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14.03.2020

08:00

Coronavirus

Insolvenzverwalter Flöther: „Viele Unternehmen werden diese Krise nicht überleben“

Von: Volker Votsmeier

Deutschlands bekanntester Insolvenzverwalter erwartet eine Welle von Firmenpleiten durch die Folgen des Coronavirus. Von der Politik verlangt er eine Lockerung des Insolvenzrechts.

Für viele Unternehmen wird der Wirtschaftsabschwung durch die Corona-Krise zur Existenzfrage. dpa

Mittelstand in der Bredouille

Für viele Unternehmen wird der Wirtschaftsabschwung durch die Corona-Krise zur Existenzfrage.

Düsseldorf Das Coronavirus schockt den Aktienmarkt und lähmt die Wirtschaft. Insolvenz- und Restrukturierungsspezialist Lucas Flöther beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten mit Krisenfällen.  Der Jurist hält die Coronakrise für eine schwerwiegende Belastung der Wirtschaft, die in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel ist. Er rechnet mit zahlreichen Firmenpleiten.

Besonders gefährdet seien Unternehmen, die sich in den letzten Jahren ohne belastbares Geschäftsmodell und vor allem mithilfe des günstigen Fremdkapitals über Wasser gehalten haben. Auch viele Start-ups stünden auf der Kippe. Selbst Unternehmen mit viel Eigenkapital seien keineswegs gesichert. 

Der Restrukturierungsexperte rechnet durch das Coronavirus mit einer Insolvenzwelle. dpa

Insolvenzverwalter Lucas Flöther

Der Restrukturierungsexperte rechnet durch das Coronavirus mit einer Insolvenzwelle.

Flöther warnt Geschäftsführer vor dramatischen juristischen Folgen, wenn sie nicht rechtzeitig handeln. Außerdem fordert er die Politik auf, für Erleichterungen im Insolvenzrecht zu sorgen. Flöther plädiert für eine befristete Lockerung der Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung.

Flöther ist seit 2015 Sprecher des Gravenbrucher Kreises, der Vereinigung der führenden Insolvenzverwalter Deutschlands. Er hat zahlreiche Insolvenzen begleitet, unter anderem war und ist er mit den Fällen Airberlin, Mifa, Unister und zuletzt Condor befasst.

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    Lesen Sie hier das vollständige Interview:

    Herr Flöther, haben Sie eine Krise wie diese schon einmal erlebt?
    Nein, das ist ohne Beispiel. Natürlich waren auch die Anschläge am 11. September 2001 oder die Finanzkrise nach der Lehman-Pleite große Belastungen. Trotzdem waren diese Ereignisse nicht vergleichbar mit der derzeitigen Krise. Wir erleben eine absolute Ausnahmesituation, die Unternehmen durch alle Branchen sehr hart trifft. Das reicht vom Automotive-Sektor über die Luftfahrtindustrie bis zur Messewirtschaft.

    Erwarten Sie nun eine Pleitewelle?
    Die Situation ist auf jeden Fall kritisch. Um ehrlich zu sein, war ich mit Blick auf dieses Jahr auch schon vor Corona verhalten pessimistisch. Jetzt ist es absehbar, dass viele Unternehmen diese Krise nicht überleben werden. Besonders hart trifft es Firmen, die ohnehin kränkeln. Hier ist Corona auf jeden Fall ein Brandbeschleuniger. Zombie-Unternehmen, die sich in den vergangenen Jahren ohne belastbares Geschäftskonzept mit billigem Geld in Niedrigzinszeiten über Wasser gehalten haben, könnten jetzt kippen. 

    Sehen Sie auch Gefahren für Unternehmen, die im Kern gesund sind?
    Absolut. Mit viel Eigenkapital lässt sich zwar eine Durststrecke überbrücken. Aber teilweise sehen wir, dass sich die Umsätze halbieren. Das ist eine dramatische Entwicklung, die auch Unternehmen mit viel Substanz nicht dauerhaft verkraften. Selbst wenn sich die Lage in den nächsten Wochen wieder aufhellt, können viele Unternehmen nicht mehr kompensieren, was an Aufträgen weggebrochen ist.

    Wie sieht es bei Start-ups aus, die noch in der Frühphase sind und von Venture Capital oder Fremdkapital getragen werden. Sehen Sie hier besondere Risiken?
    Auch für Start-ups ist das eine kritische Situation. Sie verfügen oft über eine zu geringe Eigenkapitaldecke und können Konjunktureinbrüche wie diese dann nicht abfedern. Geraten Geschäftspartner oder Kunden ins Straucheln, wirkt sich das schnell auf den Cashflow eines Start-ups aus. Hinzu kommt, dass viele Neugründer nicht langfristig genug planen. Das kann ihnen jetzt zum Verhängnis werden. Finanzierungen über kleinteilige und informelle Investments sind schon ohne Krise undurchschaubar – das macht es für Start-Ups im Moment nicht einfacher. 

    Was raten Sie Geschäftsführern betroffener Unternehmen?
    Das ist eine ganz schwierige Frage. Im Insolvenzrecht ist klar: Ein Geschäftsführer muss dafür Sorge tragen, dass die Gesellschaft nicht überschuldet ist. Das deutsche Insolvenzrecht verlangt, dass eine Kapitalgesellschaft mindestens zwölf bis 24 Monate durchfinanziert werden kann.

    Im Klartext: Ich muss als Geschäftsführer mit überwiegender Wahrscheinlichkeit sicherstellen können, dass in diesem Zeitraum alle finanziellen Verpflichtungen erfüllt werden. Das ist natürlich in der jetzigen Situation für viele Unternehmen nahezu unmöglich. Niemand weiß, wie lange uns die Coronakrise noch in Atem hält. Für viele von Corona betroffene Unternehmen ist es praktisch unmöglich, sicherzustellen und zu belegen, dass das laufende Geschäftsjahr und das folgende durchfinanziert sind.

    „Rechtliche Risiken für Geschäftsführer sind enorm“

    Im Zweifel muss ein Geschäftsführer die Insolvenz beantragen?
    Ja, dazu ist er bei Eintritt von Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung verpflichtet. Die aktuell geltenden Fristen sind sehr strikt, und sie sind sowohl straf- als auch haftungsbewehrt.

    Welche Folgen hätte eine Insolvenzverschleppung?
    In Deutschland ist Insolvenzverschleppung strafbar, es drohen also Ermittlungen und im schlimmsten Fall Verurteilungen. Das Strafmaß beträgt bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe. Selbst Fahrlässigkeit ist strafbar. Ebenso gravierend sind die zivilrechtlichen Folgen. Der Insolvenzverwalter muss Geschäftsleiter in Haftung nehmen, die Insolvenzanträge zu spät gestellt haben. Das ist häufig existenzbedrohend.

    Was erwarten Sie in dieser Krise von der Politik?
    Es sind ein paar wichtige Dinge auf den Weg gebracht worden, etwa die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes. Ich plädiere aber dringend dafür, über eine befristete Lockerung der Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung nachzudenken. Das hat bei der letzten Oder-Flut schon sehr gut funktioniert. Hier wurden diese Pflichten für mehrere Monate ausgesetzt, um Unternehmen Zeit zu verschaffen, die unverschuldet in Not geraten waren. Das wäre jetzt auch denkbar. Die rechtlichen Risiken für Geschäftsführer in der derzeitigen Situation sind enorm. 

    Würde darunter nicht der Schutz von Gläubigern leiden?
    Das ist in der Tat eine schwierige Abwägung. Man sollte jetzt nicht mit der Gießkanne alle vor der Schieflage bewahren, schließlich ist der Gläubigerschutz ein wesentlicher Auftrag des Insolvenzrechts. Es ist ja gerade das Ziel, den Markt vor Zombie-Unternehmen zu schützen, die eigentlich insolvenzreif sind. Unternehmen müssen sich aus gutem Grund fortlaufend und nachweisbar um ihre Finanzlage kümmern. Aber wenn ich einen Betrieb habe, der belegen kann, dass er unverschuldet in Not geraten ist, dann könnte man eine Ausnahme davon machen und Fristen anpassen. Es muss aber sichergestellt werden, dass eben auch nur die Unternehmen unterstützt werden, die nachweislich aufgrund der Corona-Epidemie in Schieflage geraten sind. 

    Erwarten Sie als Insolvenzverwalter nun goldene Zeiten?
    Ich habe auch vor Corona schon viel zu tun gehabt. Die Krise wird uns alle treffen, ich hätte gern darauf verzichtet. Aber ganz sicher werden Insolvenzverwalter und Restrukturierungsberater bedingt durch Corona sehr viel Arbeit bekommen.

    Herr Flöther, vielen Dank für das Interview.

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