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31.05.2022

07:00

Berliner Luft-Likör

Dieser Likörhersteller legt sich mit dem Handel an - weil er höhere Preise durchsetzen will

Von: Katrin Terpitz

Erlfried Baatz sanierte Schilkin und machte den Minzlikör zum Kultgetränk. Nun beliefert er viele Supermärkte nicht, weil diese seine Preisforderungen nicht erfüllen.

Unter dem früheren Chef von Henkell und Radeberger wurde der Pfefferminzlikör „Berliner Luft“ zum Kultgetränk.

Schilkin-Chef Erlfried Baatz

Unter dem früheren Chef von Henkell und Radeberger wurde der Pfefferminzlikör „Berliner Luft“ zum Kultgetränk.

Berlin Im beschaulichen Alt-Kaulsdorf im Osten der deutschen Hauptstadt ist die Berliner Luft meist frisch und klar – wie der gleichnamige Pfefferminzlikör. In der backsteinernen Fabrik hat Unternehmer Sergei Schilkin vor 70 Jahren das Rezept für die Spirituose erdacht.

In der Clubszene avancierte die Berliner Luft in den letzten Jahren zum Kultgetränk – ähnlich wie zuvor schon der traditionsreiche Jägermeister. Studenten und Touristen verbreiteten den Minzlikör von Berlin aus in der ganzen Republik. Firmenchef Erlfried Baatz erklärt den Erfolg der Berliner Luft so: „Wenn die Leute beim Feiern Bier, Whisky und Schnaps durcheinandertrinken, bekommen sie irgendwann schlechten Atem. Wer noch etwas vorhat, erfrischt sich gerne mit unserem Minzlikör.“

Doch Spirituosenhersteller Schilkin durchlebt derzeit herausfordernde Zeiten. In der Pandemie blieben Bars und Clubs fast zwei Jahre geschlossen, Volksfeste fielen aus. Im Vor-Corona-Jahr 2019 kam ein gutes Drittel des Umsatzes von rund 35 Millionen Euro (inklusive Alkoholsteuer) aus dem Gastro-Geschäft. Auch in den meisten Supermärkten suchen Kunden seit Längerem vergebens nach Berliner Luft. „Bis auf Markant, Metro und Netto-Stavenhagen sind wir aktuell im gesamten Lebensmitteleinzelhandel draußen“, erklärt der 66-Jährige.

Streit mit Supermärkten: Berliner Luft liefert nicht mehr

Der Streit begann 2020 mit Edeka, Deutschlands größter Supermarktkette. „Wir wollten die Preise im einstelligen Bereich erhöhen, schließlich hatten wir in neue Flaschen und Kartonagen investiert“, so Baatz. Edeka lehnte ab. Auf Anfrage äußerte sich der Händler nicht.

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    Als die Verträge ausliefen, stellte Schilkin die Belieferung ein. Das gleiche Spiel wiederholte sich mit Rewe, Lidl, Aldi und Kaufland. „Obwohl wir junge kaufkräftige Kunden in die Läden bringen“, wundert sich Baatz.

    Preiskampf von David gegen Goliath

    „Wir sind nur ein kleiner Mittelständler, kein multinationaler Konzern, der die Händler irgendwie erpressen könnte“, ärgert sich der Schilkin-Chef, der nicht aufgeben will.

    Weil Kunden ständig im Supermarkt nachfragten, verkauften inzwischen mehr als 400 selbstständige Edeka-Händler wieder Berliner Luft, heißt es beim Hersteller. „Sie beziehen direkt von uns oder von Fachhändlern.“

    Baatz hatte schon früher die Auseinandersetzung mit Edeka nicht gescheut. Als Chef der Sektkellerei Henkell war er Wortführer der Sektbranche gegen missbräuchliche „Hochzeitsrabatte“, die Edeka 2009 zur Übernahme der Discounter-Kette Plus von Lieferanten gefordert hatte.

    Berliner Luft konnte Umsatz im Ausland retten

    Spirituosenhersteller Schilkin hielt sich mit seinen 60 Beschäftigten in der Pandemie auch mit Kurzarbeit über Wasser. Der Umsatz, der im ersten Coronajahr stark eingebrochen war, sank 2021 leicht auf 22 Millionen Euro (inklusive Alkoholsteuer). Neue Auslandsmärkte retteten das Geschäft. In Österreich und der Schweiz verkaufe das Unternehmen erfolgreich und zu höheren Preisen – auch im Handel.

    Baatz ist erleichtert, dass nun das Gastro-Geschäft wieder deutlich anzieht. Wurden im Lockdown 50.000 Miniflaschen Berliner Luft im Monat verkauft, sind es jetzt eine Million. „Es gibt kein besseres Konjunkturbarometer als Mini-Flaschen“, ist sich der Firmenchef sicher.

    Eine Million Mini-Fläschchen Berliner Luft verkaufte der Hersteller Schilkin jeden Monat vor der Pandemie. Schilkin

    Party-Getränk

    Eine Million Mini-Fläschchen Berliner Luft verkaufte der Hersteller Schilkin jeden Monat vor der Pandemie.

    Das Familienunternehmen Schilkin hat schon viele Krisen durchlebt. Apollon Schilkin begann 1900 in St. Petersburg mit der Herstellung von Wodka. Er zog nach der Oktoberrevolution nach Berlin, wo er 1932 die Spirituosenfabrik neu gründete. Sein Sohn Sergei wurde zu DDR-Zeiten enteignet und führte den Volkseigenen Betrieb als angestellter Generaldirektor weiter.

    Schilkin war einer von drei Spirituosenherstellern in der DDR, die alles brannten – von Wodka über Weinbrand bis Korn. Die Ostdeutschen konsumierten im Jahr mehr als 16 Liter Spirituosen. Heute trinkt der Deutsche pro Kopf 5,2 Liter, laut Zahlen des Bundesverbands der Deutschen Spirituosenindustrie.

    Nach dem Mauerfall bekam Sergei Schilkin mit über 70 Jahren sein Unternehmen zurück. Weil es schwer war, mit Westmarken zu konkurrieren, spezialisierte er sich auf Handelsmarken für Discounter. „Große Mengen zu niedrigen Margen“, so Baatz, der Schilkin aus dem Verband kannte.

    Baatz spielte fast drei Jahrzehnte in einer anderen Liga der Branche. Der promovierte Betriebswirt, der eigentlich Professor werden wollte, leitete den Sekt- und Spirituosenhersteller Henkell, der Familie Oetker gehört. 2013 stieg er zum persönlich haftenden Gesellschafter der Oetker-Gruppe auf. Kurz darauf wurde er an die Spitze der Oetker-Braugruppe Radeberger berufen. Doch nach nur vier Monaten war Schluss. Baatz wurde wegen „unterschiedlicher Auffassungen über die strategische Ausrichtung der Radeberger-Gruppe“ entlassen.

    Berliner Luft rettete Schilkin aus der Insolvenz

    2014 heuerte Schilkin den Ex-Oetker-Manager als Berater an. Als er die Zahlen sah, meldete die Firma sofort Insolvenz im Schutzschirmverfahren an, erzählt Baatz, der nun auch Gesellschafter ist. Die Firma ließ das defizitäre Geschäft mit Handelsmarken auslaufen. Der Umsatz schrumpfte deutlich.

    Schilkin konzentrierte sich auf Berliner Luft. Obwohl damals nur etwa 100.000 Flaschen im Jahr verkauft wurden, sah Baatz in der Marke Potenzial. Er führte Variationen ein, etwa Schokolade, Kalter Kaffee, Glitzer oder Eisbonbon. Die Jahresproduktion stieg auf sieben Millionen 0,7-Liter-Flaschen.

    „Pfefferminzliköre haben klar an Popularität gewonnen und liegen im Zeitgeist“, bestätigt Spirituosenexperte Jürgen Deibel. „Minze erfrischt und weckt Lebensgeister, jeder kennt das Aroma aus der Kindheit.“ Für Deibel ist faszinierend, wie sich Berliner Luft als lokale Traditionsmarke aus der hippen Barszene der Hauptstadt erfolgreich bis ins Ausland verbreitet hat.

    Baatz arbeitet an neuen Ideen

    „Erlfried Baatz kam genau zur rechten Zeit“, sagt Patrick Mier von der Eigentümerfamilie und Geschäftsführer der Produktion bei Schilkin. Er charakterisiert Baatz als „kreativen, getriebenen Perfektionisten“.

    Doch nicht alle Ideen zündeten. Eine alkoholfreie Berliner Luft wurde nicht weiterverfolgt. „Spirituosen ohne Promille schmecken wie Gurkenwasser“, meint Baatz. Neue Varianten sind dennoch wichtig. Kürzlich kamen in Kooperation mit dem Dragee-Hersteller Piasten Pralinen mit Berliner Luft auf den Markt. Demnächst gibt es den Minzlikör mit Lakritz-Geschmack. Eis mit Berliner Luft sei ebenfalls vorstellbar.

    Den Pfefferminzlikör gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Schilkin

    Berliner Luft

    Den Pfefferminzlikör gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

    „Wir bezahlen keine Influencer, trotzdem geht die Marke Berliner Luft viral“, sagt Baatz. „Für unsere Zielgruppe ist dabei sehr wichtig, dass wir vegan und glutenfrei sind.“

    Auch die Konkurrenz von Smirnoff bis Berentzen versucht, auf die Minzlikörwelle aufzuspringen. Den Markt dominieren bisher Berliner Luft und der grüne „Pfeffi“ aus Nordhausen, dessen Wurzeln im Jahr 1954 liegen. Die Marke gehört heute zu Rotkäppchen-Mumm.

    Zwar geht es für Schilkin nach der Pandemie langsam aufwärts. Nun aber bereiten steigende Rohstoffkosten Sorgen. Die Preise für Zucker, Etiketten, Aluverschlüsse, Glasflaschen und Verpackungskartons sind zweistellig gestiegen. Baatz betont: „Damit uns nicht auf Dauer die Luft ausgeht, sind Preiserhöhungen unvermeidbar.“

    Dieser Artikel erschien zuerst am 30.05.2022 um 14:15 Uhr.

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