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08.07.2021

11:14

Betriebliche Impfungen

Große Lieferungen, geringe Nachfrage: Der Impfstoff kommt für viele Firmen zu spät

Von: Michael Scheppe, Anja Müller

Einen Monat nach dem Start der betrieblichen Impfungen steigen die Liefermengen an die Unternehmen. Doch dort ist der Bedarf nicht mehr so groß wie zunächst angenommen.

Die Nachfrage in den Firmen nach Covid-19-Impfstoffen nimmt ab. Viele Mitarbeiter haben schon anderweitig einen Termin organisieren können. ROPI

Corona-Impfung

Die Nachfrage in den Firmen nach Covid-19-Impfstoffen nimmt ab. Viele Mitarbeiter haben schon anderweitig einen Termin organisieren können.

Düsseldorf Die Erstimpfungen sind geschafft: 900 Beschäftigte der Boston Consulting Group (BCG) sind seit dem vergangenen Wochenende über den Betriebsarzt zum ersten Mal gegen Covid-19 geimpft. Die Immunisierung im Büro sei besonders für viele jüngere Mitarbeiter „eine willkommene Gelegenheit, sich zu schützen“, sagt Personalleiterin Sofie Mogelvang.

BCG hat seinen Beschäftigten und später auch deren Angehörigen an allen sieben deutschen Standorten Impfungen angeboten. Immer samstags wurde der Arbeitsplatz zur Impfkabine umfunktioniert. Mitte August sollen auch die Zweitimpfungen durch sein.

Wie bei dem Beratungshaus nimmt die betriebliche Impfkampagne allerorts an Fahrt auf. „Viele Firmen sind schon mit ihren Erstimpfungen durch oder planen, alle impfwilligen Mitarbeiter in den nächsten zwei bis drei Wochen erstmals zu erreichen“, sagt Anette Wahl-Wachendorf vom Verband der Betriebsärzte.

Eine Handelsblatt-Umfrage unter Konzernen und Familienunternehmen bestätigt das: BMW und Covestro wollen die Erstimpfung in dieser Woche abschließen, Allianz und Bayer planen das für kommende Woche. Eon, MTU, die Deutsche Bahn und der Staplerhersteller Jungheinrich rechnen mit Ende Juli. Thyssen-Krupp und der Hagener Kaltwalzspezialist Waelzholz sind schon durch, Adidas konnte „fast allen“ Mitarbeitern ein Angebot machen.

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    Andere Firmen, wie Continental, RWE oder Siemens, können noch keine Prognose abgeben. Schließlich müssen Mitarbeiter ihrer Firma nicht melden, ob und wo sie geimpft wurden.

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    Klar ist jedenfalls: In Büros und Werkshallen wurden zuletzt Tausende immunisiert: Die Telekom hat 40.000 Termine vergeben, Volkswagen 35.000, bei Siemens waren es 24.000, bei der Bahn 12.000, Conti immunisierte 8000 Mitarbeiter und der Heizungshersteller Viessmann immerhin 1800.

    Gut fünf Wochen nach ihrem Beginn am 7. Juni tritt die betriebliche Impfkampagne jetzt in eine neue Phase ein. Anfangs war der Impfstoff knapp, jeder Betriebsmediziner bekam nur um die 100 Dosen.

    Nun sind die Lieferungen üppiger: MTU berichtet von 280 Dosen pro Betriebsarzt, bei der Telekom „sind alle bestellten Impfdosen geliefert worden“. Die Bahn spricht von „so viel Impfstoff, dass wir die Priorisierung aufgehoben und das Angebot auf alle Berufsgruppen ausgeweitet haben“.

    Auch in der nächsten Woche können die Firmen damit rechnen, dass ihre Bestellung vollständig ankommt. Ab dem 19. Juli darf jeder Betriebsmediziner erstmals ohne Höchstbegrenzung das ordern, was er für seine Belegschaft benötigt, wie Handreichungen des Arbeitgeberverbandes BDA zeigen. Unternehmen wie Viessmann impfen in den Werksferien weiter, auch um die Zweitimpfungen zu verabreichen.

    Die steigenden Liefermengen dürften für die meisten Firmen aber zu spät kommen – die Nachfrage ist nicht mehr so groß: Beispiel Deutsche Wohnen: Der Konzern rechnete mit 900 Impflingen, hat bislang aber nur 119 Mitarbeiter geimpft. „Der Großteil unserer Beschäftigten, die an einer Impfung interessiert sind, hat sich bereits über den Hausarzt oder die Impfzentren selbst um Termine bemüht.“

    Selbst bei Firmen mit einer jungen Belegschaft haben viele Mitarbeiter schon anderweitig einen Impftermin ergattert: Die Beratung BCG plante mit Impfdosen für 75 Prozent ihrer Mitarbeiter. Am Ende reichten 30 Prozent aus. Auch bei der Allianz nimmt die Nachfrage ab: „Da lange Zeit nicht sicher war, wann die Betriebsärzte eingebunden werden, haben wir unsere Mitarbeiter ermutigt, einen Impftermin wahrzunehmen, sobald ihnen das möglich ist.“

    Firmen impfen jetzt auch Angehörige

    Mit der größeren Impfstoffmenge ergeben sich regional sogar schon Überkapazitäten, beobachtet Betriebsmedizinerin Wahl-Wachendorf. „Ich höre von mehreren Betriebsärzten, dass sie bei ihren Kollegen fragen, ob sie noch Impfstoffe benötigen.“ Beim Betriebsarztzentrum von Waelzholz und weiteren Mittelständlern werden derzeit sogar Impfdosen zurückgegeben.

    Viele Konzerne und Mittelständler gehen dazu über, auch Angehörige ihrer Beschäftigten zu impfen. Da die Buchungen abnähmen, „haben wir beschlossen, das Impfangebot in NRW an Angehörige von Mitarbeitenden aus demselben Haushalt zu erweitern“, teilt etwa Covestro mit.

    Vonovia bietet jetzt auch Einzelimpfungen für jene an, die eine Erstimpfung beim Hausarzt oder Impfzentrum mit dem Vakzin von Astra-Zeneca bekommen haben. „Wir wollen hiermit die von der Ständigen Impfkommission empfohlene Kreuzimpfung ermöglichen.“

    Der Immobilienkonzern bietet jetzt auch Einzelimpfungen mit Biontech an. Reuters

    Vonovia-Zentrale in Bochum

    Der Immobilienkonzern bietet jetzt auch Einzelimpfungen mit Biontech an.

    Auch Viessmann geht so vor – und berichtet, dass die Nachfrage deshalb „kurzfristig enorm gestiegen“ sei. Der Plan der beiden Firmen bietet sich an, weil den Betriebsärzten hauptsächlich Biontech geliefert wird.

    Bei Verbänden geht die Sorge um, dass das Impfinteresse nachlässt. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger und DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann schreiben „aus tiefer Sorge, dass wir das Erreichte verspielen“, in einem Appell: „Wirksame Schutzimpfungen sind der Königsweg aus der Pandemie.“

    So heißt es von der Firma Waelzholz: „Zur Steigerung der Impfquote müssen niederschwellige Angebote geschaffen werden – ohne Anmeldung, direkt am Arbeitsplatz.“

    „Viele Firmen sind schon mit ihren Erstimpfungen durch oder planen, alle impfwilligen Mitarbeiter in den nächsten zwei bis drei Wochen erstmals zu erreichen“, sagt die Medizinerin vom Verband der Betriebsärzte. GUIDO KOLLMEIER

    Anette Wahl-Wachendorf

    „Viele Firmen sind schon mit ihren Erstimpfungen durch oder planen, alle impfwilligen Mitarbeiter in den nächsten zwei bis drei Wochen erstmals zu erreichen“, sagt die Medizinerin vom Verband der Betriebsärzte.

    Mit steigender Impfquote sinkt auch die Zahl der Betriebsärzte, die Vakzine ordern: Bestellten Anfang Juni noch 6300 Werkdoktoren, haben das für kommende Woche nur 2100 getan. Verbandsvertreterin Wahl-Wachendorf erklärt sich das damit, dass viele Kollegen noch Impfstoffe in den Kühlschränken liegen hätten.

    Viele Impfungen durch Betriebsärzte statistisch nicht erfasst

    Ein großer Teil der betrieblichen Impfungen geht bislang nicht in die Statistik des Robert Koch-Instituts (RKI) ein. Die Behörde meldete bis Mittwoch bundesweit knapp 860.000 Impfungen von Betriebsärzten. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums wurden bis Ende Juni allerdings über 2,7 Millionen Impfdosen an sie ausgeliefert.

    Die Differenz erklärt sich das RKI mit verschiedenen Meldewegen. Betriebsärzte können Impfungen über das Portal der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, über die Strukturen der Impfzentren oder direkt an das RKI weitergeben. Nur in letztem Fall tauchen die Impfungen in der Statistik auf.

    Eine Umfrage des Betriebsärzteverbandes zeigt, dass ein Drittel bis 40 Prozent der Firmen noch nicht an das RKI angebunden sind und die Daten nachmelden müsste. Medizinerin Wahl-Wachendorf sagt: „Die Zahlen stellen die betriebsärztliche Impfkampagne schlechter dar, als sie tatsächlich ist.“

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