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02.09.2020

12:47

Börsengang

Siemens Energy will weitere 300 Millionen Euro einsparen

Von: Axel Höpner, Kathrin Witsch

Der neue Energietechnik-Spezialist wirbt vor dem Börsengang um die Gunst der Investoren. Die operative Marge des Siemens-Spin-offs soll deutlich steigen.

Die Erneuerbare-Energien-Tochter Siemens Gamesa schreibt derzeit rote Zahlen. Reuters

Siemens-Windräder in einem Windpark in Kalifornien

Die Erneuerbare-Energien-Tochter Siemens Gamesa schreibt derzeit rote Zahlen.

München Der Börsen-Aspirant Siemens Energy will die Profitabilität in den nächsten Jahren deutlich steigern. Ziel sei eine operative Umsatzrendite vor Sondereffekten von bis zu 8,5 Prozent, sagte Vorstandschef Christian Bruch am Dienstag beim Kapitalmarkttag des Unternehmens. Um dies zu erreichen, prüfe man derzeit weitere Einsparungen von 300 Millionen Euro - über die bereits kommunizierten Kostensenkungen von einer Milliarde Euro bis zum Geschäftsjahr 2023 hinaus.

Bruch muss schnell Verbesserungen erreichen. Denn Siemens Energy schrieb zuletzt rote Zahlen. In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres machte das neue Unternehmen – auch wegen Sondereffekten – unter dem Strich einen Verlust von 337 Millionen Euro. Die Umsätze sanken in diesem Zeitraum leicht auf 13,1 Milliarden Euro.

„Ich bin überhaupt nicht zufrieden mit der Profitabilität der Firma“, hatte Bruch dem Handelsblatt in einem Interview gesagt. „Die Kostenbasis muss runter, Komplexität muss raus, und wir müssen unsere Projekte selektiver auswählen.“

Vor den Investoren warb Bruch für das neue Unternehmen. „Siemens Energy ist genau das richtige Unternehmen, um die globalen Herausforderungen der Energieversorgung und des Energiewandels zu meistern“, sagte er laut Mitteilung.

Allerdings muss auch nach Einschätzung Bruchs die Profitabilität noch deutlich besser werden. Ziel ist eine operative Umsatzrendite (Ebita) vor Sondereffekten von 6,5 bis 8,5 Prozent im Geschäftsjahr 2023. Im Geschäftsjahr 2019 hatte die angepasste Ebita-Marge 3,6 Prozent betragen.

Grafik

Erreichen will Bruch die Verbesserungen unter anderem mit einer besseren Projektauswahl. Zudem sei ein Ausbau des margenträchtigen Service ein „entscheidender Werttreiber“. Im Gespräch mit dem Handelsblatt hatte er aber auch Standortschließungen angedeutet und weiteren Stellenabbau nicht ausgeschlossen.

Bruch muss schnell neue Aktionäre gewinnen

Siemens Energy will am 28. September an der Börse starten. Die Aktien werden im Zuge eines Spin-offs an die Anteilseigner der Siemens AG ausgegeben. Der bisherige Mutterkonzern will zunächst 45 Prozent behalten, die Anteile aber weiter abschmelzen.

Da die Anteile nicht wie bei einem IPO verkauft werden müssen, ist Siemens zum Start relativ unabhängig vom Kapitalmarktumfeld. Doch in den kommenden Monaten wird der CEO schnell neue Aktionäre gewinnen müssen. Denn viele Anteilseigner - zum Beispiel Indexfonds - werden ihre Aktien nicht behalten wollen.

Als solide gilt die finanzielle Ausstattung des neuen Unternehmens, das schuldenfrei an die Börse geht. Die Eigenkapitalquote von Siemens Energy lag Ende März bei 37,8 Prozent. Zum Vergleich: Bei der künftigen Siemens AG sind es 30,7 Prozent. Die Nettoliquidität betrug Ende Juni 2,2 Milliarden Euro. Im vergangenen Geschäftsjahr erzielte Siemens Energy mit rund 92.000 Mitarbeitern knapp 29 Milliarden Euro Umsatz.

Der Börsengang stand lange unter keinem sonderlich guten Stern. In der Diskussion um das Adani-Kohlekraftwerk in Australien geriet auch Siemens Energy ins Visier von Klimaschützern. Den Börsengang nutzen sie nun, um gegen das neue Unternehmen mobilzumachen.

Am Montag kritisierten sie die Siemens-Beteiligung an Kraftwerksprojekten in Indonesien und Israel. „Der beste Weg, den Klimawandel zu bekämpfen, ist es, alle Projekte zu beenden, die zu zusätzlichem Verbrauch von Kohle, Öl und Gas führen“, sagte Regine Richter von der Initiative Urgewald.

Der Vorstandsvorsitzende will die Kosten um nochmals 300 Millionen Euro drücken. Thorsten Jochim für Handelsblatt

Siemens-Energy-Chef Christian Bruch

Der Vorstandsvorsitzende will die Kosten um nochmals 300 Millionen Euro drücken.

Doch Bruch deutete an, dass er an dem Kohlegeschäft erst einmal festhalten will. „Ist es eine Alternative, wenn wir eine hocheffiziente Technologie für ein neues Kohlekraftwerk liefern, die CO2 spart? Für mich schon“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Neue Kohlekraftwerke seien aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten „absolut erklärbar“.

Mittelfristig müsse aber auch Siemens Energy aus der Kohle raus. Siemens-Chef Joe Kaeser, der den Aufsichtsrat von Siemens Energy führt, hatte den Aktivisten auf der Hauptversammlung im Juli Hoffnung auf einen schnelleren Kohleausstieg gemacht.

Die fossilen Energien sind nicht nur für Klimaaktivisten, sondern auch für Investoren ein Thema. Denn viele Fonds investieren bevorzugt in nachhaltige Firmen. „Siemens Energy wird als grünes Unternehmen vermarktet, obwohl noch sehr viel fossile Energietechnik darin steckt“, sagte Portfolio-Managerin Vera Diehl von Union Investment. Das Management werde sich daran messen lassen müssen, wie es mit den „fossilen Altlasten“ umgeht.

CEO Bruch war erst kurz vor der Abspaltung zu dem neuen Unternehmen gestoßen. Der ursprünglich für den Chefposten vorgesehene Michael Sen hatte im Zuge eines Machtkampfs um die Modalitäten seinen Hut genommen. Der Prozess-Spezialist Bruch, der von Linde kam, gilt vielen aber als gute Wahl.

Siemens-Aktie profitiert von Aufspaltung

Siemens-Chef Joe Kaeser erhofft sich von der Aufspaltung vor allem eine Höherbewertung der Siemens AG. Mit der Abspaltung werde die neue Siemens AG „ein transparenteres und deutlich risikoärmeres Unternehmen“, sagte Kaeser beim Kapitalmarkttag. Mit seinen Kerngeschäften Digital Industries, Smart Infrastructure und Mobility werde Siemens „eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung der industriellen Digitalisierung spielen“. Seit dem Corona-Tief im März hat sich der Kurs der Siemens-Aktie auf rund 116 Euro verdoppelt.

Auch Siemens Energy soll von der Eigenständigkeit profitieren. Für die Siemens AG waren Investitionen in die kriselnde Energietechnik in den vergangenen Jahren nur wenig attraktiv, da zum Beispiel im Softwaregeschäft höhere Margen winken. Nun kann sich Siemens Energy selbstständig finanzieren.

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