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22.02.2023

16:23

Unternehmensberatung

Berichte über Abbau von 2000 Stellen bei McKinsey

Von: Tanja Kewes

Es droht die größte Entlassungswelle in der Geschichte der Beratung. McKinsey bestätigt bislang nur, seine Strukturen im Backoffice „neu gestalten“ zu wollen. Die Konkurrenz zieht bisher nicht nach.

Berater McKinsey  Reuters

McKinsey and Company

Die Beratungsgesellschaft stammt aus den USA, ist aber auch in Deutschland die Nummer eins.

Düsseldorf Den Mitarbeitern der Unternehmensberatung McKinsey steht Medienberichten zufolge die größte Entlassungswelle der Firmengeschichte ins Haus. Rund 2000 Stellen sollen gestrichen werden, berichtete die Agentur Bloomberg und die „Financial Times“ am Dienstag unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.

„Wir sind dabei, die Arbeitsweise unserer Teams, die keinen direkten Kundenkontakt haben, zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt neu zu gestalten, damit diese Teams unsere Firma effektiv unterstützen und mit ihr wachsen können“, erklärte eine Unternehmenssprecherin dem Handelsblatt auf Nachfrage. Man stehe jedoch erst am Anfang des Prozesses. Es sei noch zu früh, um zu sagen, ob es am Ende zu einem Stellenabbau kommen werde. Die Sprecherin ergänzte: „Wir stellen aufgrund der steigenden Nachfrage weiterhin für die Klientenbetreuung ein und investieren in unsere Fähigkeiten."

McKinsey ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Die Beratung hat aktuell eigenen Angaben zufolge rund 45.000 Mitarbeiter, das sind 7000 mehr als noch vor einem Jahr, und 17.000 mehr als vor fünf Jahren. In Deutschland hatte die Beratung 2022 rund 3000 Mitarbeiter und wollte um 1000 wachsen.

McKinsey plant Neuausrichtung des Backoffice

Trotz einer Fluktuationsrate von derzeit 17 Prozent soll das McKinsey auch gelungen sein. Ein hoher Personaldurchlauf ist dabei durchaus branchenüblich. Rund die Hälfte der Mitarbeitenden McKinseys sind Berater, die in direktem Kontakt mit Kunden stehen. Die andere Hälfte sind in sogenannten Backoffice-Bereichen tätig, etwa Administration, Personal, Kommunikation, Recht. Auf dieser Gruppe liegt demnach aktuell der Fokus der Überlegungen.

Nach Umsätzen von zwölf Milliarden Doller im Jahr 2020 und 15 Milliarden Dollar im Jahr 2021 erwarten Branchenexperten für 2022 ein Wachstum im zweistelligen Prozentbereich. Für Dietmar Fink, Branchenanalyst und Geschäftsführer der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Managementberatung (WGMB), wären mögliche Stellenstreichungen bei McKinsey weniger „aus der Not“, als „aus der Sorge heraus“ zu verstehen, „dass sich der sensationelle Wachstumskurs der vergangenen Jahre nicht fortsetzen wird, falls die Weltwirtschaft in noch stärkere Probleme geraten sollte“.

Grafik

Grundsätzlich, so Fink weiter, sei eine Neuausrichtung des Backoffice angesichts des Wachstums eine sinnvolle Sache: „Da ändern sich natürlich auch die organisatorischen Rahmenbedingungen. Für eine Neuausrichtung der Support-Prozesse war es da höchste Zeit.“

Mit der Überprüfung der eigenen Prozesse macht McKinsey das, was die Berater der Gesellschaft meist ihren Kunden verordnen: „performance improvement“. Gemeint ist damit die Verbesserung der Leistungsfähigkeit einer Firma. Und dass dies selbst in Wachstumszeiten nötig sein kann und in unpopulärem Stellenabbau enden kann, demonstriert McKinsey nun selbst. „Es geht um die Resilienz für die nächste Krise“, heißt es von einem McKinsey-Berater, der nicht genannt werden will.

Roland Berger erteilt Stellenabbau klare Absage

Die weltweiten Nummern zwei und drei hinter McKinsey, die Boston Consulting Group (BCG) und Bain, planen aktuell keine Stellenstreichungen. „Allerdings“, heißt es auch von dort, „bleibt die Optimierung unserer internen Strukturen und Prozesse eine Daueraufgabe, an der wir kontinuierlich im Rahmen unserer Wachstumsstrategie arbeiten“.

Die größte deutsche Strategieberatung Roland Berger hingegen stellt sich deutlich gegen diese Überlegungen: „Stellenstreichungen sind bei uns kein Thema. Wir befinden uns weiterhin auf deutlichem Wachstumskurs.“ 2022 stellte das Unternehmen weltweit mehr als 1000 neue Mitarbeiter ein, davon gut 300 in Deutschland. Insgesamt hat das Unternehmen nun weltweit mehr 3000 Mitarbeiter, darunter 320 Partner – ein Rekordwert für die Beratung.

In Hinblick auf das laufende Jahr gibt es aber auch bei Roland Berger leicht zurückhaltende Töne. Neben einem Fokus auf Neueinstellungen liegt die Aufgabe auf der Integration akquirierter Mitarbeiter in die jeweiligen Teams. Es geht nicht nur um Vergrößerung, sondern eben auch um Effizienzsteigerung.

McKinsey: Gerüchte um Entlassungen schaden Image

Die jüngsten Spekulationen um eine Entlassungswelle dürften weiter am Image McKinseys kratzen. Zuletzt hatte das „Schwarzbuch McKinsey“ zweier Journalisten der „New York Times“ für negative Aufmerksamkeit gesorgt. Das Buch von Walt Bogdanich und Michael Forsyth beschreibt, in welche Skandale die Beratung in den vergangenen Jahren international verwickelt war. Eine tragende Rolle spielten dabei auch deutsche Berater.

Aus diesem Grund erschien die deutsche Fassung um ein Kapitel erweitert. In diesem 14. Kapital, das den Titel „McKinsey ist überall“ trägt, beschreiben die Autoren, inwiefern auch deutsche Berater in die internationalen Skandale verwickelt waren – etwa in Südafrika bei der Sanierung des Energiekonzerns Eskom oder in Großbritannien bei der Umstrukturierung des nationalen Gesundheitsdienstes NHS. Zudem beschreiben sie, wie sich McKinsey auch hierzulande zum Marktführer entwickeln konnte und die Einsätze der Beratung in den Bundesministerien für Verteidigung und Inneres im Fiasko endeten.

Erstpublikation: 22.02.2023, 16:23 Uhr

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