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05.12.2018

18:14

Doppelinterview

Wie die Digitalisierung die Mitarbeiterstruktur von VW und Audi verändert

Von: Andrea Rexer, Stefan Menzel

VW will digitalen Spirit im gesamten Unternehmen verankern. Wie das gelingen soll, erklären der VW-Betriebsratschef und der Audi-Digitalchef.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und Audi-Digitalchef Roland Villinger mit Handelsblatt-Ressortleiterin Andrea Rexer im Gespräch. Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Handelsblatt Auto-Gipfel 2018

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und Audi-Digitalchef Roland Villinger mit Handelsblatt-Ressortleiterin Andrea Rexer im Gespräch.

WolfsburgDie Digitalisierung der Fahrzeugflotte ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen der Automobilindustrie. Handelsblatt-Ressortleiterin Andrea Rexer sprach auf dem Auto-Gipfel mit dem Volkswagen-Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh und Audi-Digitalchef Roland Villinger.

Herr Villinger, Sie sind Chief Digital Officer bei Audi. Was verstehen Sie eigentlich genau unter Digitalisierung?
Villinger: In der Digitalisierung gibt es im Wesentlichen drei Bereiche – die Digitalisierung beim Kunden, dann die Umgestaltung im Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette und zu guter Letzt die Digitalisierung der „Soft Factors“, also der Unternehmenskultur und der Organisation. Wir brauchen so etwas wie einen digitalen Spirit im gesamten Unternehmen, die Belegschaft muss motiviert mitmachen.

Gibt es bei Ihnen noch zu viel von der guten alten deutschen Ingenieursmentalität, die leider den Kunden manchmal vergisst?
Villinger: Die Digitalisierung hat ja nun nicht erst vor wenigen Tagen begonnen. Navigation, Infotainment und Fahrassistenzsysteme sind gute Beispiele dafür, dass schon eine ganze Menge passiert ist. Also ein Teil unserer Mitarbeiter ist schon gut vorbereitet. Mit zunehmender Digitalisierung müssen wir einfach mehr Mitarbeiter hineinholen und entsprechend qualifizieren. In einem Punkt haben Sie allerdings recht: Der deutsche Ingenieur liebt technische Funktionalitäten. Die Digitalisierung soll dem Kunden helfen. Wenn ich dem Kunden zu viele Funktionen anbiete, dann macht die Digitalisierung das Leben nicht einfacher.

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Herr Osterloh, haben Sie heute die nötigen IT-Experten in den Reihen der Belegschaft?
Osterloh: Ich kann dazu nur sagen, dass wir das Thema IT als Betriebsrat frühzeitig im Blick hatten. Damit haben wir schon vor zehn Jahren in der Tarifrunde 2008 begonnen. Damals wurde ein interner Fördertopf eingerichtet, der neue Geschäftsideen außerhalb der bisherigen automobilen Wertschöpfungskette unterstützt. Dabei ging es schon früh oft um software-getriebene Themen. Aber: Um die nötigen Experten zu bekommen, müssen wir heute weg von der reinen Formalqualifikation, die auf irgendwelchen Zeugnissen festgehalten wird. Wir sollten doch vielmehr danach fragen, wer eine gewisse Affinität zum Thema IT hat. Dass das gelingt, haben wir als Betriebsrat schon mit einem eigenen Rekrutierungsprogramm gezeigt, das sehr erfolgreich auch Kolleginnen und Kollegen aus der Produktion zu künftigen IT-Spezialisten entwickelt hat. 

Und bewegt sich da jetzt etwas bei Volkswagen?
Osterloh: Unser Personalvorstand Gunnar Kilian hat das jetzt aufgenommen, Volkswagen führt die sogenannte „Fakultät 73“ ein. Mit diesem Programm wollen wir über 24 Monate neue IT-Experten ausbilden, Menschen aus dem Betrieb und von außen. Da darf auch gerne jemand dabei sein, der sein Informatikstudium abgebrochen hat. Denn, wie schon gesagt, uns geht es um die persönliche Affinität zum Thema IT. 

Was machen Sie mit Beschäftigten, die den Wandel nicht schaffen und die Angst vor Veränderung haben?
Osterloh: Bei Volkswagen machen wir uns die demografische Kurve zunutze. Wir werden Personal abbauen, aber eben sozialverträglich, Kolleginnen und Kollegen gehen vorzeitig über Altersteilzeit in Rente. 23.000 Arbeitsplätze geben wir über diesen Weg auf, zugleich werden aber 9000 neue Stellen geschaffen – besonders in den Bereichen Digitalisierung und Elektrifizierung. Dieses Programm im Rahmen des Zukunftspaktes läuft bis 2020. Ich gehe aber davon aus, dass wir nach dem Jahr 2020 genau mit diesen Themen weitermachen werden. Wir werden weiter Programme zur Altersteilzeit nutzen, um die Belegschaft auf künftige Herausforderungen vorzubereiten.

In unseren Ausbildungsberufen wird es eine riesige Umschichtung in Richtung Informatik geben. Bernd Osterloh (VW-Betriebsratschef)

Villinger: Dieses Thema muss man sehr symptomatisch angehen. Bei uns im Hause haben wir ein Programm zum strategischen Ressourcenmanagement aufgesetzt. Wir sehen uns dabei an, welche Kompetenzen in den nächsten fünf bis zehn Jahren an Bedeutung verlieren werden. Wo wird es an anderer Stelle eng? Wo brauchen wir neue Mitarbeiter und Talente?

Umschulung ist das Schlüsselwort?

Villinger:  Das ist ein klar festgelegter Prozess. Wir machen uns natürlich Gedanken darüber, wie wir Mitarbeiter aus weniger gefragten Bereichen umschulen können. Dazu gehört aber auch die Überlegung, an welchen Stellen wir im Unternehmen jemanden von draußen hereinholen.

Osterloh: Das ist eine spannende Frage für die Ausbildungsberufe. Wenn ich eine Personalbedarfsplanung für die nächsten Jahre aufstelle, dann muss ich mir doch heute schon Gedanken darüber machen, welche Kenntnisse und Fähigkeiten in drei oder vier Jahren gefragt sind. In dieser Diskussion befinden wir uns gerade mit unserem Personalwesen, denn in unseren Ausbildungsberufen wird es eine riesige Umschichtung in Richtung Informatik geben. Zum nächsten Ausbildungsstart am 1. September 2019 muss das fertige neue Programm stehen. 

Herr Osterloh, zum Schluss noch kurz zu einem anderen Thema. VW-Strategiechef Michael Jost hat auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel angekündigt, dass der Startschuss für die letzte Verbrennergeneration bei Volkswagen voraussichtlich im Jahr 2026 erfolgen wird. Was sagt die Belegschaft dazu?
Osterloh: Ich mache mir das jetzt einmal ganz einfach. Am Ende entscheidet ausschließlich der Kunde. Wenn Elektrofahrzeuge gewünscht werden, dann können wir die Nachfrage entsprechend befriedigen. Im Moment konzentriert sich das Kundeninteresse allerdings vor allem auf Benziner, der Anteil liegt bei 83 Prozent. Ob das Ende des Verbrenners im Jahr 2026 eingeläutet wird, das werden wir dann gemeinsam feststellen. Der Kunde wird die Richtung vorgeben. Und weil Sie die Belange der Belegschaft ansprechen: Die Ausgestaltung solcher strategischen Weichenstellungen überwacht letzten Endes auch immer noch der Aufsichtsrat bei Volkswagen.

Herr Osterloh, Herr Villinger, vielen Dank für das Interview.

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