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03.12.2020

12:14

Andreas Schierenbeck im Interview

Runter von der „Resterampe“: Uniper baut Solar- und Windparks

Von: Jürgen Flauger

Eon hatte einst die fossilen Kraftwerke in Uniper ausgelagert. Nun kündigt CEO Schierenbeck eine strategische Wende an. Bei Wasserstoff will er an die Spitze.

Der Manager steht seit Mai 2020 an der Spitze von Uniper. Sein Vorgänger Klaus Schäfer hatte sich vehement gegen den Einstieg von Fortum gewehrt. Reuters

Andreas Schierenbeck

Der Manager steht seit Mai 2020 an der Spitze von Uniper. Sein Vorgänger Klaus Schäfer hatte sich vehement gegen den Einstieg von Fortum gewehrt.

Düsseldorf Als Eon Anfang 2016 Uniper abspaltete, wurde der Newcomer als „Resterampe“ verspottet. Schließlich lagerte der Mutterkonzern in das neue Unternehmen das alte Geschäft mit den fossilen Kraftwerken aus – und konzentrierte sich selbst auf die Energiewende.

Nun vollzieht der Stromproduzent aber eine strategische Wende. „Jetzt wollen wir uns wieder bei den erneuerbaren Energien engagieren“, kündigte CEO Andreas Schierenbeck im Interview mit dem Handelsblatt an: „Wir wollen selbst Wind- und Solarparks entwickeln.“

Der Stromproduzent hat nach eigenen Angaben viele attraktive Flächen, etwa bei den Kohlekraftwerken, die abgeschaltet werden müssen, auf denen schon erste Projekte geplant werden. Bis 2025 will Uniper nach Schierenbecks Worten schon ein Gigawatt installiert haben, was etwa der Kapazität eines Atomkraftwerks entspricht. Bis 2030 könnten es schon drei Gigawatt sein.

Gleichzeitig setzt das Unternehmen aber auch auf das Zukunftsfeld Wasserstoff. „Wir waren beim Wasserstoff die Pioniere in Deutschland“, sagte der 54-Jährige. „Jetzt wollen wir beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft eine führende Rolle übernehmen.“

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    Schierenbeck stellt die Pläne am Donnerstag auf dem Kapitalmarkttag von Eigentümer Fortum vor. Uniper hatte sich lange gegen den Einstieg der Finnen gewehrt. In diesem Jahr sicherte sich Fortum aber die Mehrheit und hält inzwischen 75 Prozent. Jetzt wollen beide Unternehmen zusammenarbeiten. „Wir wollen vor allem die Zukunftsthemen gemeinsam angehen, mit jeweils einem Unternehmen im Lead“, sagte Schierenbeck. Bei Wasserstoff und erneuerbaren Energien ist das sein Unternehmen.

    Zur umstrittenen Ostseepipeline Nord Stream 2, an deren Finanzierung Uniper mit einer Milliarde Euro beteiligt ist, äußerte sich Schierenbeck trotz der stetigen Sanktionsdrohungen aus den USA zuversichtlich. Er hofft dabei auch auf den designierten US-Präsidenten Joe Biden: „Ich habe die Hoffnung, dass das transatlantische Verhältnis wieder eine echte Partnerschaft wird und das, was uns eint, in den Vordergrund rückt“, sagte Schierenbeck.

    Das komplette Interview lesen Sie hier:

    Herr Schierenbeck, heute hat Ihr Eigentümer Fortum den Investoren seine neue Strategie präsentiert. Sie und Uniper haben dabei auch einen Slot bekommen. Nach dem zeitweise erbittert geführten Abwehrkampf fügt sich Uniper jetzt also und will fortan gemeinsam mit Fortum marschieren?
    Mit Fügen hat das nichts zu tun. Fortum hält inzwischen mehr als 75 Prozent unserer Anteile, und da war es nur vernünftig, dass wir uns zusammengesetzt und geschaut haben, wie wir gegenseitig voneinander profitieren können.

    Naja, letztlich hat Uniper in diesem Jahr endgültig seine Selbstständigkeit verloren. Aus dem Unternehmen, das vor vier Jahren so hoffnungsvoll an der Börse gestartet war, ist eine Tochtergesellschaft eines finnischen Energiekonzerns geworden, oder?
    Waren wir denn wirklich selbstständig, als Eon noch 47 Prozent der Anteile gehalten hat? Und natürlich hat ein Eigentümer, der 75 Prozent besitzt, einen großen Einfluss. Fortum wird uns sicherlich als Tochtergesellschaft betrachten, schließlich sind wir vollständig konsolidiert. Wir waren und sind aber eigenständig. Schließlich sind wir an der Börse notiert und müssen die Interessen aller Aktionäre ernst nehmen, auch die der restlichen 25 Prozent.

    Ihr Vorgänger Klaus Schäfer hat sich anfangs erbittert gegen die Finnen gewehrt, tatsächlich konnte sich Fortum auch erst in diesem Jahr die Mehrheit sichern. Wie läuft inzwischen die Zusammenarbeit mit dem Fortum-Management?
    Als ich im Mai 2019 den Vorstandsvorsitz übernommen habe, hatte sich der Konflikt ja schon deutlich beruhigt. Und auch bei Fortum gab es ja inzwischen einen Wechsel. Mit Markus Rauramo verstehe ich mich sehr gut. Wir arbeiten intensiv und gut zusammen.

    In Niedersachsen zeichnet sich die Silhouette eines Windrads vor der aufgehenden Sonne ab: Uniper will auch Windparks bauen. dpa

    Windrad in Niedersachsen

    In Niedersachsen zeichnet sich die Silhouette eines Windrads vor der aufgehenden Sonne ab: Uniper will auch Windparks bauen.

    Wie wollen die beiden Unternehmen denn künftig zusammenarbeiten?
    Wir haben uns zusammengesetzt und geschaut, wer wo welche Stärken hat und wie wir die am besten zusammen nutzen können. Wir wollen vor allem die Zukunftsthemen gemeinsam angehen, mit jeweils einem Unternehmen im Lead.

    Und Fortum überlässt auch Uniper die Führung bei wichtigen Themen?
    Natürlich. Fortum hat beispielsweise erkannt, dass unser Gasgeschäft ein wichtiges Asset ist und entscheidend für die Energiewende. Unser Engagement im Handel, im Transport und in der Speicherung hat eine große Zukunft. Wir werden aber auch die Themen Wasserstoff und erneuerbare Energien federführend vorantreiben.

    Im Gegenzug geben Sie aber auch Aktivitäten ab?
    Nein, nicht ganz. Fortum könnte beispielsweise die Betriebsführerschaft bei den Wasserkraftwerken in Skandinavien übernehmen. Sie hätten dann die Verantwortung für Betrieb und Wartung. Unsere Anlagen in der Region blieben aber in unserem Eigentum.

    Uniper-Aktie soll von Kooperation mit Fortum profitieren

    Und die Aktionäre beider Unternehmen werden profitieren?
    Ja, bis 2025 wollen wir durch die Zusammenarbeit in diesen Bereichen Synergien von etwa 100 Millionen Euro pro Jahr erreichen – beispielsweise durch eine stärkere Zusammenarbeit beim Einkauf oder der IT. Und gemeinsam wollen wir ja neues Wachstum erschließen, etwa bei erneuerbaren Energien und Wasserstoff.

    Erneuerbare Energien? Uniper wurde doch 2016 von Eon mit dem alten Geschäft, den fossilen Kraftwerken, abgestoßen. Die erneuerbaren Energien hat Ihr ehemaliger Mutterkonzern selbst behalten.
    Wenn man von unseren Wasserkraftwerken absieht, haben wir tatsächlich nichts mitbekommen. Aber jetzt wollen wir uns wieder bei den erneuerbaren Energien engagieren. Wir wollen selbst Wind- und Solarparks entwickeln. Wir haben nämlich neben unseren Mitarbeitern und unserem Teamspirit noch etwas Attraktives von Eon mitbekommen.

    Grafik

    Was denn?
    Wir haben viele lukrative Flächen, auf denen wir gut Solarparks und Windanlagen bauen können. An vielen unserer Standorte, an denen wir beispielsweise Kohlekraftwerke vom Netz nehmen, bietet sich geradezu eine neue Nutzung an. Wir haben dort große Grundstücke, wir haben einen Anschluss ans Stromnetz – und häufig liegen die Grundstücke auch noch in Industrieregionen, also in der Nähe von potenziellen Kunden. In der Regel haben wir sogar Zugang zu großen Mengen Wasser und könnten die erneuerbaren Energien direkt nutzen, um grünen Wasserstoff zu produzieren.

    Und das reicht, um wieder ins Geschäft mit erneuerbaren Energien einzusteigen?
    Das ist zumindest ein sehr großer Vorteil. Geld für solche Projekte zu bekommen ist derzeit ja nicht das Problem. Und ergänzendes Know-how bringt Fortum mit. Die haben eine große Erfahrung mit erneuerbaren Energien.

    Haben Sie schon konkrete Projekte?
    Bei Borken rekultivieren wir einen stillgelegten Braunkohletagebau. Dort entsteht ein großer See. Hier prüfen wir beispielsweise, ob wir nicht schwimmende Solaranlagen installieren können.

    Und werden Sie schon schnell Solar- und Windparks bauen?
    Bis 2025 wollen wir schon ein Gigawatt installiert haben. Bis 2030 könnten es schon drei Gigawatt sein.

    Und Wasserstoff ist der andere Hoffnungsträger?
    Wir waren beim Wasserstoff die Pioniere in Deutschland. Wir haben die ersten Elektrolyseure gebaut. Jetzt wollen wir beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft eine führende Rolle übernehmen. Wir glauben, dass wir für diesen Zukunftsmarkt bestens positioniert sind.

    Wegen Datteln 4 steht Uniper in der Kritik der Klimaschützer. Das Kohlekraftwerk wurde erst in diesem Jahr ans Netz genommen. dpa

    Datteln 4

    Wegen Datteln 4 steht Uniper in der Kritik der Klimaschützer. Das Kohlekraftwerk wurde erst in diesem Jahr ans Netz genommen.

    Inwiefern?
    Wir sind ein wichtiger Rohstoffhändler; wir sind insbesondere im Gashandel, -transport und in der Gasspeicherung stark. Das alles braucht man auch für Wasserstoff. Wir haben Zugang zu großen Kunden, für die wir auch Elektrolyseure betreiben können. Und jetzt bauen wir auch noch Wind- und Solarparks.

    Datteln 4 steht in der Kritik

    Das ist aber noch Zukunftsmusik.
    Natürlich ist der Markt erst im Aufbau. Ich glaube auch, dass es noch ein Jahrzehnt dauern wird, bis wir damit wirklich Geld verdienen können. Aber der Bedarf an Wasserstoff ist riesig. Jetzt gilt es, dabei zu sein.

    Das Unternehmen, das bei der Abspaltung von Eon wegen seiner schmutzigen Kraftwerke als „Resterampe“ belächelt wurde, will plötzlich ein Vorreiter der Energiewende sein?
    Unser Gasgeschäft hat schon immer zur Energiewende gepasst. Ohne Gas als Brückentechnologie werden wir die gar nicht schaffen. Aber jetzt steigen wir aus den Kohlekraftwerken aus und investieren auch in erneuerbare Energien und Wasserstoff. Eine Resterampe sind wir definitiv nicht. Wir wollen die Energiewende aktiv mitgestalten.

    In diesem Jahr haben Sie noch das Steinkohlekraftwerk Datteln 4 ans Netz genommen. Solange Datteln 4 noch Strom liefert, werden Sie Ihre neue Story nicht glaubhaft verkaufen können.
    Datteln 4 ist effizienter als viele Gaskraftwerke. Und außerdem nehmen wir im Gegenzug ja alte Kohlekraftwerke mit der dreifachen Kapazität vom Netz.

    Wie lange wird Datteln 4 denn noch Strom liefern?
    Da es das modernste Kohlekraftwerk ist, wird es vermutlich als letztes vom Netz gehen, also nach heutigem Stand 2038. Wir haben aber auch immer betont, dass wir für andere Lösungen offen sind.

    Damit meinen Sie eine angemessene Entschädigung?
    Wir sind für jede Diskussion offen.

    Und wann wird Uniper endgültig seine Energiewende vollzogen haben?
    Uniper soll spätestens 2050 klimaneutral arbeiten.

    Schierenbeck verteidigt Nord Stream 2

    Das ist noch lange hin.
    In Europa wollen wir ja schon bis 2035 klimaneutral werden. 2019 hatten wir hier noch 22 Millionen Tonnen CO2-Emissionen. Und bis 2030 wollen wir die Emissionen schon auf elf Millionen halbieren. In Russland wird das etwas länger dauern. Aber auch da modernisieren wir unseren Kraftwerkspark und investieren in erneuerbare Energien.

    Ein Schild weist den Weg zu einer Betriebsstätte von Nord Stream 2 in Lubmin: Der Bau der Pipeline stößt auf massive Widerstände. Reuters

    Nord-Stream-2-Wegweiser

    Ein Schild weist den Weg zu einer Betriebsstätte von Nord Stream 2 in Lubmin: Der Bau der Pipeline stößt auf massive Widerstände.

    Ihre Geschäfte mit Russland sind aber auch aktuell ein Problem. Uniper ist mit rund einer Milliarde Euro an der Finanzierung von Nord Stream 2 beteiligt. Haben Sie die Summe komplett überwiesen?
    Die Größenordnung stimmt in etwa, und unsere finanzielle Verpflichtung haben wir vollständig erfüllt.

    Wie groß schätzen Sie das Risiko ein, dass Sie die Summe abschreiben müssen? Vor allem die Amerikaner setzen alles daran, das Projekt noch zu stoppen.
    Ich bin überzeugt, dass Nord Stream 2 zu Ende gebaut wird. Die Arbeiten sollen ja schon bald wiederaufgenommen werden. Ich bin mir sicher, dass die Projektverantwortlichen das hinbekommen.

    Die Amerikaner drohen aber regelmäßig mit Sanktionen. Hat man sich auch bei Ihnen selbst gemeldet?
    Uniper ist derzeit mit den relevanten offiziellen Stellen im Austausch. Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir einzelne Gespräche wie auch deren Inhalte vertraulich behandeln.

    Glauben Sie, dass der Druck weniger wird, wenn Joe Biden die Präsidentschaft übernimmt?
    Ich habe die Hoffnung, dass das transatlantische Verhältnis wieder eine echte Partnerschaft wird und das, was uns eint, in den Vordergrund rückt. Und damit wäre dann ja schon mal ein Anfang gemacht.

    Sie zählen aber nach wie vor auf die Unterstützung der Bundesregierung?
    Ja. Das Projekt ist ja auch nach wie vor sinnvoll, wirtschaftlich und für die Versorgung Europas mit Gas.

    Herr Schierenbeck, vielen Dank für das Interview.

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