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15.09.2019

17:29

Verband der Automobilindustrie

VDA-Präsident Mattes brüskiert mit seinem überraschenden Rücktritt Freund und Feind gleichermaßen

Von: Martin Murphy, Stefan Menzel

Der Lobbyverband VDA ist nach der Rücktrittsankündigung von Präsident Bernhard Mattes praktisch führungslos. Die Nachfolge soll nun schnell gelöst werden.

Die Rücktrittsankündigung des VDA-Präsidenten kam überraschend. ullstein bild - Sven Simon

Bernhard Mattes im Gespräch (2.v.r.)

Die Rücktrittsankündigung des VDA-Präsidenten kam überraschend.

Frankfurt, Düsseldorf Von der Autoindustrie ist Bundeskanzlerin Angela Merkel Kummer gewohnt. Bei ihrem Besuch auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) vor vier Jahren verheimlichten ihr die Manager von Volkswagen den unmittelbar vor der Aufdeckung stehenden Dieselskandal, der Industrie und Politik in eine tiefe Krise stürzte.

Vor zwei Jahren dann musste sie mit ernsten Worten die Industrievertreter einmal mehr ermahnen, doch endlich mehr Rücksicht auf die Klimaprobleme zu nehmen. Über beide Besuche war die CDU-Politikerin letztlich ungehalten.

Der vergangene Donnerstag passt in dieses Bild. Wieder einmal war die Kanzlerin auf das Frankfurter Messegelände gekommen, um die alle zwei Jahre stattfindende IAA zu eröffnen. Die Stimmung war zunächst gut. Ihr Appell aus dem Jahr 2017 war von den Autobossen erhört worden: Volkswagen, BMW und Daimler präsentieren vornehmlich als sauber geltende Elektroautos. Merkel selbst stellte finanzielle Hilfen des Staates in Aussicht, um vor allem die Ladeinfrastruktur zügig auszubauen.

In diese ungewohnte Einigkeit der automobilen Welt platzte am Donnerstag eine Neuigkeit, die die Branche erschütterte: Auf einer Vorstandssitzung des Verbands der Automobilindustrie (VDA) kündigte dessen Präsident Bernhard Mattes am frühen Nachmittag überraschend seinen Rücktritt an.

Als es zum Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ kam, habe er einen Moment um Ruhe gebeten, berichteten Beteiligte später. In knappen Worten erklärte Mattes seinen Rücktritt zum Jahresende. Eine nähere Erklärung wollte er nicht geben. Auch in den folgenden Tagen zeigte sich Mattes verschlossen. Seine Motive wollte er auch auf Nachfrage nicht erläutern. Alles sei gesagt, erklärte er etwa am Freitag am Rande einer Diskussionsrunde.

Der Verbandspräsident schweigt. Dafür übernehmen andere die Deutungshoheit über das Geschehene. Nach Angaben aus Kreisen der Industrie und des Verbands soll ein Headhunter mit der Suche nach einem neuen VDA-Präsidenten beauftragt worden sein. „Das war der Auslöser, der Mattes zum spontanen Rücktritt bewogen hat“, hieß es dazu am VDA-Sitz in Berlin. Beim Verband wird vermutet, dass die Initiative dazu von VW ausgegangen ist.

Der Wolfsburger Konzern ist schon länger unzufrieden mit dem VDA. Der Verband vertrete eher die Interessen der Zulieferer und weniger die der Hersteller, klagte ein hochrangiger Manager. Dabei geht es vor allem um die Frage, wie schnell der Umstieg von Verbrennungsmotoren auf Elektroantriebe gelingen kann.

VW will den Weg schneller gehen, viele Zulieferer hängen indes stark von der Fertigung von Diesel- und Benzinautos ab. „Es ist ein Zielkonflikt, der im VDA seinen Niederschlag findet“, sagte der VW-Manager. Als mit Abstand größter Finanzier der Organisation hätten die Wolfsburger ein Recht, auf Änderungen zu pochen.

VW: „Von uns ist da nichts gekommen“

Volkswagen wies die Behauptung, dass der Konzern einen Headhunter eingeschaltet habe, auf Nachfrage zurück. „Von uns ist da nichts gekommen“, sagte ein Sprecher. Ein Konzernkenner betonte zudem, dass für die Besetzung solcher Top-Positionen in der Verbandswelt in aller Regel keine Personalagenturen eingeschaltet würden.

Mattes scheint dieser Sicht keinen Glauben zu schenken. Mit dem Auftrag für den Headhunter sei das Tischtuch endgültig zerschnitten worden, verlautete ergänzend beim VDA. Weil Mattes darüber nicht informiert worden sei, habe er dies als massiven Vertrauensbruch aufgefasst und letztlich die Konsequenzen gezogen.

Dieses letzte Kapitel fügte sich nahtlos in das Bild der vergangenen Monate ein: Der VDA-Präsident sei stets indirekt über Medien attackiert worden, hieß es. Bei internen Treffen des Verbands hätten die Mitgliedsunternehmen es vermieden, direkte Kritik an seiner Amtsführung zu äußern. Das Vertrauensverhältnis sei während der vergangenen Monate systematisch ausgehöhlt worden.

Mattes wählte einen für die Branche denkbar schlechten Zeitpunkt für seine Rücktrittsankündigung. Bundeskanzlerin Merkel hatte er dem Vernehmen nach zudem erst nach der feierlichen Messeeröffnung über seinen Rückzug informiert. Wieder einmal sei der wichtigste Ansprechpartner in der Politik auf einer IAA brüskiert worden, hieß es aus Branchenkreisen.

Da Mattes sein Ausscheiden so kurzfristig mitgeteilt hatte, konnten die 18 verbliebenen Mitglieder des VDA-Vorstands am Donnerstag nicht über eine Neubesetzung reden. „Eine mögliche Nachfolge wurde nicht besprochen“, sagte ein Vorstand, der ungenannt bleiben wollte. Das müsse „in den nächsten Wochen sorgfältig vorbereitet werden“.

Automessen weltweit unter Druck

Internationale Automobil-Ausstellung

Die IAA in Frankfurt ist nicht die einzige große Veranstaltung, die auf der Suche nach einem zukunftsfähigen Konzept ist. Rund um den Globus sind praktisch alle großen Automessen unter Druck geraten, weil die Fahrzeughersteller die klassischen Konzepte für nicht mehr überlebensfähig halten.

Detroit Motor Show

Der Niedergang ist in den zurückliegenden Jahren immer auffälliger geworden. Die Messeveranstalter versuchen jetzt, der einstmals größten US-Autoausstellung neues Leben durch eine zeitliche Verlagerung vom kalten Januar in den warmen Juni einzuhauchen.

Automesse Paris

Die Zeiten sind vorüber, dass bei einem solchen Ereignis stets alle großen Automobilhersteller vertreten sind. So ließ beispielsweise der Volkswagen-Konzern schon im vergangenen Jahr die Pariser Messe ausfallen, obwohl Frankreich für den Autohersteller eines der wichtigsten Exportländer ist.

Vertreter mehrerer Mitgliedsfirmen erklärten, dass sie künftig gerne einen Menschen mit größerer Nähe zur Politik auf dem Posten sähen. Mattes war vor seiner Zeit als VDA-Präsident Chef von Ford Deutschland, kam also aus der Industrie. Seine Kontakte in das politische Berlin seien dadurch überschaubar gut gewesen, hatten Branchenvertreter immer wieder beklagt.

Ein politischer Entscheidungsträger, wie es Mattes‘ Vorgänger Matthias Wissmann einst war, soll indes laut VDA-Mitgliedern nicht infrage kommen. Wissmann war in den 90er-Jahren noch Verkehrsminister im Kabinett von Bundeskanzler Helmut Kohl gewesen. Bei der Personalie dürfe es keinen erkennbaren Interessenkonflikt geben, hieß es. Eine Berufung von Günther Oettinger, der im November sein Amt als EU-Kommissar aufgeben wird, würde damit ausfallen.

Oettinger war in den vergangenen Tagen als möglicher Nachfolger gehandelt worden. Der Verhaltenskodex für EU-Kommissare schreibt eine Karenzzeit von zwei Jahren vor, wenn sie in die Privatwirtschaft wechseln wollen. In mehreren Interviews hatte er zuletzt selbst einen Wechsel zum VDA nach Berlin ausgeschlossen.

Ein künftiger Präsident des mächtigen Autoverbands muss sich vor allem um die Zukunft der IAA kümmern. Mit der Automesse finanziert der VDA einen großen Teil seines Jahresbudgets: In den vergangenen Jahren waren dies bis zu 80 Prozent der Ausgaben. Inzwischen, so verlautete am Wochenende aus Verbandskreisen, bewegt sich der Anteil auf die 50-Prozent-Marke zu. Auslöser dafür ist die schwindende Bedeutung der IAA mit weniger Ausstellern und kleinerer Fläche.

In zwei Jahren soll es ein neues Konzept für die Messe geben, auch der Traditionsstandort Frankfurt ist dabei nicht mehr gesetzt. Entscheidungen sollen bis Januar fallen. Die Ausstellung der Automodelle verliert dabei an Bedeutung, dafür rückt das Thema Mobilität in den Mittelpunkt. Die Einnahmeausfälle auf der IAA will der VDA durch neue Geschäfte ausgleichen. So verkauft der Verband etwa Qualitäts- und Normierungsstandards für die Automobilproduktion. „Dieses Geschäft wollen wir ausbauen“, heißt es beim Verband.

Mehr: Viele Konzerne haben ihr Engagement bei Deutschlands wichtigster Automesse bereits reduziert. Nun steht die IAA wohl vor radikaleren Umbrüchen.

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