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26.01.2022

17:16

Einzelhandel

„Das ist ein Skandal“ – Experten kritisieren zweiten Staatskredit für Galeria

Von: Martin Greive, Florian Kolf

PremiumDer Bund hat ein neues Rettungspaket über netto 220 Millionen Euro genehmigt. Experten sehen wenig Chancen, dass die Steuerzahler das Geld zurückbekommen.

Das Unternehmen muss trotz der Umsatzverluste in der Pandemie massiv investieren. dpa

Galeria

Das Unternehmen muss trotz der Umsatzverluste in der Pandemie massiv investieren.

Berlin, Düsseldorf Der Warenhauskonzern Galeria erhält erneut Staatshilfen. Der Corona-Rettungsfonds des Bundes (WSF) segnete am Dienstag ein Rettungspaket ab. Dies teilte Galeria-Chef Miguel Müllenbach in einem Brief den Mitarbeitern mit, der dem Handelsblatt vorliegt. Galeria erhält demnach 220 Millionen Euro netto.

So stellt der Staat dem Unternehmen eine stille Einlage von 250 Millionen Euro zur Verfügung. 30 Millionen Euro davon werden genutzt, um einen Teil des ersten WSF-Darlehens zu tilgen, das das Unternehmen im vergangenen Jahr erhalten hatte. Galeria-Eigentümer René Benko leistet einen Eigenbetrag von 15 Prozent

Hintergrund für die Hilfen sind Verluste durch die Verschärfung der Pandemie seit Herbst, aber auch die Bedeutung von Galeria für Lieferanten und als Magnet für den stationären Einzelhandel in den Innenstädten insgesamt, hieß es aus Regierungskreisen.

Dass die Verhandlungen mit der Bundesregierung erfolgreich waren, sei „von dritter Seite erneut eine Bestätigung unserer Strategie und unseres eingeschlagenen Weges“, schreibt Müllenbach im Mitarbeiterbrief. Die erste Teilzahlung solle vereinbarungsgemäß in der nächsten Woche erfolgen, so der Galeria-Chef.

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    Es ist damit schon das zweite Mal, dass Galeria, das durch die Fusion von Kaufhof und Karstadt entstanden ist, einen staatlichen Kredit erhält. Schon Anfang 2021 hatte der WSF dem Warenhauskonzern mit einem Darlehen über 460 Millionen Euro geholfen, für den das Unternehmen 6,5 Prozent Zinsen zahlen muss. Damit sollte das Unternehmen während der Pandemie vor einer erneuten Insolvenz bewahrt werden. Die damalige Einigung hatte bereits die Möglichkeit eines weiteren Kredits vorgesehen.

    Experten sehen keine Zukunft für das Warenhaus

    Das stößt bei Experten auf harte Kritik. „Der Staatskredit ist aus meiner Sicht ein Skandal“, sagt Martin Fassnacht, Handelsexperte von der WHU Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf. Das Geld werde der Steuerzahler mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zurückbekommen, warnt er. „Bei dem wirtschaftlichen Zustand des Unternehmens sehe ich nicht, wie sie dieses Geld jemals zurückzahlen können“, erklärt Fassnacht.

    „Auch der zweite Staatskredit wird das Siechtum nicht beenden, sondern nur etwas verlängern“, betont Gerrit Heinemann, Handelsexperte der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Die Situation werde dadurch eher noch verschärft, die eigenen Mittel des Unternehmens seien ohnehin schon knapp, und der Staatskredit sei sehr teuer.

    Es habe einen Grund, warum viele andere angeschlagene Händler keinen Staatskredit beantragt hätten. Der Schuldendienst verschärfe ihre ohnehin schon prekäre Situation. „Das zeigt, wie groß die Not bei Galeria sein muss“, sagt Heinemann.

    Dazu kommt: Um Kredite aus dem WSF zu erhalten, muss eine „positive Fortführungsprognose“ für das hilfesuchende Unternehmen vorliegen, also eine gute Zukunftsaussicht auch nach der Pandemie gegeben sein. Doch genau das bezweifeln die Fachleute.

    „Ich sehe bei dem Unternehmen keine positive Fortführungsprognose“, urteilt Fassnacht. Galeria habe in allen Kategorien eine zu starke Konkurrenz, stationär wie online. „Wettbewerber wie Zalando, Zara oder Douglas kommen in den jeweiligen Zielgruppen einfach cooler rüber“, beobachtet er.

    Umsatzrückgang von 24 Prozent im Weihnachtsgeschäft

    „In fünf bis zehn Jahren wird es Galeria in der Größe nicht mehr geben“, sagt der Handelsexperte. Das Format des Warenhauses habe sich überlebt. „Es gibt für die Kunden im Grunde keine Argumente mehr, dort einzukaufen.“ Auch Professor Heinemann findet es „völlig unerklärlich“, wie man Galeria eine positive Fortführungsprognose“ bescheinigen könne. „Die Grube, in der das Unternehmen steckt, wird immer tiefer, ich kann mir nicht vorstellen, wie sie da jemals wieder rauskommen wollen“, sagt er.

    Der Galeria-Eigentümer leistet einen Eigenbetrag von 15 Prozent zu dem Rettungspaket. Signa Holding

    René Benko

    Der Galeria-Eigentümer leistet einen Eigenbetrag von 15 Prozent zu dem Rettungspaket.

    Schon im vergangenen Juli hatte Galeria-Chef Miguel Müllenbach nicht ausgeschlossen, einen zweiten Staatskredit zu beantragen. „Den reinen Shutdown haben wir mit dem ersten Kredit überwunden“, hatte er im Interview mit dem Handelsblatt betont, zugleich jedoch eingeschränkt: „Die Frage ist, wie schnell die Umsätze im Handel zurückkommen. Das kann keiner sicher voraussagen.“

    Finanzchef Guido Mager hatte dann im Dezember öffentlich gemacht, dass das Unternehmen erneut den Staat um Unterstützung gebeten hat. Begründet wurde das durch den Kundenrückgang infolge der 2G-Regel im Einzelhandel. Danach durften nur noch Geimpfte und Genesene in den meisten Geschäften einkaufen. Galeria hat im Dezember 2020 im Vergleich zu 2019 einen Umsatzrückgang von 24 Prozent erlitten, wie es im Mitarbeiterbrief heißt.

    Das Dilemma: Das Unternehmen muss trotz der Umsatzverluste massiv investieren, in den kommenden Jahren sollen dafür insgesamt 600 Millionen Euro aufgewendet werden. 400 Millionen Euro davon sollen in die Modernisierung der Häuser fließen. Das ist in der aktuellen Situation ohne fremde Hilfe kaum zu schaffen. Galeria hat 131 Filialen, von denen 50 bis 60 komplett umgebaut werden sollen, der Rest zumindest angepasst.

    Wie Müllenbach im Mitarbeiterbrief schreibt, seien bisher schon mehr als 108 Millionen Euro ins Geschäft investiert worden. Außerdem seien mehr als 2.900 Mitarbeiter ab Februar 2021 im Hinblick auf das Weihnachtsgeschäft neu eingestellt worden.

    Konkurrenten stören sich an Benko-Lob der Politik

    Der Entscheidung für einen weiteren Staatskredit an Galeria sind monatelange, harte Verhandlungen vorausgegangen. So hatten das Bundeswirtschaftsministerium und der WSF stets eine Eigenbeteiligung von Immobilienmilliardär René Benko gefordert.

    Dessen Beitrag fällt zwar nun geringer aus als ursprünglich gefordert, „aber anders als andere beteiligt sich Benko an der Rettung des eigenen Konzerns mit eigenem Geld“, hieß es in Berlin. So hatte der malaysische Eigentümer bei der versuchten Rettung der MV Werften einen Eigenbetrag abgelehnt, weshalb das Unternehmen vor zwei Wochen Insolvenz anmelden musste.

    Konkurrenten jedoch stößt dieses Lob aus der Politik sauer auf. „Die politischen Entscheidungen zu den Coronamaßnahmen im Handel sorgen dafür, dass die Unternehmen massiv Eigenkapital verlieren“, sagte Patrick Zahn, Chef des Textilhändlers Kik, dem Handelsblatt. Viele Eigentümer hätten deshalb ganz selbstverständlich Kapital nachgeschossen. „Und jetzt wird Herr Benko dafür gefeiert, dass er etwas Eigenkapital einbringt. Das kann ich nicht verstehen“, sagte er.

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