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11.12.2018

17:28

Ford: Der Sparkurs des US-Autobauers erreicht Europa dpa

Ford-Produktion in Saarlouis

Der strenge Sparkurs, den der Ford-Konzern in der Zentrale im fernen Dearborn (Michigan) schon vor Wochen verkündete, erreicht jetzt auch den europäischen Teil des Autoherstellers.

US-Autobauer

Der Sparkurs von Ford erreicht Europa

Von: Stefan Menzel

Der US-Konzern schreibt in Europa hohe Verluste. In Saarlouis gehen nun 1.600 Arbeitsplätze verloren – und das ist wahrscheinlich erst der Anfang.

Düsseldorf Normalerweise teilt sich Gunnar Herrmann die Betriebsversammlungen mit seinem Arbeitsdirektor Rainer Ludwig. Der Chef von Ford Deutschland übernimmt das Treffen im Kölner Stammwerk, sein Kollege fährt die 250 Kilometer in die Fabrik nach Saarlouis, wo der Focus gefertigt wird. Damit ist gewährleistet, dass die Mitarbeiter in beiden deutschen Ford-Werken zeitgleich am selben Tag informiert werden können.

Doch in dieser Woche ist alles ein wenig anders. Die Betriebsversammlungen wurden auf zwei Tage verteilt. Am Montag kamen die Saarländer an die Reihe, am Dienstag ging es in Köln weiter. Und damit konnte Gunnar Herrmann an beiden Standorten zu den Beschäftigten sprechen. Die Sache ist zu wichtig. Was Ford in dieser Woche zu verkünden hat, ist ausschließlich Chefsache.

Im Fokus steht das Werk im Saarland mit knapp 7000 Mitarbeitern, wo jetzt noch das Kompaktmodell Focus und dessen Minivan-Ableger C-Max produziert werden. Aber nicht mehr lange – zumindest was den Minivan betrifft.

„Wir können bestätigen, dass wir formelle Verhandlungen mit unserem Betriebsrat mit dem Ziel aufnehmen, die Produktion von C-Max/Grand C-Max am Standort Saarlouis einzustellen“, teilte das Unternehmen mit. „Noch ist nichts entschieden“, ergänzte eine Ford-Sprecherin am Dienstag. Allerdings geht jeder im Unternehmen davon aus, dass das Ende des C-Max besiegelt ist, auch aufseiten des Betriebsrats.

Damit erreicht der strenge Sparkurs, den der Ford-Konzern in der Zentrale im fernen Dearborn (Michigan) schon vor Wochen verkündete, jetzt auch den europäischen Teil des amerikanischen Autoherstellers. Die jüngsten Zahlen für den europäischen Ford-Teil waren alarmierend ausgefallen.

Grafik

Im zweiten Quartal dieses Jahres hatte der US-Konzern in Europa schon 73 Millionen Dollar verloren. Im Sommer hat sich die Lage noch einmal deutlich verschlechtert: Für das dritte Quartal weist Ford einen Verlust von 245 Millionen Euro aus.

Der US-Konzern entfernt sich immer weiter vom selbst erklärten Ziel einer Mindestrendite von sechs Prozent, die in der gesamten Autobranche heute als unverzichtbar zum dauerhaften Überleben angesehen wird. Bei Ford in Köln, von wo aus das Europa- und das Deutschlandgeschäft gesteuert werden, glaubt niemand an eine Wende bis zum Jahresschluss: Der US-Konzern wird 2018 in Europa tiefrot abschließen.

Die Konsequenzen des Sparkurses sind für das Werk in Saarlouis einschneidend. Der C-Max dürfte gerade noch bis Sommer nächsten Jahres produziert werden. Ford verteidigt die Entscheidung, dass das Auto aufgegeben wird. 2013 seien noch 202.000 Exemplare vom C-Max abgesetzt worden. In diesem Jahr sind gerade noch 120.000 Autos übrig geblieben – ein Rückgang von 40 Prozent binnen fünf Jahren.

Die sinkenden Verkaufszahlen bei den Minivans sind im Übrigen kein Ford-spezifisches Problem. Praktisch bei allen Herstellern schrumpft dieses Segment deutlich, ein anderes Beispiel ist der Touran von Volkswagen. Auch die Minivans leiden unter dem Boom der SUVs, der extrem erfolgreichen Geländewagen.

Mit dem Ende des C-Max in Saarlouis will Ford dort vom Drei- in den Zweischichtbetrieb wechseln und nur noch den Focus produzieren lassen. Damit spart Ford zunächst die hohen Nachtzuschläge. Doch zugleich geht der Sparkurs auch ans Personal: Etwa 1.600 Arbeitsplätze fallen weg, die sozial verträglich abgebaut werden sollen, wie ein Ford-Sprecher sagte.

Davon seien 640 fest angestellte Beschäftigte betroffen, denen auch Angebote für Altersteilzeit gemacht werden sollen. Zeitarbeiter müssen sich darauf einstellen, dass ihre Verträge wegen der Aufgabe des C-Max nicht mehr verlängert werden.

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Ford äußert sich nicht dazu, mit welchen Einspareffekten das Unternehmen durch das Ende des C-Max rechnet. In Branchenkreisen wird kalkuliert, dass der US-Konzern damit einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag hereinholen will. Diese Summe wird jedoch unter keinen Umständen dafür reichen, um eine echte Trendwende herbeizuführen und die sechs Prozent Mindestrendite zu schaffen. Dafür bräuchte Ford Milliarden.

Deshalb rechnet praktisch jeder bei Ford damit, dass es nach Saarlouis noch weitere Einschnitte geben wird. „Die Aufgabe des C-Max ist zwar der richtige Schritt angesichts der Marktentwicklung bei den Minivans“, sagt Autoexperte Arndt Ellinghorst vom Investmenthaus Evercore ISI. Aber bei Ford müsse noch deutlich mehr passieren. Der große US-Konkurrent General Motors habe vor Kurzem die Aufgabe mehrerer Werke in Nordamerika mit etwa 15.000 Arbeitsplätzen angekündigt.

Europäische Modelle in Gefahr

Von Ford kommen selbst Signale, wie das Sparprogramm in Europa fortgesetzt werden könnte, die Zentrale nannte aber noch keine Details. Der Konzern wird in den USA auf die ertragsschwache Produktion klassischer Pkws verzichten. Stattdessen sollen nur noch Pick-ups und Geländewagen von den Bändern laufen.

Das bringt europäische Modelle in Gefahr, weil etwa das Mittelklassefahrzeug Mondeo den Baukasten (Plattform) mit einem US-Pkw teilt, der aus dem Produktportfolio gestrichen wird. Fehlt aber der US-Anteil, würde die Mondeo-Fertigung in Europa unwirtschaftlich und müsste wahrscheinlich ebenfalls aufgegeben werden.

Die Konsequenzen würde das Ford-Werk im spanischen Valencia tragen, wo der Mondeo und seine Derivate von den Bändern laufen. Nach dem aktuellen Modellzyklus könnte dann im Jahr 2023 Schluss sein. Vor Werksschließungen schreckt der Ford-Konzern im Übrigen auch in Europa nicht zurück. Vor vier Jahren war die Fabrik im belgischen Genk trotz massiver Proteste der Belegschaft aufgegeben worden.

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Ford Europa reagiert zusätzlich mit einer Neuorganisation des Managements und mit einem Namen für den hauseigenen Sanierungsplan. „Sprint to 6 Reset & Redesign Plan“ lautet der Name des Programms. Es soll ein Bekenntnis zur angestrebten Mindestrendite von sechs Prozent ausdrücken.

Der US-Konzern nennt dabei allerdings keine Zahl für den Zeitpunkt, zu dem die sechs Prozent erreicht werden sollen. Deutschlandchef Gunnar Herrmann wird zusätzlich Vorstand für das Sanierungsprogramm, um den Umbau hierzulande voranzubringen. Eine ähnliche Position wird in Großbritannien geschaffen, dem zweiten wichtigen Standbein von Ford in Europa.

Das Ford-Management bekommt die Aufgabe, dass in Europa künftig wirklich nur noch Autos mit ausreichend Ertragschancen produziert werden. Deshalb wird es wie in den USA voraussichtlich eine Konzentration auf SUVs und leichte Nutzfahrzeuge geben. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die geplante Kooperation mit Volkswagen bei Transportern, Pick-ups und Stadtlieferwagen, deren Details wahrscheinlich Anfang Januar verkündet werden

Zudem sprechen Ford und VW darüber, dass die Amerikaner auch die neue Elektroplattform von Volkswagen für ihre eigenen E-Fahrzeuge verwenden könnten. Solche Gemeinschaftsvorhaben bringen Milliarden – und die sechs Prozent Mindestrendite rückt viel eher in greifbare Nähe.

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