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06.09.2019

04:27

Klimadebatte

Autolobby trifft Umweltaktivisten – „Ein allererster zarter Versuch“ der Annäherung

Von: Dieter Fockenbrock

Der Automobilverband VDA hat Kritiker der Autobranche zum Gespräch über den Klimaschutz eingeladen. Beide Seiten haben sich viel zu sagen – doch die Gräben sind tief.

Vertreter der Autobranche und Umweltaktivisten haben zum Thema Klimaschutz diskutiert. dpa

Podiumsdiskussion "Klimakrise und Mobilität der Zukunft"

Vertreter der Autobranche und Umweltaktivisten haben zum Thema Klimaschutz diskutiert.

Berlin Die beiden Mannschaftswagen der Berliner Bereitschaftspolizei ließen nichts Gutes erahnen. Wer sich so bewachen lässt, rechnet mit allem. Doch die Mannschaften hatten einen entspannten Abend vor der Landesvertretung Baden-Württemberg in der Bundeshauptstadt. Keine Randale, keine Trillerpfeifen, keine wütenden Demonstranten blockierten den Eingang.

Dabei war das, war drinnen verhandelt werden sollte, Sprengstoff. Die Frage nämlich, ob der wichtigste deutsche Industriezweig sich dem Klimaschutz verweigert.

Der Präsident des Verbands der Deutschen Automobilindustrie, Bernhard Mattes, hatte die Gegner seiner Branche zu einem öffentlichen Disput eingeladen – den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), den ökologischen Verkehrsclub VCD und die Campact-Aktivisten.

Letztere organisieren für die nächste Woche einen Sternmarsch auf das Heiligtum der Autoindustrie, die Internationale Automobilausstellung IAA in Frankfurt. Motto der Demonstration, zu der Tausende erwartet werden: „Aussteigen!“ Dort, wo sonst nur kraftstrotzende und blank gewienerte Karossen den Ton angeben, soll diesmal die Klimadebatte das beherrschende Thema sein.

Das Polizeiaufgebot machte deutlich, wie tief der Graben zwischen Autoindustrie und Umweltaktiven ist. Tiefes Misstrauen beherrscht denn auch die Diskussion. Die Autogegner nehmen der Industrie nicht ab, dass die sich den Klimazielen „nicht verschließen“ werde, wie Mattes versichert.

Die Industrie wiederum mutmaßt, dass Umweltverbände den Rückenwind der Klimadebatte nutzen wollen, um Daimler, BMW und Co an die Wand zu fahren. Aber immerhin. Sie reden miteinander. „Ein allererster zarter Versuch“, sagt Mattes.

Schnell ist ausgemacht, warum Autolobby und Aussteiger so schwer zueinander finden. Britta Seeger, Vorständin bei Daimler, verteidigt sich gegen Kritik, die Hersteller würden viel zu zögerlich auf Elektroantriebe umstellen, mit der Verunsicherung vieler Kunden, weil sie die Reichweite der E-Mobile nicht richtig einschätzen könnten. Was Luise Neumann-Cosel, Kampagnen-Leiterin Campact, scharf mit den Worten kontert, auf den Friday-for-Future-Demos gehe es nicht um Reichweitenängste. Es gehe schlicht ums Überleben.

Während die Aktivisten den Unternehmen vorhalten, viel zu lange an überholten Geschäftsmodellen und speziell heute am Geschäft mit den gewinnträchtigen, aber besonders klimaschädlichen SUVs festzuhalten, sind die Vertreter der Autobranche sogar glücklich darüber, mit irgendwas noch ordentlich Gewinne zu machen.

Uneinigkeit über Klimaziele

„Wir können doch froh sein, dass wir mit unserem Geschäftsmodell Geld verdienen, sonst könnten wir die Verkehrswende gar nicht gestalten“, wettert der Betriebsratschef von BMW Manfred Schoch. Ernst-Christoph Stolper, stellvertretende BUND-Vorsitzender, warnt dagegen, „wir reden seit 20 Jahren, wir haben keine Zeit mehr“. Die Autoindustrie habe noch nicht im Entferntesten erfasst, „was auf uns zukommt“.

Der Weg ist weit, bis sich die Kontrahenten näherkommen. Schon in der Frage, welche Klima-Ziele denn nun verbindlich verabredet sind, besteht gravierender Dissens. Zwei Grad, 1,5 Grad? Und in welchem Zeitraum, bis 2030 oder 2035? Erst recht umstritten sind die Mittel, mit denen eine Mobilitäts- und damit Klimawende vorangetrieben werden kann. Bonus-Malus-Regeln, CO2-Besteuerung, Emissionszertifikate? Anreize schaffen oder gesetzlicher Druck?

Die Frage aus dem Publikum, welche gemeinsame Botschaft die Diskutanten denn an die Politik reichen wollten, blieb deshalb auch unbeantwortet. Aber es gilt der Appell des Autopräsidenten, die Zeit sollte vorbei sein, sich gegenseitig beweisen zu müssen, wer Recht und Unrecht hat.

Mehr: Kein Fahrzeugsegment wächst so schnell wie das der SUVs. Dabei gelten sie als besonders umweltschädlich. Die Konzerne müssen umdenken – sonst drohen Strafen.

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