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25.06.2022

15:34

Interview

Strafverteidiger Alfred Dierlamm: „Nur der Erfolg des Mandanten zählt“

Von: René Bender

Alfred Dierlamm gehört zu den bekanntesten Strafverteidigern der Republik. Im Interview spricht er über seine Erfolgsrezepte und den Kampf für Ex-Wirecard-Chef Markus Braun.

Prof. Dr. Alfred Dierlamm Rechtsanwalt, Wirecard  Jann Höfer für Handelsblatt

Portrait Prof. Dr. Alfred Dierlamm

Prof. Dr. Alfred Dierlamm Rechtsanwalt, Wirecard

Wiesbaden Ob Cum-Ex, Dieselskandal oder Wirecard: Bei den großen Fällen von Wirtschaftskriminalität ist Alfred Dierlamm fast immer dabei. Als Anwalt des langjährigen Wirecard-Chefs Markus Braun steht er derzeit besonders im Rampenlicht. Für ihn führt er einen harten Kampf gegen die Münchener Staatsanwaltschaft, die seinen Mandanten als „Kopf einer Bande“ bezeichnet.

In seiner Wiesbadener Kanzlei spricht Dierlamm über seine Erfolgsrezepte, die Leidenschaft für den Beruf – und darüber, wann er die Reißleine zieht. Es sieht es als seine Aufgabe an, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. „Manchmal ist das ein langer Weg. Nur auf dieser Basis kann ich verteidigen“, sagt Dierlamm.

Mit der zunehmenden Konkurrenz aus Großkanzleien hat Dierlamm kein Problem. Angebote solche Sozietäten lehnt er kategorisch ab. Für Dierlamm käme es nicht in Frage, in so einer Kanzlei zu arbeiten. „Wir versuchen, die Ideale der freien Advokatur zu leben. Bei uns in der Kanzlei ist der Anwalt frei, unabhängig und selbstbestimmt“, sagt Dierlamm.

Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Wirecard-Anwalt Alfred Dierlamm:

Herr Dierlamm, wir müssen zuerst über Markus Braun reden, Ihren bekanntesten Mandanten. Wie ist hier der Stand der Dinge?
Ich bitte um Verständnis, dass ich mich im Hinblick auf das laufende gerichtliche Verfahren nicht zu Einzelheiten äußern kann. Nur so viel: Wir haben am 16. März 2022 in einem umfangreichen Schriftsatz von knapp 300 Seiten beim Landgericht München die Nichteröffnung des Hauptverfahrens beantragt.

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    Welche Chancen rechnen Sie sich damit aus?
    Die Einwände gegen den von der Staatsanwaltschaft in der Anklage konstruierten Verdacht gegen meinen Mandanten sind aus meiner Sicht so gewichtig, dass die Kammer das Hauptverfahren nicht eröffnen kann. Das gilt jedenfalls, wenn sie den Verfahrensstoff objektiv würdigt – und damit meine ich vor allem unbeeinflusst von öffentlichen Vorverurteilungen meines Mandanten. Bisher war die Verfahrensführung bedauerlicherweise sehr stark davon geprägt.

    Der frühere Wirecard-Chef ist der wohl prominenteste Mandant von Alfred Dierlamm. Reuters

    Markus Braun

    Der frühere Wirecard-Chef ist der wohl prominenteste Mandant von Alfred Dierlamm.

    Sie verteidigen auch im Cum-Ex-Skandal eine prominente Figur. Ihr Mandant stand früher eng an der Seite von Hanno Berger. Dann mandatierte er Sie – und brach aus der Berger-Phalanx aus, wie er selbst erzählte. Heute sitzt Berger in U-Haft und auf der Anklagebank, Ihr Mandant hilft als Kronzeuge bei der Aufklärung. Ihr Meisterstück?
    Angesichts des Ermittlungsverfahrens möchte ich mich auch dazu nicht äußern. Die Aussagen meines Mandanten sind ja zum Teil öffentlich bekannt. Aber auch für dieses Mandat gilt: Verteidigung in so komplexen Verfahren ist keine One-Man-Show. Ich führe die Verteidigung in der genannten Angelegenheit gemeinsam mit dem hochgeschätzten Kollegen Tido Park. Außerdem sind wir von einem Team von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Rechtsdisziplinen umgeben. Eine vergleichbare Struktur der Zusammenarbeit haben wir in praktisch allen größeren Mandaten. Wir haben ein Netzwerk mit einer Reihe von ganz ausgezeichneten, handverlesenen Kolleginnen und Kollegen. Auf die können wir uns fachlich zu 100 Prozent verlassen.

    Aber am Ende wollen die Mandanten doch zu Ihnen. Warum sind Sie so gefragt?
    Das müssen Sie unsere Mandanten fragen. Ich würde sagen: Fleiß, Empathie, Leidenschaft und Zuverlässigkeit. Es hört sich vielleicht komisch an, aber ich empfinde meinen Beruf gar nicht als Arbeit. Ich bin seit fast drei Jahrzehnten Strafverteidiger und freue mich jeden Tag, meiner Tätigkeit nachgehen zu können.

    Und wenn die Chemie nicht stimmt? Kommt es vor, dass Sie ein Mandat niederlegen?
    Das ist nur ganz selten vorgekommen. Wenn ich merke, dass mich ein Mandant auch nach mehreren Gesprächen belügt und das Blaue vom Himmel erzählt, ziehe ich die Reißleine. Menschen neigen häufig dazu, ihre Verfehlungen in der Rückschau zu verdrängen. Es ist aber die Aufgabe des Anwalts, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Manchmal ist das ein langer Weg. Nur auf dieser Basis kann ich verteidigen. Das ist wichtig, um den eigenen Verfahrensvortrag abzusichern. Auch und gerade der Strafverteidiger ist an die Wahrheitspflicht gebunden.

    Was war Ihr größter Erfolg?
    Ganz ehrlich? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Es ist nicht wichtig, was der Anwalt als seinen Erfolg oder Misserfolg empfindet. Allein entscheidend ist, ob das Verfahrensergebnis dem Mandanten hilft. Nur sein Ergebnis zählt, er muss mit dem Ausgang eines Verfahrens zufrieden sein. In jedem Fall ist es gut, wenn ein Verfahren öffentlich nicht bekannt wird, weil allein eine Berichterstattung schon die Reputation beschädigt. Das gelingt in der überwiegenden Zahl aller Fälle.

    Wann reifte Ihr Berufswunsch?
    Ich komme aus einem Medizinerhaushalt, war also eigentlich immer das schwarze Schaf in der Familie. Aber die liberalen Werte wurden bei uns gelebt. Und so ist bei mir auch der Wunsch gereift, für die liberalen Rechte eines Menschen erforderlichenfalls im Konflikt mit der Staatsmacht einzutreten. Ich habe mich schon in der Schulzeit für Staatsrecht und Grundrechte interessiert. Ich war auch viele Jahre in der FDP parteipolitisch aktiv, bin dann aber aus der Partei ausgetreten, als 1994 die schwarz-gelbe Koalition mit den Stimmen der FDP den sogenannten großen Lauschangriff beschloss. Das war für mich als überzeugter Liberaler ein absolutes No-Go.

    Wie kamen Sie zum Strafrecht?
    Nach dem Studium habe ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an dem strafrechtlichen Lehrstuhl von Prof. Dr. Volker Krey gearbeitet. Dann hatte ich die Chance, als junger Anwalt bei der Kanzlei Redeker Sellner Dahs zu arbeiten. Dort war Hans Dahs mein Lehrer, einer der ganz großen Strafverteidigerpersönlichkeiten des letzten Jahrhunderts. Ich habe dort zunächst viel allgemeines Strafrecht gemacht. Mit Wirtschaftsstrafrecht hatte das noch nicht viel zu tun. Aber ich habe viele Hauptverhandlungen begleitet und damit die Basis für mein heutiges Erfahrungswissen gelegt.

    Wie ging es weiter?
    Hans Dahs hat mich später mit zu großen Wirtschaftsstrafverfahren genommen. Einmal ging es um die Milliardenpleite des Sportbodenherstellers Balsam Mitte der 1990er-Jahre, das war ein sehr komplexer Fall. Wir haben einen angeklagten Wirtschaftsprüfer verteidigt. Die Sache ging gut aus für unseren Mandanten. Er wurde freigesprochen. Danach habe ich mich mehr oder weniger auf Wirtschaftsstrafsachen spezialisiert.

    Seither sind zig Mandate dazugekommen. Sie verteidigen Beschuldigte in großen Strafverfahren, aber auch Firmen, zuletzt etwa Vitesco oder Heckler & Koch. Wie hoch ist der Anteil der Unternehmensmandate?
    Der liegt ungefähr bei 50 Prozent. Viele Unternehmen beraten wir laufend. Häufig geht es auch um präventive Fragestellungen. Die Beratungsintensität bei Unternehmen hat nach meiner Wahrnehmung massiv zugenommen.

    Auf dem Feld tummeln sich immer öfter Großkanzleien. Wie groß ist die Konkurrenz?

    Großkanzleien haben am Markt der strafrechtlichen Beratung sicher ihren Platz gefunden. Wir als Boutique könnten zum Beispiel gar keine globalen Compliance-Untersuchungen anbieten. Das ergänzt sich ganz gut. Allerdings habe ich in den letzten Jahren einige Male erlebt, dass sich Anwälte aus Großkanzleien bei klassischen Verteidigungsmandaten immer wieder verhoben haben. Am Ende landen diese Mandate dann doch wieder auf dem Tisch der etablierten Strafrechtler.

    Immer wieder wechseln Strafverteidiger in Großkanzleien. Wäre das eine Option für Sie?
    Nein. Wir versuchen, die Ideale der freien Advokatur zu leben. Bei uns in der Kanzlei ist der Anwalt frei, unabhängig und selbstbestimmt. Diese Ideale sind mit den Abläufen einer Großkanzlei nur bedingt vereinbar. Ich bin in der Vergangenheit immer mal wieder gefragt worden, ob wir unsere Einheit in eine Großkanzlei einbringen wollen. Ich habe das immer abgelehnt.

    Kanzleien locken Berufseinsteiger mit immer höheren Gehältern, teilweise jenseits der 150.000 Euro. Können Sie da mithalten?
    Das wollen wir gar nicht. Wer sich primär für das höchste Gehalt interessiert, hat nicht verstanden, worum es bei diesem Beruf geht. Wir brauchen Typen, die Leidenschaft, Empathie und Einsatzbereitschaft mitbringen und nicht sofort die Frage stellen, wie sie Überstunden abgelten können. Menschen mit Ecken und Kanten sind durchaus erwünscht. Im Übrigen kann man bei uns schneller Partner werden. Da lässt sich das niedrigere Einstiegsgehalt rasch wieder ausgleichen.

    Trotzdem verlassen immer wieder junge Anwälte Ihre Kanzlei. Wie bitter ist das?
    Eine gewisse Fluktuation ist völlig normal. Einige müssen gehen, weil sie die hohen Anforderungen nicht erfüllen. Andere suchen den wirtschaftlichen Erfolg in der eigenen Kanzlei. Das geht zuweilen auch schief, weil die etablierten Kanzleien den Markt beherrschen. Ich kann eine solche Entscheidung aber sehr gut verstehen. Schließlich habe ich das vor 25 Jahren auch so gemacht und den Schritt nie bereut.

    Wie teuer sind Sie?
    Ich habe keine festen Honorarsätze, sondern entscheide von Fall zu Fall. Am Ende ist der wirtschaftliche Erfolg einer Anwaltskanzlei immer eine Mischkalkulation. Ich denke, im Marktvergleich ist unsere Kanzlei eher moderat. Wir übernehmen aber generell keine Pro-bono-Mandate.

    Wie sehr hat Corona Ihre Arbeit beeinflusst?

    Corona hat vor allem die Kommunikation verändert. Wir machen inzwischen etwa 90 Prozent aller Mandatsbesprechungen als Videocalls. Ich empfinde das als sehr angenehm, weil man mehr Zeit bei der Familie verbringen kann. Meine vier Kinder sind sozusagen die Coronagewinner.

    Trotzdem sind Sie weiterhin viel unterwegs.
    In der Tat. Haftbesuche und Hauptverhandlungstermine muss ich zwingend physisch wahrnehmen. Und das sind bei mir zurzeit einige. Markus Braun besuche ich durchschnittlich ein- bis zweimal in der Woche in der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen, das ist ein sehr intensives Verfahren und erfordert einen engen Austausch.

    Welche Spuren hat Corona in den Zahlen Ihrer Kanzlei hinterlassen?
    Beim Umsatz hat Corona sich nicht negativ ausgewirkt. Im Gegenteil: Die Jahre 2020 und 2021 waren wirtschaftlich gesehen die erfolgreichsten in der fast 25-jährigen Geschichte unserer Kanzlei.

    Liegt der Erfolg Ihrer Kanzlei auch daran, dass es heute mehr Wirtschaftskriminalität gibt als früher?
    Ich denke nicht, dass Wirtschaftskriminalität zugenommen hat. Allerdings ist die Verfolgungsintensität der Ermittlungsbehörden gestiegen. Cum-Ex oder Dieselgate sind dafür gute Beispiele. Diese Verfahrenskomplexe haben enorme Ausmaße mit zahlreichen Beschuldigten. Allein in den Cum-Ex-Verfahren gibt es rund 1500 Beschuldigte. Die Ermittler sind auch professioneller geworden. Wirtschaftsstraftaten geschehen übrigens unabhängig davon, ob es der Wirtschaft gut oder schlecht geht. Nur die Schwerpunkte in den Deliktsbereichen verschieben sich.

    Oft dauert es viele Jahre, bis ein Fall rechtskräftig abgeschlossen ist. Wie ließe sich eine Verbesserung erreichen?
    Die Dauer der Verfahren ist nicht zuletzt so gestiegen, weil die Verfahrensbeteiligten vor Gericht nicht mehr wie früher miteinander sprechen. Ich habe als junger Anwalt noch die Zeit erlebt, in der Verfahrensergebnisse oft vorher besprochen wurden. Das hat gut funktioniert und die Verfahren deutlich verkürzt. Dafür gibt es auch eine gesetzliche Grundlage in der Strafprozessordnung. Leider wird von ihr viel zu wenig Gebrauch gemacht.

    Brauchen wir ein Unternehmensstrafrecht, so wie es viele andere Länder haben?
    Nein. Ich bin ausdrücklich dagegen. Wir haben ein Ordnungswidrigkeitenrecht. Auch wenn in einzelnen Punkten Reformbedarf besteht, funktioniert es im Kern. Ich gehe davon aus und hoffe, dass die neue Regierungskoalition auch in diese Richtung denken wird und die alten Pläne in der Schublade lässt.

    Herr Dierlamm, vielen Dank für das Interview.

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