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18.05.2019

10:49

Batteriespeicher

Sonnen auf Erfolgskurs im Land der Kohle

Von: Urs Wälterlin

Der Solarbatterien-Hersteller Sonnen baut auf eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe. Ausgerechnet im kohlebesessenen Australien sieht die Firma großes Potenzial.

Ausgerechnet im Land der Kohle rechnet sich Sonnen gute Wachstumschancen aus. Reuters

Sonnenenergie für Australien

Ausgerechnet im Land der Kohle rechnet sich Sonnen gute Wachstumschancen aus.

AdelaideMark Sheldon hält mit seiner Begeisterung nicht zurück: „Australien ist für uns ein extrem interessanter Markt, der sich ganz rapide entwickelt“, sagt der Chef von Sonnen Australien, „und – gemeinsam mit Amerika – einer der ganz großen Wachstumsmärkte.“  Das sonnenverwöhnte Land Downunder sei für Sonnen schon heute der wichtigste Geschäftsort nach Zentraleuropa.

Der Manager sitzt in einem Containerbüro, in einer großen Fertigungshalle in einem Vorort der südaustralischen Hauptstadt Adelaide. Hinter einer Scheibe bauen Techniker Batterieelemente zusammen. Die Bestandteile kommen aus Deutschland, die Beschäftigten aus Adelaide. Die meisten Techniker arbeiten, wo sie früher schon tätig gewesen waren: in den Hallen des ehemaligen Automobilherstellers Holden, einer einstigen Schwestermarke von Opel.

Im Oktober 2017 hatte die Muttergesellschaft General Motors die Anlage stillgelegt. Die Schließung des Werks war der letzte Schlag der Totenglocke für die 70 Jahre alte australische Automobilindustrie. Trotz Milliarden-Subventionen durch den australischen Steuerzahler hatten in den letzten Jahren alle Hersteller sukzessive ihre Koffer gepackt. In Asien kann ein Auto zu einem Viertel der Kosten gebaut werden als im Hochlohnland Australien.

Es wäre auch für Sonnen einiges kostengünstiger gewesen, seine technisch hochentwickelten Batterien „Made in Germany“ in einem Billigland zusammenbauen, statt Adelaide als Standort für seine Expansion nach Australien, den Pazifik und Asien zu wählen. Noch erstaunlicher aber scheint, dass das in Wildpoldsried im Allgäu beheimatete Unternehmen in einem Land eine große Zukunft sieht, in dem eine notorisch klimaskeptische Regierung der regenerativen Energie seit Jahren Steine in den Weg legt.

Das Unternehmen hat vor, wie in Deutschland ein „virtuelles Elektrokraftwerk“ zu bauen: eine Vernetzung tausender von Sonnen-Solaranlagen und -Batterien. Diese dezentralisierte „Sonnen-Community“ könne ein traditionelles Kohlekraftwerk ersetzen, sagt Sheldon.

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„Die Struktur des Energiemarktes hier ist für uns wie ein Mikrokosmos dessen, was auch anderswo abläuft“, erklärt der Manager, während er den Handelsblatt-Reporter durch die klinisch sauberen Fertigungsanlagen führt. „Der Rückbau der fossilen Brennstoffe, vor allem von Kohlekraftwerken, ist begleitet von hohen Strompreisen“.

Verbraucher beschwere sich seit Jahren, Australien habe höchsten Strompreise der westlichen Welt, weil der Markt von nur einer Handvoll von Anbietern kontrolliert wird. Diese hätten ihre Verteilnetze jahrelang erweitert und „vergoldet“ – in Erwartung einer höheren Nachfrage, so Analysten. Diese Kosten würden nun über den Preis auf den Abnehmer abgewälzt.

Damit belasten die Anbieter damit ihr Geschäft: Australische Verbraucher suchen nach günstigeren Alternativen. Sheldon: „Wir sehen hier nicht nur einen deutlichen Auftrieb großer Projekte im Erneuerbaren-Bereich – Solar- und Windkraftwerke, sondern eine massive Expansion der privaten Dach-Solaranlagen. Das beweist, dass auch technisch eine Gesamtumstrukturierung des Stromnetzes abläuft.“

Der Optimismus‘ des Sonnen-Managers mag auf den ersten Blick erstaunen. Folgt man der Rhetorik der australischen Regierung, dürfte das Land noch lange abhängig bleiben von Kohle als Energieträger. Klimaskepsis ist das ideologische Fundament der konservativen Koalition in Canberra. Eine kleine, aber einflussreiche Gruppe sogenannt „konträr“ denkender Parlamentarier dominiert die Politik und die Debatte um die katastrophalen Folgen, die der Brennstoff Kohle für das globale Klima hat.

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Sie genießt dabei die Unterstützung der von Rupert Murdoch kontrollierten Medien – 70 Prozent aller Druckmedien in Australien und ein Fernsehsender gehören Murdochs‘ News Limited. Die Medien haben sich in den letzten Jahren zu eigentlichen Propagandaorganen der Ultrakonservativen entwickelt – eine Rolle, die Fox News in den Vereinigten Staaten einnimmt.

Kritiker behaupten zudem, die australische Regierung sei „total unter dem Einfluss der Kohle-Lobby“, wie der ehemalige Grünen-Chef Bob Brown meint. Die Fossilienindustrie pumpe jährlich Millionen von Dollar an Spendengeldern in die Taschen der großen Parteien, so der frühere Senator gegenüber Handelsblatt.

Die Kohle-Besessenheit der australischen Regierung grenzt gelegentlich ans Absurde: 2017 brachte der damalige Schatzkanzler Scott Morrison einen Klumpen Steinkohle ins Parlament, um damit dem Volk vor laufender Fernsehkamera zu demonstrieren, wie „sicher“ der Energieträger sei. Monate später profitierte Morrison von einem Putsch der Ultrakonservativen gegen den ihrer Ansicht nach zu liberalen Ex-Goldman Sachs-Bankier Malcolm Turnbull: er wurde Premierminister.

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Kohle ist ohne Zweifel von entscheidender Bedeutung für den wirtschaftlichen Wohlstand Australiens. Der Brennstoff ist das wichtigste mineralische Exportprodukt: 2018 verkauften australische Minen rund 200 Millionen Tonnen Kohle, im Gesamtwert von 60 Milliarden australischen Dollar (37,5 Milliarden Euro), vor allem in die Wachstumsländer China und Indien.

Kohle ist auch Brennstoff Nummer Eins für die Stromerzeugung zuhause: 61 Prozent der landesweit produzierten Elektrizität stammten 2017 aus Kohlekraftwerken, gefolgt von Gas mit 21 Prozent. Nicht zuletzt wegen der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen gehört das Land pro Kopf zu den höchsten C02-Emmittenten der westlichen Welt.

„Wer noch Geld in Kohle investiert, investiert in verlorene Vermögenswerte“

Doch Kohlestrom verliert an Bedeutung. Der Anteil der besonders emissionsreichen Braunkohle ging 2017 um 11 Prozent zurück. Ein Grund ist die Schließung alternder Kohlekraftwerke. Trotz Bemühungen der konservativen Regierung, neue Betreiber zu finden, winken Anleger ab. „Wer heute noch Geld in Kohle investiert, investiert in verlorene Vermögenswerte“, so Wirtschaftsprofessor und Weltbankberater John Hewson gegenüber Handelsblatt. 

Im Vorfeld der Wahlen am 18. Mai stellte die Regierung in Aussicht, den Bau neuer Kohlekraftwerke wenn nötig mit Steuergeldern zu finanzieren. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass dies im großen Stil geschehen wird. Denn aller Polemik und langjähriger Unsicherheit zum Trotz, haben alternative, regenerative Stromquellen die Lücke zu füllen begonnen.

Im letzten Jahr pumpten Anleger 11 Milliarden australische Dollar (6.9 Milliarden Euro) in den Bau neuer Anlagen. Alleine 2017 stieg der Anteil von Sonne-, Wind und Wasserkraft am Strommix um fünf Prozent. Heute liefern Sonne, Wind und Wasser 16 Prozent der Elektrizität, so das Energieministerium.

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Initiatoren der Revolution der Erneuerbaren waren die einzelnen Bundesstaaten. Sie subventionieren den Bau von Alternativquellen – oftmals gegen die scharfe Polemik der Bundesregierung. Das führte zur Installation von Windparks, und zu einem Boom der Installation von Solaranlagen: Ende letzten Jahres produzierten landesweit über zwei Millionen Hausdächer insgesamt sieben Gigawatt.

Südaustralien, die Wahlheimat von Sonnen auf dem Kontinent, galt als führend in der Förderung alternativer Stromquellen. Hier baute Elon Musk im Jahr 2017 auf Einladung der damaligen sozialdemokratischen Lokalregierung in Rekordzeit die größte Tesla-Batterie der Welt, um das von Ausfällen geplagte Stromnetz zu stabilisieren. Einen spektakulären Aufschwung genoss aber die Solarindustrie. Subventionen von bis zu 6000 australischen Dollar pro Haushalt (3750 Euro) führten bis 2018 zum Bau von 230.000 Dachanlagen, und zur Schaffung tausender Arbeitsplätze.

Sonnen hatte die Expansionspläne bereits fixiert, als vor einem Jahr eine konservative Regierung in Südaustralien die Macht übernahm. Der neue Premier, Steven Marshall, hielt zum Glück am Subventionsprogramm fest, „weil er sehen konnte, wie gut es ist“, so Mark Sheldon. Er betont, dass die Unterstützungszahlungen aber „nur das Tüpfchen auf dem i“ seien. Die Firma glaube „voll und ganz an die Zukunft der erneuerbaren Energien in Australien“.

Dieser Meinung scheint auch der Energiegigant Shell zu sein. Im Februar kündigte Shell die Übernahme von Sonnen an. Für Sonnen-Firmenchef und Mitgründer Christoph Ostermann ist die Fusion mehr als eine Zweckheirat: „Shell wird helfen, das Wachstum von Sonnen auf eine neue Ebene zu heben und das Energiesystem zu transformieren.“ 

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