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04.10.2019

03:53

Deutschlands beste Unternehmen

Wachstumsstars made in Germany – und was sie so erfolgreich macht

Von: Christian Rickens

Der Aufschwung geht zu Ende. Welche Unternehmen haben den Dauerboom am besten genutzt, was sind ihre Erfolgsstrategien – und welche Aktien soll man kaufen?

Deutschlands beste Unternehmen – und was sie so erfolgreich macht

Wachstumsstars made in Germany

Zehn deutsche Unternehmen haben sich in der vergangenen Dekade besonders gut entwickelt.

  • Es geht die längste Aufschwungphase seit dem Wirtschaftswunder zu Ende.
  • Zu den Firmen, die sich in der vergangenen Dekade am besten entwickelt haben, gehören beispielsweise der Gabelstaplerhersteller Jungheinrich oder der Autovermieter Sixt. Das Handelsblatt hat fünf Erfolgsfaktoren analysiert.
  • Konjunkturkrise, Gewinnrückgänge und Zollstreit eröffnen an der Börse neue Chancen. Welche der Top-Aktien sich jetzt lohnen – und welche nicht.

An einem sonnigen Septemberdienstag hat die Jungheinrich AG in ihre Firmenzentrale geladen. Ein Gebäude, das mit seinen lichten Glaswänden und weißen Kunststoffpanelen auch in Bangalore oder San José stehen könnte statt in Hamburg-Wandsbek. Zu feiern gibt es einen Stabwechsel: Der langjährige Vorstandschef Hans-Georg Frey übergibt an den Nachfolger Lars Brzoska, der den CEO-Posten zusätzlich zu seinem bisherigen Amt als Technikvorstand übernimmt.

„Jungheinrich vergaß nicht die Heimat, als das Outsourcing modern wurde“, lobt Festredner Olaf Scholz. Nach der Ansprache des Vizekanzlers soll eigentlich Kent Nagano auftreten, doch der Elbphilharmonie-Dirigent verspätet sich. Das angekündigte Quintett spielt seinen Brahms ohne musikalische Leitung. Erst bei den letzten Klängen betritt Nagano den Saal und nimmt wenig später den obligatorischen Blumenstrauß in Empfang.

Dass der Stargast zu spät zur Firmenfeier erscheint, klingt zunächst nach einer kleinen Kalamität. Aber auf den zweiten Blick passt die Episode ziemlich gut zu der Entwicklung, die Jungheinrich in den vergangenen zehn Jahren genommen hat: Das Ensemble kann jetzt auch ohne Dirigenten spielen. Den Wirtschaftsboom der vergangenen zehn Jahre hat die familienkontrollierte Aktiengesellschaft für einen radikalen Umbau ihres Managementteams genutzt. Oberstes Ziel: mehr internes Unternehmertum, bessere Führungskultur.

Die Zahlen sprechen für den Erfolg dieser Strategie. Der Umsatz des Spezialisten für Gabelstapler und Lagersysteme hat sich von Anfang 2009 bis 2019 mehr als verdoppelt, der Nettogewinn stieg um 100 Prozent. Über 8000 neue Arbeitsplätze wurden neu geschaffen, davon die Hälfte in Deutschland. „Die Entwicklung der Jungheinrich AG in den vergangenen zehn Jahren zeigt beispielhaft, was die erfolgreichsten deutschen Unternehmen ausmacht“, sagt Ralf Moldenhauer, Senior Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG).

Grafik

In einer Studie haben Moldenhauer und sein vierköpfiges Team aus 153 börsennotierten deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Millionen Euro Umsatz jene zehn herausgefiltert, die sich in den Geschäftsjahren 2009 bis einschließlich 2018 am besten entwickelt haben.

Es ist Deutschlands unternehmerische Elite, geordnet nach strengen und nachvollziehbaren Kriterien. Zu den Gewinnern zählen Firmennamen, die nicht jedem sofort in den Sinn kommen würden. So steht auf dem ersten Platz die Siltronic AG, die Siliziumplatten für die Halbleiterbranche herstellt. Die Silbermedaille erringt Infineon. Der Konzern arbeitet ebenfalls in der Halbleiterbranche und schafft es als einziger Dax-Wert unter die Top Ten. Auf den Rängen danach folgen Pharma- und Laborzulieferer Sartorius sowie Jungheinrich.

Zwei Kriterien entscheiden. Zum einen die Verbesserung der Marge im operativen, um Sondereinflüsse bereinigten Geschäft (Ebitda) zwischen 2009 und 2018. Zum anderen der Total Shareholder Return im selben Zeitraum, also die absolute Wertsteigerung, die Anleger mit der Aktie des Unternehmens erzielen konnten. Der Total Shareholder Return setzt sich zusammen aus der Kurssteigerung der Aktie und den Dividendenzahlungen.

„Die Finanzkrise und die darauffolgende Rezession 2009 war eine Art gemeinsamer Nullpunkt für alle Unternehmen“, sagt Moldenhauer, der sich vor allem als Restrukturierungsexperte einen Namen gemacht hat. „Unsere Studie zeigt, wie gut die Unternehmen die Krise bewältigt und den anschließenden Aufschwung genutzt haben.“

„Die strukturellen Treiber in unseren Zukunftsmärkten sind intakt, und die langfristige Wachstumsperspektive von Infineon ist weiterhin gut.“ Infineon

Reinhard Ploss, Infineon-Chef

„Die strukturellen Treiber in unseren Zukunftsmärkten sind intakt, und die langfristige Wachstumsperspektive von Infineon ist weiterhin gut.“

Dabei liefere die Entwicklung der Ebitda-Marge eher eine rückwärtsgewandte Betrachtung (Moldenhauer: „Wie gut hat sich das Geschäft entwickelt?“). Der Total Shareholder Return weise eher nach vorn und zeige, welchen Unternehmen am Kapitalmarkt auch in Zukunft profitables Wachstum zugetraut wird. Unternehmen aus der Finanz- und Immobilienbranche sind wegen der fehlenden Vergleichbarkeit ihrer Kennzahlen nicht mit in das Ranking eingeflossen.

Bei keinem der zehn bestplatzierten Unternehmen ist BCG nach Handelsblatt-Recherchen derzeit als Berater aktiv. Ob die Aktien der zehn Unternehmen auch zu den heutigen Kursen noch einen Kauf wert sind, analysieren wir hier.

Wie haben die besten deutschen Firmen das Comeback nach der Finanzkrise geschafft? Was kann man aus ihrem Erfolg lernen? Kurz gesagt: Es kommt auf eine klare Strategie an, die zum jeweiligen Unternehmen passt – und vor allem auf deren entschlossene Umsetzung auch außerhalb einer unmittelbaren Krisensituation. Oder wie es Alexander Sixt formuliert, Vorstandsmitglied der gleichnamigen, ebenfalls in den Top Ten platzierten Autovermietung: „Die Tat zählt.“

1. Erfolgsfaktor: Kulturwandel

Jungheinrich AG, Infineon, PantherMedia / Wolfgang Rieger

Am Tag nach der Übergabefeier sitzt Hans-Georg Frey in seinem bereits nahezu leer geräumten Vorstandsbüro und erinnert sich an die Jahre des Kulturwandels, der sich für manche Betroffenen eher wie eine Kulturrevolution angefühlt haben mag. Auch an seinem letzten Arbeitstag als Vorstandschef trägt Frey die Anstecknadel mit dem Jungheinrich-Logo am Revers und den Schlips in den Firmenfarben Gelb und Grau. Künftig wird er den Aufsichtsrat von Jungheinrich führen.

Den Wirtschaftsboom der vergangenen zehn Jahre hat Frey für einen radikalen Umbau des Managementteams genutzt. Von rund 120 Führungskräften wurden bei Jungheinrich etwa 60 ersetzt. Einige konnten auf niedrigeren Ebenen weiterarbeiten, doch die überwiegende Zahl musste das Unternehmen verlassen. Auch die Verträge von mehreren Vorständen wurden nicht verlängert.

„Unser Hauptkriterium waren die unternehmerischen Qualitäten“, sagt Frey, „die Bereitschaft, für den eigenen Bereich wirklich Verantwortung zu übernehmen und bei Fehlschlägen die Schuld nicht auf andere zu schieben.“ Bei einigen habe es auch am Führungsstil gehapert, sagt Frey, sie seien gegenüber Mitarbeitern zu forsch und verletzend aufgetreten.

Der Kulturwandel bei Jungheinrich war kein Selbstzweck, kein Kuschelprojekt, wie es sich viele andere Unternehmen in Boomzeiten leisten. Er diente einem eng umrissenen Zweck: Das Unternehmen sollte durch mehr internes Unternehmertum schlanker und schneller werden und so den Größennachteil gegenüber den deutlich umsatzstärkeren Wettbewerbern Kion (früher Linde) und Toyota ausgleichen.

Die BCG-Studie lässt sich auch als ein Loblied auf solche unternehmerischen Taten lesen – in der Krise, vor allem aber im darauffolgenden Boom. „Gerade im Aufschwung ist die Versuchung groß, einen Gang zurückzuschalten und einfach die entspannte Fahrt zu genießen“, sagt BCG-Experte Moldenhauer. „Doch die wirklich erfolgreichen Unternehmen sind diejenigen, die die Jahre des Aufschwungs genutzt haben, um konsequent ihr Geschäft voranzubringen.“

„Wir merken den Abschwung, aber wir wissen, was zu tun ist, auch wenn es richtig schwierig wird.“ Jungheinrich AG

Hans-Georg Frey, Aufsichtsratschef Jungheinrich

„Wir merken den Abschwung, aber wir wissen, was zu tun ist, auch wenn es richtig schwierig wird.“

Klingt eigentlich selbstverständlich, ist es aber nicht. Deutschland hat zwischen Ende 2009 und 2018 die längste ununterbrochene Aufschwungphase seit dem Wirtschaftswunder erlebt. Doch viele deutsche Unternehmen nutzten diese Chance nicht. Das wird deutlich bei einem Blick auf jene börsennotierten deutschen Unternehmen, die in den Jahren 2009 bis 2018 am meisten Börsenwert vernichtet haben.

Trauriger Spitzenreiter bei der Vernichtung von Aktionärsvermögen ist nach Handelsblatt-Berechnungen die Commerzbank. Wer am 31.12.2008 für 100 Euro Commerzbank-Aktien kaufte, hatte zehn Jahre später noch 14,70 Euro übrig. Macht einen negativen Total Shareholder Return von im Schnitt 8,5 Prozent pro Jahr.

Nächster Wertvernichter: SGL Carbon. Das Unternehmen konnte die Erwartungen, die in den neuen Werkstoff Kohlefaser gesetzt wurden, nicht erfüllen und hat pro Jahr 6,98 Prozent des Aktionärsvermögens vernichtet. Platz drei der größten Wertvernichter belegt die Deutsche Bank mit minus 6,22 Prozent pro Jahr. Über die Hälfte des Aktionärsvermögens haben innerhalb von zehn Jahren auch die Heidelberger Druckmaschinen AG, der Handelskonzern Ceconomy (vormals Metro AG) und der Energiekonzern RWE vernichtet.

Insgesamt 16 Unternehmen in Deutschland haben über den Zehnjahreszeitraum hinweg einen negativen Total Shareholder Return erwirtschaft. Nicht berücksichtigt sind in dieser „Hall of Shame“ des unternehmerischen Scheiterns Aktiengesellschaften, die seit weniger als zehn Jahren in Deutschland börsennotiert sind (wie die Rocket Internet AG) oder die in diesem Zeitraum durch Insolvenz das Aktionärsvermögen sogar komplett vernichtet haben (wie die Air Berlin AG).

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