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05.09.2018

12:23

Braunkohlerevier

RWE erhöht den Druck im Hambacher Forst

Von: Kathrin Witsch

Während Berlin den Ausstieg aus der Kohle plant, wird der Tagebau Hambacher Forst immer mehr zum Problemfall. Am Mittwoch rückte die Polizei vor.

Polizisten stehen in einem Camp der Umweltaktivisten. dpa

Räumung

Polizisten stehen in einem Camp der Umweltaktivisten.

DüsseldorfDer Streit um Rodungen im Hambacher Forst spitzt sich zu. Am Mittwoch durchsuchte die Polizei das Camp der Baumbesetzer, kurz vor dem Stichtag am 1. Oktober. Dann sollen die Rodungen durch den Energiekonzern RWE weitergehen, um dem Tagebau Platz zu machen. Von Oktober bis März will RWE von den verbliebenen 200 Hektar rund 160 roden - Umweltschützer gehen auf die Barrikaden.

Seit 37 Jahren wird in dem Gebiet Hambacher Forst bei Düren bereits Braunkohle abgebaut: 40 Millionen Tonnen jährlich. Weil das Abbaugebiet ständig wächst, müssen ganze Dörfer und über 4000 Hektar Wald weichen.

Seit Greenpeace-Aktivisten 2004 mit spektakulären Aktionen gegen das weitere Abbaggern des Waldes protestierten, schlossen sich immer mehr Umweltschützer zusammen und besetzen heute mit ihrem Camp den noch vorhandenen Wald in Hambach.

Überall gibt es Barrikaden, die größte ist nachts bewohnt. Manch einer haust schon seit mehreren Jahren unter den Baumwipfeln. Bis zu 40 Klimaschützer aus ganz Europa leben hier ihren Kampf gegen die Kohle. 2012 räumte die Polizei erstmals das neu entstandene Waldbesetzter-Camp. Dabei musste ein Aktivist aus einem sechs Meter tiefen Erdversteck geholt werden, andere wurden aus großer Höhe von ihren Baumplattformen abgeseilt.

Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit RWE-Mitarbeitern oder der Polizei. Als Arbeiter am Mittwochmorgen damit begannen, Müll und Barrikaden aus dem Wald zu schaffen, war die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort.

Mitarbeiter von RWE räumen eine Barrikade. dpa

Hindernisse

Mitarbeiter von RWE räumen eine Barrikade.

„Wir nehmen die Gelegenheit wahr, nach der Gewalteskalation der letzten Tage alles das sicherzustellen, was Polizeibeamten bei möglichen folgenden Einsätzen gefährlich werden kann – sprich: Molotowcocktails, Wurfgeschosse, Krähenfüße. Alles das, was auch nur annähernd Gefahr für Polizisten bedeutet, werden wir sicherstellen“, sagte Paul Kemen, Sprecher der Aachener Polizei dem WDR.

Bisher ist der Einsatz ruhig verlaufen. Die Polizei rechnet aber während der Räumungsarbeiten mit Gewalt und Ausschreitungen. In der vergangenen Nacht warfen erneut militante Umweltaktivisten Brandsätze auf Beamte.

Die Aktivisten fordern einen kompletten Stopp der Abholzung oder zumindest ein Moratorium, bis die in Berlin tagende Kohlekommission zu einem Ergebnis über den Zeitpunkt des Ausstieges gekommen ist. RWE aber bleibt hart. „Während in Berlin über den Kohleausstieg verhandelt wird, will RWE im Hambacher Wald mit der Kettensäge Fakten schaffen“, sagte Grünen-Chefin Annalena Baerbock. „Das zerstört jedes Vertrauen.“

Der Umweltverband BUND drohte bereits mit einem Ausstieg aus der Kohlekommission. „Kommt es zu Rodungen, wäre das für uns ein zentraler Konfliktfall, der unsere Mitarbeit in der Kohlekommission infrage stellen würde“, sagte ein BUND-Sprecher. „Soweit ist es aber noch nicht“, ergänzte er. Der BUND ist mit seinem Bundesvorsitzenden Hubert Weiger in der Kommission vertreten.

In einem dreiseitigen Schreiben an die Vorsitzenden der Kohlekommission verteidigt RWE-Vorstandschef Rolf Martin Schmitz die geplanten Rodungen als unumgänglich. In dem Schreiben heißt es, um den planmäßigen Fortgang der Tagebaubetriebe des Rheinischen Braunkohlereviers sicherzustellen, müsse „eine kontinuierliche und planmäßige so genannte Vorfeldfreimachung erfolgen“.

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Dazu zählten neben Umsiedlungen und dem Rückbau von Verkehrswegen auch die Rodung von Bäumen. Ohne diese Maßnahmen sei „eine sichere und preisgünstige Energieversorgung ohne Betriebsstillstände“ nicht zu garantieren. Da Braunkohle nicht in großen Mengen gelagert werden könne, sei ein kontinuierlicher Abbauprozess „zwingend erforderlich“, schreibt Schmitz.

Auch eine vorübergehende Aussetzung der geplanten Rodung würde nach Darstellung des RWE-Chefs „bereits kurzfristig die Fortführung des Tagebaus und damit die Stromerzeugung der Kraftwerke Niederaußem und Neurath“ in Frage stellen. Jeglicher Zeitpuffer sei aufgebraucht.

Es sei daher nicht möglich, auf die Rodungen zu verzichten. Diese Zusammenhänge seien auch denjenigen bekannt, die ein Moratorium forderten, schreibt Schmitz.

Für den Tagebau Hambach wurden bereits rund 3000 Menschen umgesiedelt. Die Dörfer Morschenich und Manheim stehen kurz vor dem Abriss. Bis 2040 sollen 5200 Menschen ihre alte Heimat verlassen haben. Die neue Rodungssaison könnte nur noch vom Oberverwaltungsgericht Münster gestoppt werden. Dort hat der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) Klage eingereicht.

Handelsblatt Energie Briefing

Kommentare (1)

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Herr Werner r

05.09.2018, 13:18 Uhr

Die Kohle des Tagebaus Hambach ist höherwertiger als die der anderen Tagebaue; deshalb geht etwa ein Drittel der in Hambach geförderten Kohle in die Veredlung, z.B. zur Herstellung von Braunkohlestaub, der fast den Heizwert von Steinkohle erreicht. Braunkohlestaub und ähnliche Produkte werden z.B. in Kraftwerken (Kraft-Wärme-Kopplung) der Papierindustrie, in Asphalmischanlagen, in der Kalkindustrie und bei der Zementherstellung eingesetzt. Zumindest bei der Firma, bei der ich arbeite, ist ein bezahlbarer Umstieg auf einen anderen Wärmeträger als Braunkohlenstaub in kurzer Zeit nicht möglich; ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das bei den anderen Verbrauchern von veredelter Braunkohle anders darstellt. Eine schnelle Stilllegung des Tagebaues Hambach hätte deshalb wesentlich weitreichendere Folgen als derzeit diskutiert.

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