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04.12.2018

13:46

Handelsblatt Autogipfel 2018

„Daimler, VW und BMW können sich nicht mehr auf die Politik verlassen“

Von: Jens Koenen, Martin Murphy

Die Sorge um das weltweite Handelssystem wächst. Die Analysen von Ex-Außenminister Gabriel und WTO-Vize Brauner auf dem Handelsblatt Autogipfel sind ernüchternd.

Autogipfel 2018

Warum die deutschen Autobosse in die USA reisen

Autogipfel 2018: Warum die deutschen Autobosse in die USA reisen

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WolfsburgKarl Brauner, der stellvertretende Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO), ist bekannt für durchaus klare Worte. Die findet er auch auf der Handelsblatt Autotagung in Wolfsburg. „Wenn jeder macht, was er will, was wir ja derzeit schon sehen, dann ist es vorbei mit der Vorhersehbarkeit.“

Über 20 Jahre habe das System der WTO gut funktioniert. „Nun erleben wir eine Abkehr vom globalen Handel in einem bisher nicht gekannten Ausmaß und auf Grundlage von Begründungen, die bisher nicht herangezogen wurden.“ Die US-Regierung hatte die Zölle auf Autos zum Teil damit begründet, dass die nationale Sicherheit bedroht werde, für Experten der Versuch, die WTO-Regeln zu umgehen.

Der Frust und die Sorge von Brauner sind in fast jedem seiner Sätze spürbar. Erst sehr spät nimmt er den Namen USA und auch den von US-Präsident Donald Trump in den Mund. Doch jedem im Saal ist von Beginn an klar, wen Brauner mit seinen Aussagen meint: die amerikanische Regierung, die einen Handelsstreit begonnen hat, der zu einem Handelskrieg zu werden droht. Der das fein austarierte System aus Handelsbarrieren und Zöllen unter der Steuerung der WTO ernsthaft infrage stellt.

„Die drei Autobosse von Daimler, VW und BMW können sich nicht mehr auf die Politik verlassen, müssen selbst nach Washington reisen und dort verhandeln, schlimmer kann man den Zustand des Welthandels nicht beschreiben“, sagt Sigmar Gabriel, der ehemalige Bundeswirtschafts- und -Außenminister und frühere SPD-Vorsitzende. Und fügt hinzu: „Das ist jetzt keine Kritik am Handeln der Manager. Um es offen zu sagen: Ich würde das auch machen, was bleibt ihnen denn übrig?“

Es ist eine bittere Analyse, die da zum Auftakt des Autogipfels in der Autostadt Wolfsburg vorgenommen wird. Die WTO habe die Folgen eines unregulierten Welthandels durchgerechnet, berichtet Brauner: Der würde weltweit um 17 Prozent sinken, das Bruttoinlandsprodukt um zwei Prozent.

Die Hoffnung, das Scheitern einer freien Wirtschaft noch zu verhindern, ist in Wolfsburg präsent, aber sie ist nicht sonderlich groß. „Ich kann nur an Sie alle appellieren, bei Ihren Regierungen, wo auch immer sie sind, darauf hinzuwirken, dass das multilaterale System bestehen bleibt“, so Brauner.

„Ich kann nur an Sie alle appellieren, bei Ihren Regierungen, wo auch immer sie sind, darauf hinzuwirken, dass das multilaterale System bestehen bleibt.“ Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Karl Brauner, der stellvertretende Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO)

„Ich kann nur an Sie alle appellieren, bei Ihren Regierungen, wo auch immer sie sind, darauf hinzuwirken, dass das multilaterale System bestehen bleibt.“

Ein kleiner Hoffnungsfunken sind die jüngsten Zeichen einer Entspannung an der Zollfront. US-Präsident Trump hatte nach dem G20-Treffen am Wochenende in Argentinien per Twitter erklärt, dass China zugesagt habe, Zölle für aus den USA importierte Autos „zu reduzieren oder abzuschaffen“.

Auch wenn die chinesische Regierung bislang lediglich bestätigt hat, keine weiteren Zölle erheben zu wollen, aber noch dazu schweigt, in welchem Umfang die bestehenden Zölle von derzeit bis zu vierzig Prozent auf Autoeinfuhren aus den USA reduziert werden könnten – es ist wieder Bewegung im Streit. „Das ist ein gutes Zeichen“, so Brauner.

Mit Bedacht gewählte Worte in einer äußerst sensiblen Situation. Während oben auf der Bühne in der Autostadt über Zölle und Handelskrieg gesprochen wird, bereiten sich Dieter Zetsche, CEO von Daimler, Herbert Diess, Chef von Volkswagen, und Nicolas Peter, Finanzchef von BMW, auf ihr Gespräch mit Regierungsmitgliedern im Weißen Haus vor. Sie wollen vor allem eines: erklären und Verständnis dafür erzeugen, wie wichtig die Branche ist, auch für die USA.

Die „Bosse“ wüssten, dass sie kein Verhandlungsmandat hätten, sagt Brauner. „Als WTO-Direktor finde ich es aber immer gut, wenn man redet.“ In der Tat geht es um viel. Schon die Chinazölle haben der Branche zugesetzt. BMW und Mercedes etwa betreiben im Süden der USA Werke. Die dort gebauten Geländewagen gehen auch nach China. 92.000 Fahrzeuge waren es bei BMW, 72.000 bei Daimler.

Wegen der Strafzölle, die China als Reaktion auf US-Strafzölle verhängt hat, wird BMW dieses Jahr wohl Belastungen von fast 300 Millionen Euro verkraften müssen. Bei Daimler wird es wohl auch ein dreistelliger Millionenbetrag werden.

Sollten auch die USA noch Strafzölle für Autoimporte aus der EU verhängen, würde sich die Situation zuspitzen. Die VW-Tochter Porsche etwa hat keine eigene Fertigung in den Staaten. Alle Fahrzeuge werden eingeführt. Strafzölle würden die Preise für die Sportwagen so stark erhöhen, dass sich Kunden abwenden würden.

Die kleine Hoffnung auf eine Rettung des Welthandels ruht auch darauf, dass der US-Regierung im eigenen Land gerade der Spiegel vorgehalten wird: Der US-Autoriese General Motors will Tausende Jobs abbauen und mehrere Werke schließen – nicht nur, aber auch wegen der Mehrkosten, die die US-Strafzölle etwa auf Stahl aus China verursachen. Die Zölle, die die heimische Wirtschaft eigentlich schützen sollen, bewirken in einigen Branchen das Gegenteil.

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Ein Warnsignal auch für Andy Berke. Der 50-Jährige, seit 2013 Bürgermeister von Chattanooga, hat in den letzten Monaten gesehen, dass auch VW und anderen Unternehmen die durch Zölle gestiegenen Stahlpreise zu schaffen machen. „VW kauft überwiegend amerikanischen Stahl, aber selbst der ist teurer geworden“, sagt Berke, der per Video zur Handelsblatt-Tagung zugeschaltet wird.

Berke weiß, wie sehr seine Heimatstadt von der Automobil-Branche abhängig ist. Die Region lebte einst von der Stahl- und Hüttenindustrie. Doch die war in der Jugendzeit von Berke auf dem absteigenden Ast. Dreck, Armut, hohe Arbeitslosigkeit – der Stadt am Rande der Appalachen drohte der Absturz.

Dann siedelte sich die Automobilindustrie an. Vor genau zehn Jahren entschied sich VW für die Stadt als Fertigungsstandort, schuf dort 10.000 Jobs – und will dort vielleicht ein weiteres Werk für Elektroautos bauen. Zwei Modelle stellt VW dort her, „jedes weitere Modell bringt zusätzliche 10.000 Jobs“, so Berke.

Doch der Weg zu einer Rettung des Handelssystems ist weit. Das wird deutlich, als Brauner ein anderes heikles Thema anspricht. Die Berufungsinstanz der Welthandelsorganisation leidet unter massivem Personalmangel. Von sieben Richterposten seien vier unbesetzt, das behindere die Arbeit des Gremiums erheblich. „Die USA blockieren den Berufungsprozess, weil sie unzufrieden sind“, so Brauner.

Gerade diese zweite Instanz sei enorm wichtig, um Streitigkeiten zu schlichten, so der stellvertretende WTO-Direktor: „Es gibt etablierte Verfahren zur Korrektur von Zöllen, der zivilisatorischen Umgangsformen entspricht.“ Es ist ein letzter klarer Appell in Richtung USA.

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Kommentare (3)

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Herr Hans Henseler

04.12.2018, 18:13 Uhr

Kein Unternehmen kann sich darauf verlassen, dass die Rahmenbedingungen sich nicht ploetzlich aendern. Ein mir bekanntes mittelstaendiges Unternehmen ging in Konkurs
weil es einen Grossauftrag aus dem Irak hatte, der im Inland bestaetigte Akkreditive ab-
gesichert war. Die Zahlung haette gegen Vorlage der Verschiffungsdokumente erfolgen
muessen. Dann kam der Irakkrieg. Verschiffung war nicht moeglich. Es gab also keine
Verschiffungsdokumente und damit kein Geld. Aus.

Herr Peter Spiegel

04.12.2018, 18:57 Uhr

Welch weise Männer es doch in Europa gibt, Herr Gabriel ist ein gutes Beispiel dafür. Seine bestechenden Analysen über die Welt und die Eisbären sind eine Klasse für sich, unübertroffen sind die Fotos im Eis mit Bär. Leider kam er mit dieser Frau, es könnte auch eine watschende Ente sein, wieder, Trotzdem, jedes mal ein Genuss, diese von fachlicher Kompetenz strotzenden Artikel zu lesen. Vielen Dank Herr Gabriel und auch dem Eisbär.

Herr Andre Peter

04.12.2018, 19:59 Uhr

Die deutsche Automobilindustrie/Zulieferer/usw macht ca 1/3 der Wertschöpfung in Deutschland aus.
Die Politiker und Journalisten schlagen kräftig auf diese Branche ein.
Die Argumente sind an den Haaren herbeigezogen, wissenschaftlich unbrauchbar.
Es werden Abmahnvereine wie DUH mit Millionen unterstützt (Toyota, EU sind/waren fleißige Spender)
Alles zum Schaden der deutschen Wirtschaft.
Ja, es stimmt, man kann sich nicht auf die Politik in Deutschland verlassen - leider!

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