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31.05.2022

13:00

E-Commerce

Automatisiert, bekannt und bald profitabel? Lieferdienst Knuspr eilt den Wettbewerbern davon

Von: Florian Kolf

Während Gorillas schwächelt, wächst das Start-up Knuspr rasant. Zugleich will es als erster Lieferdienst profitabel werden – und nennt dafür sogar einen Zeitpunkt.

Knuspr: Deutschlandchef Erich Comor Knuspr

Erich Comor

Der Deutschlandchef von Knuspr hat ehrgeizige Pläne für die Expansion.

Düsseldorf Als das tschechische Start-up Knuspr im vergangenen Sommer in Deutschland startete, klangen die Ansagen utopisch. In nur wenigen Jahren wolle das Unternehmen Marktführer werden und alle großen deutschen Städte mit Lebensmitteln beliefern. Ein Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro sei bald erreichbar.

Aktuelle Zahlen zeigen: Das Unternehmen dürfte seine Versprechen einlösen. Deutschland-Chef Erich Comor sagte dem Handelsblatt: „Wir wachsen sehr stark, wir haben jetzt schon 70.000 Kunden, die regelmäßig bei uns bestellen.“ Im April 2023, wenn die Muttergesellschaft Rohlik ihr Geschäftsjahr abschließt, werde der Umsatz in Deutschland bereits bei 100 Millionen Euro liegen, nicht mal zwei Jahre nach dem Start.

Starker Wettbewerb unter den Lebensmittellieferdiensten

Dabei ist der Markt für Lebensmittellieferdienste in Deutschland umkämpft. Allein in München, wo Knuspr gestartet ist, werben unter anderem Rewe, Amazon, Bringmeister, Gorillas, Flink und Frischepost um Kunden. Und bei den ersten Lieferdiensten zeigen sich schon Probleme.

So hat Gorillas gerade angekündigt, dass es seinen Wachstumskurs abbremst und 300 Mitarbeiter in der Verwaltung entlässt. Investoren haben das Start-up bisher mit mehr als einer Milliarde Euro finanziert. Delivery Hero hat seinen Lieferdienst Food Panda in Deutschland nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Bringmeister hatte 2021 nach der Übernahme durch einen Investor eine bundesweite Expansion angekündigt – passiert ist bisher wenig.

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Standort erkennen

    Knuspr dagegen wächst nach Plan. Im Februar wurde Frankfurt als zweiter Standort dazugenommen. Deutschland-Chef Comor berichtet: „Wir hatten dort zum Beispiel an Ostern schon tausend Bestellungen pro Tag, das ist ein doppelt so schneller Anlauf wie in München.“

    Neue Knuspr-Standorte in Hamburg, Düsseldorf und Berlin

    Danach folgen weitere Standorte: „Im September oder Oktober starten wir in Hamburg, in Essen entweder noch in diesem Jahr oder Anfang nächsten Jahres“, sagt der Knuspr-Chef. „Köln, Düsseldorf und Berlin folgen dann im weiteren Verlauf des nächsten Jahres.“

    Lieferdienst Gorillas Reuters

    Gorillas

    Der Lieferdienst hat viel Geld eingesammelt, wächst aber nur noch langsamer.

    Wie schnell es Knuspr geschafft hat, ins Bewusstsein vieler Kunden vorzudringen, zeigt eine vor Kurzem veröffentlichte Studie des Marktforschers Appinio und des Software-Unternehmens Spryker. Obwohl das Unternehmen zunächst nur in München ausgeliefert hat, hatte Knuspr Anfang des Jahres – ein halbes Jahr nach dem Start – in Bayern bereits eine Markenbekanntheit von 27 Prozent.

    Zugriffszahlen: Nur Flink und Bringmeister vor Knuspr

    Der Lieferdienst schafft es stärker als viele Konkurrenten, seine Bekanntheit in Geschäftserfolg umzuwandeln: 16,3 Prozent der Befragten, die angaben, die Marke Knuspr zu kennen, würden dort regelmäßig bestellen. Bei Gorillas lag dieser Wert bei 9 Prozent, bei Amazon Fresh bei 9,1 Prozent.

    Bei den monatlichen Zugriffszahlen der Website und des Mobilangebots hat sich Knuspr auf Platz drei der Liefer-Start-ups vorgeschoben. Das zeigen Zahlen des Datendienstleisters Similarweb. Nur Flink und Bringmeister liegen davor. Die haben jedoch bisher auch deutlich größere Liefergebiete.

    Bisher ist es aber keinem Lebensmittellieferdienst gelungen, Gewinne zu erwirtschaften – obwohl viele seit Jahren in Deutschland tätig sind. Rewe etwa liefert seit mehr als zehn Jahren aus, kann aber immer noch nicht sagen, wann es mit dem Dienst Geld verdienen wird.

    Tschechische Muttergesellschaft Rohlik schon profitabel

    Wachstum sei im Moment wichtiger als Profitabilität, sagte Rewe-Digitalchef Christoph Eltze vor Kurzem im Interview mit dem Handelsblatt: „Wir glauben an unser Modell und wollen weiter wachsen. Deshalb sind wir auch noch bereit, Verluste zu akzeptieren.“ Da denke Rewe ähnlich wie die Start-up-Gründer.

    Doch Knuspr will beweisen, dass sich schnelles Wachstum und Profit nicht ausschließen: „In Tschechien haben wir mit Rohlik.cz bewiesen, dass wir in der Lage sind, dieses Geschäft mit Gewinn zu betreiben“, sagt Comor. Das habe bisher kein anderer Anbieter geschafft. „Für unsere Investoren ist es ganz wichtig, dass wir zeigen, dass das auch im hart umkämpften deutschen Markt möglich ist.“

    Dafür nennt der Deutschlandchef von Knuspr auch konkrete Zeiträume: „In München wollen wir zum Ende unseres Geschäftsjahrs im April 2023 die Schwelle zur Profitabilität erreicht haben. In Frankfurt soll es in 18 Monaten so weit sein.“

    In Branchenkreisen heißt es häufig: Die Auslieferungszentren weitgehend zu automatisieren sei wichtig, um profitabel zu werden. Auch Knuspr setzt auf diesen Prozess. Der Betrieb im neuen Lager in Hamburg beispielsweise soll nahezu automatisch laufen. Eins der beiden Lager in München ist schon voll automatisiert.

    Comor sagt jedoch: „Profitabilität ist auch ohne Automatisierung möglich.“ Der Schlüssel zu einem profitablen Betrieb sei ein hoher Wert des durchschnittlichen Warenkorbs: „Bei uns liegt die durchschnittliche Order schon bei 80 Euro, bei vielen Kunden liegt der Wert einer Bestellung schon bei mehr als 100 Euro“, verrät er.

    Knuspr hat fast 100 Millionen Euro in Deutschland investiert

    Bei der Konkurrenz ist die Höhe des Warenkorbs geheim. Doch diese Werte dürfte kaum einer erreichen. Schnelllieferdienste wie Gorillas, die ein deutlich reduzierteres Sortiment haben, dürften sogar nur auf unter 30 Euro kommen, heißt es aus Branchenkreisen.

    Der zweite wichtige Faktor, um Gewinne zu erzielen, sei die Produktivität im operativen Betrieb, sagt der Knuspr-Deutschlandchef: „Wir messen ständig alle Daten, um den Betrieb so effizient wie möglich zu machen. Wenn man diese beiden Faktoren optimiert, kann man einen Lebensmittellieferdienst profitabel machen.“

    Rewe-Lieferservice imago/photothek

    Mitarbeiter vom Rewe-Lieferservice

    Ist der stationäre Handel ein Nachteil für Rewes Lieferdienst?

    Ausgerechnet Marktführer Rewe sieht er dabei nicht als stärksten Konkurrenten. Für Comor sind das eher Amazon Fresh oder das Start-up Picnic. „Wettbewerber, die auch stationären Handel machen, haben nicht den richtigen Fokus darauf, den E-Commerce zu etwas Besonderem für den Kunden zu machen“, behauptet er.

    Knuspr liefert die Bestellungen innerhalb von drei Stunden aus. Das Start-up sieht die Lieferzeit am selben Tag als Voraussetzung, um erfolgreich zu sein. „Rewe hatte zeitweise Probleme, in der folgenden Woche zu liefern“, sagt Comor. „Damit ist man auf lange Sicht nicht konkurrenzfähig.“

    Eine leistungsfähige Logistik aufzubauen, kostet jedoch viel Geld, sagt er: „In Deutschland haben wir jetzt fast 100 Millionen Euro investiert, den größten Teil davon in die Lieferzentren.“ Und die Muttergesellschaft Rohlik Group expandiert parallel in Italien, Spanien und Rumänien.

    Comor lässt aber keinen Zweifel daran, dass die Gruppe das finanziell stemmen kann. 2021 erst hat das Unternehmen 290 Millionen Euro an Finanzmitteln eingeworben. Und noch dieses Jahr, sagt er, „werden wir eine weitere Finanzierungsrunde abschließen“.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 29.05.2022 um 9:23 Uhr. 

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