die EU-Kommission ihre Vorgaben für die kommende Dekade. Bis 2021 soll der Durchschnittsverbrauch der Neuwagenflotte bei 3,6 Litern Diesel liegen, ab 2030 dürfen es nur noch 2,6 Liter sein. Für die deutschen Autohersteller ist damit klar: Nur mit dem Elektroauto in Serienproduktion bleibt man noch im Geschäft.

Entwickler müssen neu denken

Diese Erkenntnis ist nicht neu, wird aber gerne verdrängt. Lange hat sich die Branche vor dem Stromauto gedrückt, ist es doch für alle Stakeholder ein unkalkulierbares Risiko. Entwickler die bislang nur Verbrennungsmotoren kannten, müssen ebenso neu denken wie die Produktions- und Marketingspezialisten.

Vorstände fürchten um die Margen, Betriebsräte um die Beschäftigten, denn ein Elektroantrieb benötigt viel weniger Arbeitsschritte als ein herkömmlicher Motor. Die bisherigen Anläufe sind eher holprig. Der 2013 eingeführte BMW „i3“ ist trotz Milliardeninvestitionen bis heute ein Nischenfahrzeug. Tesla gelang 2018 zwar der Anlauf des Massenmodells „Model 3“, schreibt aber weiter horrende Verluste.  

Demgegenüber feierten die traditionellen Autohersteller bis Mitte 2018 eine goldene Ära. Seit der Finanzkrise ging es für fast alle Unternehmen und ihre Zulieferer nur bergauf. Niedrige Zinsen, offene Märkte und eine scheinbar nicht endende Nachfrage aus China bescherten besonders den Premiumherstellern BMW, Daimler und Porsche Rekordgewinne.

Selbst der VW-Konzern, der rund 25 Milliarden Euro Belastung durch die Dieselkrise verdauen muss, steht noch halbwegs solide da. Doch seit Mitte des Jahres verhagelt die Politik die Party: In Europa führen die Behörden den neuen Verbrauchsstandard WLTP ein und erwischen vor allem den VW-Konzern kalt.

Die Folge: Bei Volkswagen und Audi stehen zweitweise die Bänder still, weil die Autos nicht rechtzeitig zertifiziert sind. US-Präsident Trump zettelt einen Handelskrieg mit China an, was die Exporte von Daimler und BMW in die USA besonders trifft. Die Folge: Nach acht Jahren Boom hagelt es seit Mitte des Jahres Gewinnwarnungen in der Autoindustrie.

Tesla bekommt 2019 echte Konkurrenz

Das Autojahr 2019 wird nicht minder spannend. Da wäre vor allem die Weltlage: Mag sich Donald Trump in neuen Attacken auf den Welthandel auch zügeln, mit dem Brexit steht der Autoindustrie ein Härtetest bevor.

Sollte Großbritannien die EU ungeordnet verlassen, dürfte es auf dem zweitgrößten Absatzmarkt Europas zu schweren Verwerfungen kommen. Für Ford, Opel, Land Rover Jaguar, Nissan, BMW-Mini und ihren Zulieferern wäre es zudem eine mittelschwere Katastrophe, wenn ihre Werke über Nacht nicht mehr Teil des europäischen Binnenmarktes wären.

Klimaziele: Die neuen CO2-Vorgaben sind die letzte Chance für die Autobauer

Klimaziele

Die neuen CO2-Vorgaben sind die letzte Chance für die Autobauer

Die Autohersteller halten sich mit Kritik an den EU-Vorgaben auffällig zurück. Sie wollen sich der neuen Realität stellen – VW verschärft bereits den Umbau.

Aber auch der Antriebswechsel wird 2019 sichtbar. Erstmals wird Tesla richtig Konkurrenz bekommen. Nach dem Jaguar E-Pace geht nun auch der bullige Elektro SUV Audi-Etron in Serie. Mercedes startet seine Elektro-Submarke mit dem EQ-C, ebenfalls ein Geländewagen mit Stromantrieb. BMW elektrifiziert den Mini und Porsche lässt den „Taycan“ von der Kette: 600 PS Leistung und 500 Kilometer Reichweite sollen neue Maßstäbe für Elektroautos setzen. Damit auch keiner liegen bleibt, baut Porsche gemeinsam mit BMW und Mercedes ein Schnellladenetz an deutschen Autobahnen.

Richtig Fahrt wird die Elektromobilität aber erst ab 2020 bekommen, wenn der VW-Konzern seine I.D.-Plattform startet. Das Stromauto im Golf-Format soll um die 30.000 Euro kosten und der Auftakt einer ganzen Modellfamilie werden.

Auch BMW wartet lieber noch zwei Jahre auf die Entwicklung der neuesten Batteriegeneration. Erst 2021 wird in München der „i4“ vom Band rollen, der mit Blick auf Reichweite, Leistung und Kosten der herkömmlichen 3er-Reihe ebenbürtig sein soll.

Auch das autonome Fahren muss auf die Rechnung

All das kostet viel Geld: Alle deutschen Autokonzerne haben ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf Rekordniveau gesteigert und wollen für ihre Aktionäre hohe Renditen und Dividenden erwirtschaften. Das ist auch bitter nötig, denn Autoaktien wurden 2018 von den Anlegern gemieden.

Zu groß die Angst vor weiteren Belastungen, zu gering das Vertrauen in die Wandlungsfähigkeit der etablierten Konzerne. Denn neben dem Elektroauto müssen die Konzerne den Trend zum Autonomen Fahren finanzieren. Zwar ist es bis zum selbstfahrenden Auto noch ein weiter Weg, doch die Mitfahrplattform Uber und der Google-Ableger Waymo arbeiten an neuen Betriebssystemen für das Auto, die den Fahrer überflüssig machen.

Das Kalkül: Wer den Fahrer ersetzt, senkt die Kosten für Taxifahrten um siebzig Prozent und macht den privaten Autoverkehr in der Stadt der Zukunft überflüssig. Da kann die etablierte Autoindustrie nicht am Spielfeldrand bleiben.

Neue Studie von Continental: Alle bauen Elektroautos – doch die Kunden bleiben skeptisch

Neue Studie von Continental

Alle bauen Elektroautos – doch die Kunden bleiben skeptisch

Die Autobranche setzt ihre Hoffnungen in den Wechsel auf Elektroautos. Doch der Kunde zieht noch nicht mit, warnt eine Conti-Studie.

So wird 2019 zeigen, wie alte Muster aufbrechen. Die Erzrivalen Daimler und BMW werfen ihre Mobilitätsdienstleister zusammen, um nicht von Uber und Konsorten ausgespielt zu werden. Volkswagen fädelt eine breite Kooperation mit Ford ein, um die Kosten für neue Modelle, Elektroautos und Autonomes Fahren möglichst breit zu verteilen.

Die Politik drängt auf ein gemeinsames Konsortium zum Aufbau einer europäischen Batterieindustrie, um die Vormacht der asiatischen Zellhersteller zu verhindern. Und alle suchen Kooperationen mit Techunternehmen, um im Zeitalter der Digitalisierung nicht als „Blechbieger“ in der Versenkung zu verschwinden.

Die Angst, zum Verlierer zu werden

Die Vorträge zum Thema „Verlierer“ kennt jeder Automanager vom letzten Strategieseminar: Die Hersteller von Dampfloks waren mit der Elektrifizierung der Eisenbahn erledigt. Und Nokia war solange Marktführer für Handys, bis Apple das Smartphone erfand.

So soll es Volkswagen nicht gehen, deshalb leistet sich das Unternehmen einen Strategiechef wie Michael Jost. Der entwirft folgerichtige Strategien und bewahrt den Konzern davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Wie offen solche Erkenntnisse dann ausgesprochen werden dürfen, das ist eine Frage der Konzernräson.

Man könnte es ja auch anders formulieren: Mit dem voraussichtlichen Entwicklungsstopp des Verbrennungsmotors Mitte des kommenden Jahrzehnts gehen die Lichter in Wolfsburg ja noch nicht aus. Gebaut werden dürfte der Golf mit Verbrennungsmotor bestimmt noch bis weit in die 30er Jahre. Das klingt weihnachtlich versöhnlich, wäre aber auch niemanden aufgefallen. 

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Jürgen Baumann

28.12.2018, 10:55 Uhr

Aha Herr Maskus Fasse
Zitat: "Tesla gelang 2018 zwar der Anlauf des Massenmodells „Model 3“, schreibt aber weiter horrende Verluste." Wie war noch Q3 2018? Es war immerhin das dritte Mal mit Plus im Quartal. Warten wir auf Q4 2018.
Zitat: "Tesla bekommt 2019 echte Konkurrenz". Kann man so sehen - muss man nicht. Bis jetzt haben wir noch Ankündigungen, die gerne immer wieder verschoben werden.
Mercedes: Bisher Fehlanzeige.
BMW i3 ein guter Versuch, aber dann sind die Entwickler vor Langeweile nach China geflüchtet. i8 ist nur ein Fake Stromer.
VW: Recht durchschnittlich bisher.
Audi: Na ja - der erste Versuch muss ja nicht gleich klappen bei einem Nischenhersteller von Elektrofahrzeugen in spe.
Wo spielt heute die Musik? Bei den Chinesen, Amerikanern, Japanern/Franzosen und Koreanern.
Für die deutsche Auto Industrie sehe ich schwarz. Sie wird den Weg der Werften, der Unterhaltungsindustrie und der Kommunikationstechnik gehen. Schade - kommt aber vor.
Ich glaube die wichtigste Botschaft von Ihnen versteckte sich in der Fusszeile zu jedem Artikel: "Keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben."

P.S. Der letzte Verbrenner läuft 2026 vom Band. Bitte mal nach Richard Randoll, Tony Seba und Ross Tessien recherchieren. Die erklären wie eine Disruption abläuft. Wir sind gerade mittendrin. Und jetzt fahre ich mal einkaufen - elektrisch.

Frau Nicole Bartels

28.12.2018, 12:27 Uhr

..."das Elektroauto in den Mittelpunkt“... Das sei zwingend, immerhin gehe der weltgrößte Autobauer davon aus, dass in Europa ab 2040 keine Autos mehr mit Benzin- oder Dieselmotoren mehr zugelassen werden.
Ja das ist wunderbar und wird spannende Neuheiten auf den Markt bringen.
Neutrino-Energy wäre die Lösung die Energieversorgung für die mobile, dezentrale Haushaltsenergie und für die Elektromobilität. Dazu liegen spannende internationale Forschungsergebnisse und Patente der Berliner Neutrino Energy Group bereit. Beispielsweise saubere Elektromobilität mit einem ersten Kleinfahrzeug PI, das mit unendlicher Reichweite fahren kann, quasi aus der Luft Tanken würde, angetrieben von Tag und Nacht milliardenfach strömenden Neutrinos, welche emissionsfreie Energie abgeben, kann ein Meilenstein gesetzt werden. http://motorzeitung.de/news.php?newsid=455551 Diese Ingenieurswissenschaftlichen und mit dem Physik Nobelpreis 2015 gekrönte Beweisführung der Energienutzung von Neutrinos sollten auch Japanische und Deutsche Investoren überzeugen.

Herr Sven Hemp

01.01.2019, 14:00 Uhr

Wird für die dt. Und generell althergebrachte Autoindustrie eine sehr interessante Dekade werden, da es glaube ich, aktuell noch schwer ist eine Prognose darüber abzugeben, bis wann die Verbrennungsmotoren wirklich verschwinden.
Je schneller und größer das E-Momentum wird, desto weniger Zeit bleibt den etablierten.

Man sollte dabei nicht vergessen, sich die Autohersteller mit Ihrem Vorgehen in der Dieselkrise nicht wirklich mit Rum bekleckert haben. Fehler passieren und für diese sollte eingestanden und bezahlt werden. Dadurch wäre Freiraum für zukünftige Entwicklungen wie die E-Mobilität und es gäbe nicht immer noch diesen Schandfleck, der sich ums eigene Bein klammert.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×