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22.09.2019

12:59

Haftung für Pauschalurlauber

Thomas-Cook-Pleite träfe jeden Deutschen

Von: Christoph Schlautmann

Noch gibt es keinen Insolvenzantrag von Thomas Cook – trotzdem sind die Branche und Reisende nervös. Im Falle einer Pleite würde der Steuerzahler haften.

Dem Tourismuskonzern droht die Pleite. ddp/Klaus Ohlenschlaeger

Thomas Cook

Dem Tourismuskonzern droht die Pleite.

Düsseldorf Rund 40 britische Thomas-Cook-Urlauber hielt das Viersternehotel „Les Orangers“ am Wochenende wie Geiseln. Man werde sie erst ziehen lassen, drohte das Ressort im tunesischen Hammamet, wenn sie ihre Unterkünfte noch einmal aus der eigenen Tasche bezahlten. Dass sie alle den Urlaubspreis bereits in voller Höhe an den Londoner Reisekonzern entrichtet hatten, ließ den Hotelier kalt. Er nämlich fürchtet nun, im Fall einer Insolvenz des Veranstalters am Ende leer auszugehen.

Ähnliches hatte ein Reisebüro bereits Mitte Juni über ein Hotel in der Nähe von Trier berichtet. Dort verweigerte man einem Ehepaar die gebuchten Luxuszimmer mit dem Hinweis, Thomas Cook habe das Geld noch nicht überwiesen.

Obwohl bis zum Sonntagabend noch nicht einmal ein Insolvenzantrag des weltweit zweitgrößten Urlaubsveranstalters eingereicht war, steigt die Nervosität – unter den Reisenden wie in der Branche.

Lücke im Gesetz

Ein Chaos wie dieses wollte die seit Juni 1990 geltende EU-Pauschalreiserichtlinie eigentlich verhindern. Doch vor der Größe des britischen Reiseriesen, der hierzulande mit den Marken Neckermann, Öger und Condor unterwegs ist, drohen die nationalen Versicherungsgesetze zu versagen.

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    Kommt es zu einer Insolvenz von Thomas Cook, werden es in Deutschland vor allem die Steuerzahler sein, die für entstandene Schäden haften. Schuld daran würde ein hierzulande unzureichendes Gesetz sein, das womöglich zu einer Unterversicherung führt.
    Denn gedeckt sind Pauschalreiseveranstalter gegen Insolvenzfolgen, so lautet die deutsche Spezialität, nur bis zu einer Gesamthöhe von 110 Millionen Euro. Mit der Deckelung, so die Absicht des deutschen Gesetzgebers, wollte man die Urlaubsanbieter vor allzu hohen Versicherungsprämien bewahren.

    Damit aber versäumte es die Bundesregierung, die EU-Pauschalreiserichtlinie in vollem Umfang umzusetzen. Und das hat Konsequenzen: Reiserechtsexperten wie der Kemptener Professor Ernst Führich glauben, dass damit die Bundesregierung – und so auch der Steuerzahler – in der weiteren Haftung bleibt.

    Die Kulanz könnte sich nun bitter rächen. Zum Bilanzstichtag vor knapp einem Jahr wies Thomas Cook Kundenanzahlungen von 1,39 Milliarden Pfund in seinem Geschäftsbericht aus. Gut ein Drittel davon geht auf das Konto deutscher Urlauber und Flugkunden.

    Der Betrag dürfte derzeit kaum niedriger sein, zumal die Herbstferien vor der Tür stehen. Nach Abzug der Versicherungssumme würde die Pleite von Thomas Cook damit den deutschen Steuerzahler gut 300 Millionen Euro kosten. Ein Sprecher von Thomas Cook im hessischen Oberursel wollte sich auf Anfrage dazu nicht äußern.

    Für geschädigte Pauschalurlauber aber könnten die Rückforderungen zu einer juristischen Tortur werden. Im Fall einer Insolvenz müssten sie dann womöglich gegen die Bundesrepublik Deutschland auf Schadensersatz klagen.

    Reisebüros im Fokus

    Einige von ihnen werden sich in einem solchen Fall womöglich ebenfalls an das vermittelnde Reisebüro wenden. Denn auch die Agentur haftet laut Gesetz, wenn sie „bekannte Probleme oder Schwierigkeiten eines von ihr vermittelten Reiseveranstalters den Kunden nicht vor Reisevertragsabschluss zur Kenntnis bringt“.

    Der Verband unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR), dem nach eigener Auskunft 719 der deutschlandweit rund 10.000 Agenturen angehören, reagierte deshalb schon vor Wochen. Er empfahl seinen Mitgliedern, Reisekunden über die Wirtschaftssituation von Thomas Cook aufzuklären und sich die Belehrung quittieren zu lassen. „Wer sich daran gehalten hat“, sagt VUSR-Geschäftsführerin Marija Linnhoff, „der dürfte wenig zu befürchten zu haben.“

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