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Special

Special: Cum-Ex

29.08.2019

18:43

Cum-Ex-Skandal

Fast zwei Milliarden Euro gehen an die Gläubiger der Maple Bank

Von: René Bender, Sönke Iwersen, Volker Votsmeier

Der Maple-Bank-Insolvenzverwalter treibt Forderungen ein und einigt sich mit dem Fiskus. Auf den ehemaligen Geschäftsführer ist er dagegen schlecht zu sprechen.

Im Herbst 2015 untersuchten Ermittler die Geschäftsräume der Bank in Frankfurt. imago images / Arnulf Hettrich

Frankfurt am Main

Im Herbst 2015 untersuchten Ermittler die Geschäftsräume der Bank in Frankfurt.

Düsseldorf, Frankfurt Sie residierten nie in Glastürmen wie ihre Kollegen von der Commerzbank, genossen weder die Aussicht noch das Prestige, das mit einem Vorstandsjob bei der Deutschen Bank verbunden war. Die fünf Männer, die teils bis 2014 die Geschicke der Maple Bank lenkten, arbeiteten in einem schlichten Bürogebäude im Frankfurter Westend. Zwölf Mal im Jahr aber konnten sie sich ihren so viel renommierteren Konkurrenten mindestens ebenbürtig fühlen: immer dann, wenn die Gehaltsabrechnung kam. Mehr als 150 Millionen Euro verdienten die fünf Chefs an der Spitze der Maple Bank in den fünf Jahren zwischen 2006 und 2011. Allein im Spitzenjahr waren es 62,2 Millionen Euro.

Erst fünf Jahre nach der goldenen Zeit des Super-Quintetts kamen Zweifel auf. Im Herbst 2015 durchsuchten fast 300 Ermittler die Frankfurter Geschäftsräume und andere Objekte. Anfang 2016 schloss die Finanzaufsicht Maple Deutschland.

Es war ein beispielloser Vorgang in der deutschen Bankgeschichte. Und beispiellos, so zeigen Dokumente, die das Handelsblatt einsehen konnte, war auch das Ausmaß, in dem die kleine Bank in dem größten Steuerskandal mitmischte, den das Land je gesehen hat. Mehr als 100 Geldinstitute vergingen sich am deutschen Steuerzahler.

Die Cum-Ex-Geschäfte brachten innerhalb weniger Monate zweistellige Renditen – bei null Risiko. Steueranwälte und Wertpapierhändler hatten eine Methode gefunden, Aktien mit („cum“) und ohne („ex“) Dividendenanspruch zu handeln, sodass eine Art Wunder geschah. Die Beteiligten machten den Finanzämtern weis, es gebe zwei Eigentümer ein und derselben Aktie – und kassierten doppelt oder gar mehrfach ab. „Ein kriminelles Glanzstück“, nannte der Präsident des Finanzgerichts Köln unlängst die Methode Cum-Ex.

Durch die Gläubigerversammlung der Maple Bank führt Michael Frege, ruhig und sachlich. Frege hat viel Erfahrung mit komplizierten Fällen. 2008 wurde der Jurist Insolvenzverwalter der deutschen Tochter der US-Investmentbank Lehman Brothers. Frege fand sich über Nacht im Epizentrum der Weltfinanzkrise wieder. Zehn Jahre später konnte er die Forderungen der Gläubiger zu 100 Prozent erfüllen.

Geld zurückholen, das ist Freges Spezialität. Bei Maple aber trifft er auf Abgründe, die das Vorhaben erschweren. 20 Minuten arbeitet er im Frankfurter Kolpinghaus vor rund 50 Gläubigervertretern und Anwälten die Tagesordnung ab – und dann wird er plötzlich laut. Punkt 3 auf der Tagesordnung steht an, es geht um „Haftungsansprüche der Schuldnerin gegen ehemalige Geschäftsführer“. Einen von ihnen bezeichnet Frege als „Gefahr“ für das Verfahren. Sein Name: Wolfgang Schuck.

Schuck war viele Jahre lang Vorsitzender der Geschäftsführung – auch in der Hochphase der Cum-Ex-Geschäfte. Und Schuck sorgte dafür, dass auch er und seine Kollegen ordentlich kassierten. Frege geht davon aus, dass Schuck 300 Millionen Euro allein an Bonusausschüttungen veranlasste, 80 Millionen Euro sollen auf Schucks Konto geflossen sein. Zudem ließ er Ausschüttungen an die Gesellschafter der Bank zu, die sich auf 800 Millionen Euro belaufen. Geld, das nun in Freges Kasse fehlt.

Der Insolvenzverwalter wirkt fast erbost, als er davon berichtet, dass Schuck jeden Vergleichsvorschlag zurückweist. Im Gegenteil: Schuck hat selbst Forderungen erhoben, fordert 4,8 Millionen Euro Boni und 200.000 Euro für seine Anwälte. „Ein Rechtsmissbrauch, der den Rechtsmissbrauch der Steuergeschäfte fortsetzt“, schimpft Frege und kündigt an, Schuck zu verklagen. Schucks Anwälte haben sich unter die Gläubiger gemischt und stellen Gegenanträge. Fragen zu ihrem Mandanten wollen sie nicht beantworten.

Das lohnt sich vor allem für die Steuerzahler und die Bankkunden. Denn der Fiskus und die Einlagensicherung des Bankenverbands waren die Hauptgläubiger in dem Insolvenzfall. Einen Durchbruch vermeldete Frege im Hinblick auf die Forderungen des Finanzamts: 140 Millionen Euro könnten an den Staat gehen, nach komplizierten Verhandlungen und Verrechnungen. Mit der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer konnte er einen überraschenden Vergleich schließen. Die Kanzlei wird ihm 50 Millionen Euro zahlen.

Frege wollte eigentlich knapp das Doppelte, ist aber trotzdem zufrieden. Erst im Frühjahr 2019 wurde bekannt, dass der Insolvenzverwalter die Topkanzlei auf 95 Millionen Euro verklagt hatte. Das sei absurd, war deren erste Antwort. „Für Ansprüche gegen unsere Kanzlei sehen wir keine Grundlage“, sagte ein Kanzleisprecher. Man werde sich vollumfänglich verteidigen.

Ein halbes Jahr später ist die Klage durch den Vergleich hinfällig. Und Freshfields? „Wir sind weiterhin der festen Überzeugung, dass unsere Beratung der geltenden Rechtslage entsprach“, kommentierte ein Sprecher auf Nachfrage.

Aggregator Freshfields

Das ganze Desaster der Cum-Ex-Geschäfte, sagen Experten, sei ohne Freshfields gar nicht möglich gewesen. Wenn Freshfields Cum-Ex als juristisch sauber einstufte, war das vielen Kunden genug, um neunstellige Summen zu investieren.

So geschah es auch im Fall Maple. Freshfields-Anwälte schrieben Gutachten, die Cum-Ex-Geschäfte grundsätzlich als legal einstuften. So kamen die Projekte ins Laufen. Fünf Jahre lang war die Maple Bank damit erfolgreich – ein Ausweis davon sind die Spitzenverdienste ihrer Vorstände.

Heute sind die damaligen Steuerexpertisen von Freshfields kaum noch etwas wert. Banken haben Hunderte Millionen Euro an den Fiskus zurückgezahlt. Fast alle Cum-Ex-Investoren, die mit den Geschäften scheiterten, haben ihre Verluste abgeschrieben. Der eine, der versuchte, sein Geld vom Fiskus einzuklagen, scheiterte kürzlich krachend – wenn auch das Urteil noch nichts rechtskräftig ist. „Denk-logisch unmöglich“ sei die Doppelerstattung einer nur einmal entrichteten Steuer, dozierte der Richter.

Konnten die Maple-Berater von Freshfields also nicht richtig denken? Es ist nicht bekannt, dass in Deutschland je eine Kanzlei 50 Millionen Euro in einem Vergleich zahlte – und das nur ein halbes Jahr nach Erhalt einer Klage. Freshfields betont, dass mit der Überweisung keinerlei Schuldanerkenntnis verbunden sei.

Das ist richtig. Es gibt jedoch auch andere Stimmen. „Der Vergleichsbetrag ist so hoch, dass er wie ein Schuldeingeständnis wirkt“, sagt ein beteiligter Verteidiger. Das Problem von Freshfields liegt auf der Hand: Auch andere Cum-Ex-Mandanten könnten auf Schadensersatz klagen. Zweimal erhielt Freshfields in Frankfurt Besuch von der Staatsanwaltschaft, zwei Steuerpartner stehen auf der Liste der Beschuldigten. Noch 2019 könnte Anklage erhoben werden.

Von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY ist Derartiges nicht bekannt, aber auch sie ist als Berater in den Maple-Fall verstrickt. Frege erwägt, auch EY in Anspruch zu nehmen. Das Verhalten der Firma sei „destruktiv“, sagte Frege. Und EY? Man könne sich nicht äußern: „berufsrechtliche Verschwiegenheitspflichten“.

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