Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

18.08.2022

16:34

Bernhard Günther

Urteil nach Säureattentat auf Energiemanager: Angeklagter zu zwölf Jahren Haft verurteilt

Von: Jürgen Flauger

Ex-Innogy-Manager Bernhard Günther erlitt bei einem Anschlag schwerste Verletzungen. Jahre später hat das Gericht nun einen 42-jährigen Belgier verurteilt.

Der Energiemanager war im März 2018 überfallen und mit Säure verätzt worden. dpa

Bernhard Günther

Der Energiemanager war im März 2018 überfallen und mit Säure verätzt worden.

Düsseldorf Viereinhalb Jahre nach dem Säureattentat auf Bernhard Günther hat der damalige Finanzvorstand von Innogy ein wenig Genugtuung erfahren. Das Landgericht in Wuppertal hat am Donnerstag erstmals einen Angeklagten schuldig gesprochen.

Der 42 Jahre alte Belgier wurde zu zwölf Jahren Haft wegen absichtlicher schwerer und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Der Angeklagte hatte bis zum letzten Verhandlungstag beteuert, nicht an der Tat beteiligt gewesen zu sein.

Das Gericht folgte damit der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert. Das Verbrechen sei „an Rohheit und Menschenverachtung kaum zu überbieten“, sagte der Vorsitzende Richter Holger Jung am Donnerstag bei der Urteilsbegründung.

Zugleich sehe er den Prozess auch als „erste Etappe“ für eine weitere Aufklärung des Verbrechens und seiner Hintermänner. „Das war kein Einzeltäter, das liegt auf der Hand“, sagte Jung. „Fest steht: Der Täter hat im Auftrag gehandelt und dieser Auftrag kam im Auftrag eines anderen.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Für Günther ist das Urteil nur ein erster Schritt bei der juristischen Aufarbeitung. Der zweite Täter ist noch flüchtig, und die Hintermänner der Tat sind noch unbekannt – obwohl der Manager selbst einen Verdacht hegt. Günther zeigte sich nach dem Urteil dankbar und erleichtert. Er erhoffe sich, dass jetzt der Weg weiter führe in den Ermittlungen zu dem zweiten Täter, sagte er. Er hoffe auch, dass man dem Verbrechen ganz auf den Grund gehen werde, „eventuell auch in Kreisen, in denen man eine solche kriminelle Energie nicht vermuten würde“.

    Günther, inzwischen Finanzvorstand beim finnischen Energiekonzern Fortum, war im März 2018 etwa 200 Meter vor seiner Haustür in Haan bei Wuppertal überfallen und mit hochkonzentrierter Säure verätzt worden. Der Manager musste mit schweren Verletzungen in eine Spezialklinik gebracht werden, schwebte zeitweise in Lebensgefahr und ist noch heute schwer von der Tat gezeichnet.

    Der beschuldigte Belgier war im Dezember festgenommen worden. Ermittler hatten zuvor eine DNA-Probe des Verdächtigen mit einer am Tatort gefundenen Spur verglichen und eine Übereinstimmung gefunden.

    Die Tat hatte für großes Aufsehen gesorgt. Ein Säureanschlag auf einen hochrangigen Manager ist bis heute beispiellos. Günthers damaliger Arbeitgeber Innogy hatte selbst bis zu 100.000 Euro Belohnung auf die Täter ausgesetzt.

    Trotzdem verliefen die Ermittlungen schleppend. Im Herbst 2019 war ein erster Verdächtiger festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft konnte den Verdacht aber nicht erhärten – obwohl Günther sicher ist, den Mann, einen inzwischen 34-jährigen Kampfsportler, wiedererkannt zu haben.

    Hier finden Sie die zwei großen Handelsblatt-Interviews mit Bernhard Günther:

    Der Verdacht gegen den Belgier stützte sich vor allem auf einen Handschuh, der am Tatort gefunden worden war. Der Verdächtige beteuerte im Verfahren aber stets seine Unschuld. Er behauptete, der Handschuh sei ihm gestohlen und am Tatort platziert worden – um eine falsche Fährte zu legen.

    Der inzwischen 55-jährige Günther ist vor allem an der Aufklärung der Hintergründe interessiert. Er verdächtigt seit Längerem eine Person aus seinem beruflichen Umfeld, die ihn habe ausschalten wollen. Den Verdacht wiederholte er vor Gericht.

    Günther war schon 2012 einmal beim Joggen überfallen und zusammengeschlagen worden. „Es ist kein Zufall, wenn jemand zwei Mal am Sonntagmorgen in Haan beim Joggen überfallen wird“, hielt er jetzt im Prozess fest. Nach seinen Worten fanden beiden Überfälle in beruflichen Umbruchzeiten statt. Es gebe nur eine Person, die sowohl 2012 als auch 2018 davon profitiert hätte, wenn er berufsunfähig geworden wäre. Er habe je eine Liste für beide Anschläge angefertigt. „Die Schnittmenge ist genau eine Person“, hatte Günther bei seiner Aussage betont.

    Sein damaliges Unternehmen, Innogy, steckte zum Zeitpunkt des Säureattentats tatsächlich in einer schwierigen Phase. Wenige Monate zuvor war der damalige Chef, Peter Terium, zurückgetreten und noch kein Nachfolger bestimmt. Nur eine Woche nach der Tat gab der Mutterkonzern RWE die Pläne bekannt, Innogy an den Konkurrenten Eon zu verkaufen.

    Günther selbst hat inzwischen mehrere Operationen hinter sich, wie er vor Gericht ausgesagt hatte. Im Gesicht musste ein Teil seiner Haut und Augenlider transplantiert werden. Zahlreiche Operationen stehen aber noch an, wie der Manager vor Gericht aussagte. Er blieb auch nach der Übernahme von Innogy noch bei Eon, um den geordneten Übergang zu gewährleisten.
    Mit Agenturmaterial

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×