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28.06.2022

13:45

Automobilindustrie

Konflikt zwischen Autobauern und Zulieferern eskaliert – jetzt will der mächtigste Verband schlichten

Von: Anja Müller, Martin-W. Buchenau, Roman Tyborski

Die Beziehungen zwischen Autobauern und Zulieferern haben Schaden genommen. Nun mahnt der Verband in einem ungewöhnlichen Papier Benimm-Regeln an.

Der Filterspezialist hat Verträge mit Autobauern beendet, weil man sich nicht auf gemeinsame Konditionen einigen konnte. MANN+HUMMEL

Produktion bei Mann+Hummel

Der Filterspezialist hat Verträge mit Autobauern beendet, weil man sich nicht auf gemeinsame Konditionen einigen konnte.

Düsseldorf, Stuttgart Es ist ein bemerkenswertes Schreiben, das der Verband der Automobilindustrie (VDA) an seine Mitglieder am Freitagmorgen verschickt hat. „Gemeinsam zum Erfolg – Grundsätze der Zusammenarbeit zwischen Automobilherstellern und ihren Partnern“, steht über dem Papier des VDA, das dem Handelsblatt vorliegt.

Eigentlich müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Autobauer und ihre Zulieferer keine Feinde sind. Doch das ist es nicht mehr. Selten in der Geschichte ist das Verhältnis zwischen Autobauern und Zulieferern so auseinandergedriftet wie derzeit. Und ein solches Schreiben, in dem der Verband auf die Verhaltensregeln in der Branche aufmerksam macht, hat es seit 20 Jahren nicht mehr gegeben.

Autohersteller fordern Preissenkungen von den Zulieferern

Das Problem: Weil Hersteller wie vor allem Mercedes in der Produktion hochpreisige Modelle priorisieren, fehlen Zulieferern die Stückzahlen der Massenmodelle, mit denen sie erst auf ihre Kosten kommen. Außerdem forderten die Autohersteller auch noch Preissenkungen von den Zulieferern, während sie selbst im zweiten Quartal Rekordgewinne mit zweistelligen Umsatzrenditen eingefahren haben, berichtet ein Branchenexperte, der anonym bleiben will. „Das kam bei den Zulieferern nicht gut an.“

Erste Zulieferer, wie zum Beispiel der Filterspezialist Mann+Hummel, sahen sich schon gezwungen ihre Verträge mit Autobauern zu kündigen. Darüber hatte das Handelsblatt Ende Mai berichtet.

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    Thomas Fischer, Aufsichtsratschef von Mann+Hummel, hat nun erstmals offiziell bestätigt, dass der Zulieferer Verträge mit Autoherstellern im zulässigen Rahmen beendet und fristgerecht die Lieferung eingestellt habe. „Es ist ganz normal, wenn man Verträge kündigt, bei denen nicht mehr beide Seiten lachen können“, sagt der Aufsichtsratschef. „Am Ende müssen die Zulieferer, bei noch ausreichend vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Herstellern, Preisverhandlungen im geänderten Umfeld wieder lernen“, mahnt Fischer.

    VDA mahnt Autohersteller und Zulieferer

    Laut VDA würden die „traditionellen Partnerschaften zwischen Herstellern und ihren Partnern in einem rückläufigen Markt für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren auf eine harte Probe gestellt„. Daher sei das Vertrauen in die Partnerschaft zwischen Herstellern, Zulieferern und Entwicklungsdienstleistern eine elementare Grundvoraussetzung. „Nachhaltigkeit in der Hersteller-Zulieferer-Beziehung fokussiert dabei besonders auf Stabilität, langfristige Partnerschaften, transparente und zeitnahe Kommunikation und das Teilen von Risiken und Chancen“, mahnt der Verband in seinem Schreiben an die Mitgliedsunternehmen.

    Zuletzt hatten sich Autobauer und Zulieferer nach dem Wirken des beinharten ehemaligen Volkswagen-Einkaufschefs Ignacio Lopez derartig ineinander verkeilt. Dieser hatte bis zu seinem Ausscheiden 1996 mithilfe der erdrückenden Marktmacht von Europas größtem Autohersteller einen enormen Preisdruck auf die Zulieferer ausgeübt und Qualitätsprobleme provoziert.

    VDA vermittelte 2003 zwischen VW und Zulieferern

    Die harte Gangart des Spaniers gegenüber den Zulieferern blieb auch über sein Ausscheiden hinaus lange Politik bei Volkswagen. Im Zuge dessen sah sich der VDA 2003 gezwungen, zu vermitteln. Der Branchenverband verweist in einer Stellungnahme: „Hersteller, Zulieferer und Entwicklungsdienstleister haben sich gemeinsam auf ein Update anerkannter und verlässlicher Prinzipien der Zusammenarbeit verständigt“. Diese Aktualisierung habe der Vorstand einstimmig beschlossen, um die gute Kooperation der Unternehmen untereinander zu unterstreichen, sagte ein VDA-Sprecher zu dem Schreiben. Das Papier knüpfe an die vorhanden Grundsätze an und will diese für die Zukunft bekräftigen.

    Grafik

    Derzeit bieten allerdings die enorm gestiegenen Energiepreise und Rohstoffpreise, Mehrausgaben für die Logistik und die Inflation, auf denen die Autozulieferer sitzen bleiben, Konfliktpotenzial. Continental geht davon aus, dass die Material-, Beschaffungs- und Logistikkosten allein in diesem Jahr um über drei Milliarden Euro höher ausfallen werden und musste unter anderem deswegen sein Gewinnziel kassieren.

    Mittelständische Zulieferer: 228 Milliarden Euro Mehrkosten?

    Auch bei Bosch, ZF und Mahle türmen sich die Kosten. Noch kritischer ist die Lage bei mittelständischen Zulieferern. Laut der Einkaufsstrategieberatung HZ Group könnten allein auf diese bis zu 228 Milliarden Euro an Mehrkosten zukommen.

    Eine zusätzliche Belastung könnten die Forderungen von über sieben Prozent Lohnsteigerungen in der laufenden Tarifrunde werden. Die Autohersteller können einen hohen Abschluss bezahlen, die großen Zulieferer vielleicht gerade noch so. Für die mittleren und kleineren Zulieferer könnte dies das Aus bedeuten. Nach einer aktuellen Umfrage des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall plagen bereits jetzt ein Viertel der baden-württembergischen Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie laut Verbandschef Joachim Schulz „existenzielle Sorgen“.

    Zulieferer kritisierten Umgang mit Lieferverträgen

    Es sei zwar möglich, über Preiserhöhungen infolge der stark gestiegenen Materialpreise zu verhandeln, an die Belastungsgrenze aber bringe die Zulieferer das „teilweise disruptive Bestell- und Abrufverhalten der Autohersteller, gepaart mit den Problemen in der Lieferkette, also stark steigenden Preisen und fehlender Verfügbarkeit von Rohstoffen“, sagt Mann+Hummel-Aufsichtsratschef Fischer.

    Ein Zulieferer, der anonym bleiben will, sieht die Beziehung zu den Herstellern schon immer als schwierig an. Vor allem den Umgang der Autobauer mit den Lieferverträgen kritisiert der Unternehmer. „Sie haben Verträge gebrochen, zum Beispiel, weil sie viel zu kurzfristig stornieren und auch mal Zulieferer einfach austauschen.“

    Die VDA-Präsidentin muss bei den Vermittlungsversuchen die kartellrechtlichen Grenzen beachten. dpa

    Hildegard Müller

    Die VDA-Präsidentin muss bei den Vermittlungsversuchen die kartellrechtlichen Grenzen beachten.

    Auf der anderen Seite hatten viele Zulieferer auf Anpassungsklauseln bei Kostensteigerungen wie etwa der Energie verzichtet. „Das passiert uns nicht noch einmal. Alle Zulieferer schauen jetzt mit Argusaugen auf die neuen Verträge“, sagt ein hochrangiger Manager aus der Zulieferindustrie. Auf manche Lieferverträge würde dann eben lieber verzichtet. Früher wäre so ein Schritt undenkbar gewesen.

    „Die deutsche Autoindustrie wird nur besser aus der Krise herauskommen, wenn alle Seiten aufeinander achten“, mahnt VDA-Vizepräsident Arndt Kirchhoff. Man hänge in einer Lieferkette und da würden auch die Hersteller die Zulieferer nicht hängen lassen. Beim Autozulieferer Kirchhoff ist die Auftragslage noch gut, allerdings wird auch bei dem Familienunternehmen die Produktion gedrosselt, weil unklar ist, wie viel die Autohersteller abnehmen können. Nach wie vor werden geplante Lieferungen nur sehr kurzfristig abgesagt.

    Der mächtige Branchenverband stößt bei seinen Vermittlungsversuchen allerdings an kartellrechtliche Grenzen. Das liegt an der Mitgliederkonstellation des Verbandes. Während beispielsweise auf europäischer Ebene die Autohersteller und die Zulieferer jeweils in eigenen Verbänden organisiert sind, die Autobauer im Acea, die Zulieferer im Clepa, sitzen die Unternehmen in Deutschland im VDA zusammen. Das erschwert es dem VDA die Interessen auszugleichen, ohne dass ein Verdacht auf Preisabsprachen aufkommt.

    Erstpublikation: 24.06.22, 16:30 Uhr

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