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01.07.2019

16:13

Best Lawyers

Zaghafter Aufbruch am Anwaltsmarkt in Österreich

Von: René Bender

Österreichs Anwaltsmarkt wirkt wie ein Relikt. Die Kanzleien werden von Männern dominiert und sind nicht international. Doch der Wandel ist absehbar.

Gerade einmal 6400 Anwälte zählt das Land mit bei etwa neun Millionen Einwohnern. The Image Bank/Getty Images

Wiens Bürotürme

Gerade einmal 6400 Anwälte zählt das Land mit bei etwa neun Millionen Einwohnern.

Düsseldorf Als Bettina Knötzl im Januar 2016 der Wiener Sozietät Wolf Theiss den Rücken kehrte, schaute die Branche der österreichischen Wirtschaftsjuristen genau hin. Denn Personalien wie diese haben in der Szene Seltenheitswert. Schließlich verließ mit Knötzl eines der Aushängeschilder eine der Topkanzleien Österreichs.

Die landesweit angesehene Spezialistin für Compliance-Themen und Antikorruptionsrecht, die seit einigen Jahren auch Präsidentin des Beirats von Transparency International in Österreich ist, zählte bei Wolf Theiss zu den bekanntesten Köpfen und wichtigsten Umsatzbringern. Und die Prozessexpertin war die einzige weibliche Gesellschafterin der Kanzlei, im Kanzleijargon Equity-Partnerin genannt.

Knötzls Weggang war eine Art Zäsur für die Kanzlei. Nachdem ein halbes Jahr zuvor schon ein Partner den Dienst quittiert hatte, wurde spätestens jetzt sichtbar, dass die Sozietät im Wandel war. Wolf Theiss, jahrelang erfolgsverwöhnt wie nur wenige österreichische Kanzleien, durchschritt nicht nur bezogen auf den Umsatz ein Tal.

Jetzt zeigte sich deutlich, dass die allein aus Männern bestehende Partnerschaft nicht mehr zeitgemäß ist. Wolf Theiss galt schon davor als Kanzlei, in der sich Frauen in ihrer Karriere schwerer tun als anderswo. Dass ausgerechnet die erfolgreichste unter ihnen die Partnerschaft verließ, verstärkte diesen Eindruck.

Zwar wäre es falsch, Knötzls Abgang auf die vorhandenen internen Reibereien und Positionskämpfe mit ihren männlichen Partnern zu reduzieren. Und schließlich wechselte Knötzl nicht etwa zu einer direkten Konkurrentin. Denn auch dort dominieren die Männer. Die größte österreichische Kanzlei etwa, Schönherr, hat lediglich zwei Equity-Partnerinnen in ihren Reihen.

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Anstatt also in die nächste Großkanzlei zu wechseln, machte sich Knötzl selbstständig und gründete ihre eigene Kanzlei – vermutlich auch deshalb, weil sie in kleinerer Einheit für ihr Prozessgeschäft wohl bessere Chancen als bei einer der größten Adressen der Republik sah, wo Interessenkonflikte mit anderen Mandaten immer wieder ihr Geschäft behinderten.

Sicher offenbarte der Abschied Knötzls und ihres Teams auch, wie verkrustet der österreichische Anwaltsmarkt insgesamt bis dato ist und wie schwer es Frauen in der männlich dominierten Welt generell haben. Gerade einmal 22 Prozent der Anwälte in Österreich sind weiblich.

Zum Vergleich: Im deutschen Anwaltsmarkt, in dem Frauen ebenfalls einen eher schweren Stand haben, sind es 35 Prozent. Die Zahl der Anwältinnen in Partnerpositionen dümpelt in Österreich sogar lediglich bei einstelligen Prozentwerten, ebenso die derer im führenden Kanzleimanagement.

Abgeschotteter Markt

Die österreichische Anwaltsszene ist eine kleine Welt für sich, die bis zum heutigen Tag ziemlich abgeschlossen wirkt. Nun zeichnen sich aber grundlegende Veränderungen ab – auch wenn es auf den ersten Blick dafür keine Notwendigkeit gibt.
Denn wirtschaftlich gesehen geht es den österreichischen Wirtschaftsanwälten hervorragend. Im Geschäftsjahr 2017/18 legten die nach Umsatz 20 größten Kanzleien des Landes im Vergleich zum Vorjahr um knapp drei Prozent zu, ergaben Recherchen des Juristen-Fachmagazins „Juve“.

Und gut 2,4 Prozent mehr Juristen zählte der gesamte österreichische Anwaltsmarkt im vergangenen Jahr – das ist der stärkste Anstieg seit mehr als einem Jahrzehnt. Verglichen mit dem Nachbarland Deutschland ist das Anwaltsnetz in Österreich allerdings noch immer sehr dünn. Gerade einmal 6400 Anwälte zählt das Land mit den knapp neun Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: Die 83 Millionen Bürger der Bundesrepublik können mehr als 165.000 Anwälte zurate ziehen. Kommen auf einen Anwalt in Deutschland gut 500 Bürger, sind es in Österreich 1400.

Eine Erklärung dafür ist die geringere Wirtschaftskraft. Die Alpenrepublik beherbergt etwa weit weniger Konzerne, insbesondere solche mit internationaler Bedeutung. Das ist bis heute einer der wesentlichen Gründe, warum sich vergleichsweise wenige ausländische Kanzleien, insbesondere die profitstarken angloamerikanischen Kanzleien, angesiedelt haben.

Freshfields Sonderrolle

Daran dürfte sich auch in Zukunft wenig ändern. Stundensätze von 500 Euro und mehr gibt der österreichische Markt nur ausnahmsweise her. So findet sich unter den zehn nach Köpfen wie Umsatz größten Kanzleien im Land einzig die britische Adresse Freshfields Bruckhaus Deringer. Die Magic-Circle-Kanzlei belegt gemessen am Umsatz Rang zwei. Erst auf dem elften Platz im Umsatzranking finden sich weitere internationale Adressen wie DLA Piper, Baker & McKenzie und Taylor Wessing.

Freshfields spielt in vielerlei Hinsicht eine Sonderrolle – etwa, weil sie zu einer Zeit in Wien eröffnete, als sie noch eine deutsche Kanzlei war. Das ist einer der Gründe dafür, dass Freshfields einen besonders guten Zugang zum Markt des Nachbarlandes hatte. Heute indes nutzt die seit knapp 20 Jahren mit den Briten fusionierte Sozietät den Standort Wien häufig als Brückenkopf, um Transaktionen in Osteuropa ohne österreichische Beteiligung zu begleiten.

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Die Kanzlei sei daher mit allen anderen in Österreich überhaupt nicht zu vergleichen, so ein Konkurrent, der neidvoll auf den Umsatz pro Jurist blickt. Der liegt bei mehr als 900.000 Euro und übersteigt damit den Wert des ersten Verfolgers Schönherr um mehr als die Hälfte.

Gemessen an anderen Kennziffern ist Schönherr der Platzhirsch, sowohl was die Zahl der Anwälte als auch was den Umsatz angeht, der zuletzt bei um die 60 Millionen Euro lag. Dies sind über zehn Millionen Euro mehr, als der nächste einheimische Verfolger Wolf Theiss vorweisen kann. Das liegt auch daran, dass Schönherr den besonders lukrativen Beratungsmarkt für Fusionen und Übernahmen zusammen mit Freshfields dominiert.

Nur beim wohl schillerndsten einheimischen Investor, dem Unternehmer René Benko, gingen beide leer aus – Benko vertraut seinem Stammberater Nikolaus Arnold. Benko ist als Unternehmer mit seiner Signa Holding äußerst aktiv, jüngst erwarb er den deutschen Kaufhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof.

Wolf Theiss hat sich unterdessen nach zwei Jahren Umsatzrückgang in Folge aufgeschwungen, wieder an die Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen. Die insbesondere im Bank- und Finanzrecht herausragende Kanzlei schloss das vergangene Geschäftsjahr mit einem Umsatzplus ab, schaffte wieder über 50 Millionen Euro Umsatz.

Erstmals in der Geschichte von Wolf Theiss zog eine Frau ins Management der Kanzlei ein – Julia Gritsch ist im Gesellschafterkreis die Jüngste und zugleich die einzige weibliche Vertreterin. Ob es allerdings zu einem nachhaltig veränderten Kurs in Sachen Generationswechsel und Förderung von Frauen kommen wird – daran zweifeln zumindest manche Wettbewerber.

Verfolger machen Druck

Sie sehen den Aufstieg Gritschs eher als Zugeständnis an, das sich angesichts der wachsenden Kritik an der Führung und dem holpernden Generationswechsel kaum noch verhindern ließ. Tatsächlich war das Beharrungsvermögen der die strategischen Entscheidungen bestimmenden Partner der Generation 50 plus bei Wolf Theiss in der Vergangenheit sehr ausgeprägt.

Andere sind in Sachen Generationswechsel und Frauenförderung schon weiter. Die Dynamik spielt sich dabei vor allem im Feld hinter den Marktführern ab. Eines der eindrücklichsten Beispiele dafür ist Eisenberger Herzog. Seit Längerem ist die Kanzlei auf Wachstumskurs und sichert sich immer mehr hochkarätige Mandate.

Inzwischen gehört sie zu den zehn größten Sozietäten der Republik. Im Geschäftsjahr 2017/18 gelang ihr gar der größte Umsatzsprung der größten 20 Kanzleien – fast zwölf Prozent mehr erwirtschaftete sie. Angetrieben von den beiden M&A-Experten Peter Winkler und Alric Ofenheimer punktete die Kanzlei in den vergangenen Jahren nicht zuletzt mit ihrer internationalen Ausrichtung.

Dabei schaffte es Eisenberger Herzog zugleich, Frauen als Spitzenkräfte zu etablieren. Als die Sozietät etwa vor drei Jahren fünf neue Partner ernannte, waren darunter zwei Frauen, darunter die Kartellrechtlerin Judith Feldner, die sich in Österreich etwa bei heiklen Fusionskontrollen einen Namen gemacht hat. „Unsere tolle Bilanz der vergangenen Jahre hätten wir ohne unsere Juristinnen so nie hinbekommen“, sagt Winkler. „Dass immer mehr Mandanten inzwischen auch darauf achten, dass Juristinnen Teil der Teams sind, kommt uns zugute.“

Aufrücken in die erste Reihe

Auch bei Haslinger Nagele & Partner und PHH Prochaska Havranek haben Frauen einen großen Anteil am Aufstieg der Kanzleien, die inzwischen gemessen am Umsatz unter den Top 20 beim Umsatz rangieren. Bei Haslinger, die ihre größte Stärke im Umwelt- und Planungsrecht hat und nun auch in zentralen Rechtsdisziplinen wie dem Bank- und Finanzrecht oder im Gesellschaftsrecht sowie bei Übernahmen vorrückt, traten zuletzt junge Frauen in den Vordergrund.

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Die letzten beiden Partner, die die Sozietät ernannte, waren erst 30 Jahre alt und weiblich. Fast ein Viertel der Gesellschafter sind inzwischen weiblich und beinahe die Hälfte des gesamten Anwaltsteams – eine Rarität in Österreich. Bei PHH Prochaska wiederum hat eine junge Anwältin gar den Sprung an die Management-Spitze geschafft: Seit dem vergangenen Jahr führt Julia Fritz die Sozietät zusammen mit Rainer Kaspar.

In einer der großen Sozietäten des Landes schließlich, BPV Hügel, ist Transaktionsexpertin Elke Napokoj eine prägende Anwältin. Nach dem plötzlichen Tod von Hanns Hügel, Kanzleigründer und Grandseigneur des österreichischen Anwaltsmarkts, ist Napokoj eine der renommiertesten Anwältinnen bei BPV.

Und Bettina Knötzls Sozietät? „Der Start einer eigenen Kanzlei war das Beste, was ich machen konnte“, sagt sie zufrieden. Seit Gründung der Sozietät mit rund einem Dutzend Berufsträgern Anfang 2016 wächst ihre Kanzlei kontinuierlich. Inzwischen zählt sie 20 Juristen und ist auf dem Markt fest etabliert – nahezu ausgeglichen besetzt mit männlichen wie weiblichen Anwälten und Partnern.

Wandel in der Branche

So leistet Knötzl ihren Beitrag dazu, dass sich an ihrer Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2013 etwas ändert: „It’s a man’s world“, hatte sie 2013 frustriert in einem Aufsatz im österreichischen „Anwaltsblatt“ zur mangelnden Bedeutung der Frauen im Anwaltsmarkt niedergeschrieben.

Auch andere bekannte Juristinnen, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben, sorgen für einen Wandel. Dazu gehört beispielsweise die Arbeitsrechtlerin Katharina Körber-Risak. Auch sie setzt seit Kanzleistart vor gut eineinhalb Jahren konsequent auf weibliche Kräfte. Überhaupt: Die Zahl der Abspaltungen aus Großkanzleien stieg in Österreich in den vergangenen Jahren sichtbar an, regelmäßig ist es vor allem die jüngere Generation, die neue Wege abseits der großen „law firms“ geht.

Trotz aller Fortschritte gibt es allerdings noch immer einen großen Nachholbedarf. Seit Knötzls Aufsatz 2013 ist der Anteil der Anwältinnen um gerade einmal drei Prozent gestiegen. An mangelndem Personal liegt es nicht: Von den Rechtsanwaltsanwärtern ist rund die Hälfte weiblich.

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