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21.12.2021

18:52

Brokdorf, Grohnde, Grundremmingen

Aus für drei Atomkraftwerke: Wie geht es jetzt weiter?

Von: Catiana Krapp

Ab dem Jahreswechsel wird es in Deutschland nur noch drei aktive Atomkraftwerke geben. Was bedeutet das für die Energiewende? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Ein Deutschland ohne sichtbare Atommeiler ist so schnell nicht in Sicht – der Rückbau dauert Jahre. Getty Images

Atomkraftwerk Grohnde

Ein Deutschland ohne sichtbare Atommeiler ist so schnell nicht in Sicht – der Rückbau dauert Jahre.

Düsseldorf Am 31. Dezember 2021 endet das vorletzte Kapitel in der emotionalen Geschichte der deutschen Atomkraft: Die Kernkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen, Block C, gehen rund 36 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme vom Netz. Danach gibt es in Deutschland nur noch drei aktive Atomkraftwerke. Sie laufen noch ein Jahr, Ende 2022 steigt Deutschland dann ganz aus der Atomstromerzeugung aus.

Die Debatte um die Zukunft der Energieversorgung ist hingegen noch längst nicht zu Ende. Zwar schließen die Kernkraftbetreiber Eon, RWE und EnBW eine Rückkehr zum Atomstrom in Deutschland aus. Doch Deutschlands Atomausstieg wirft eine Reihe von Fragen auf – auch angesichts des bereits 2030 angepeilten Kohleausstiegs. Die wichtigsten Antworten:

1. Warum gehen Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen jetzt überhaupt vom Netz?

Rein formell sind die drei Kraftwerke zur Abschaltung verpflichtet: Ihre Berechtigung zum Leistungsbetrieb gemäß Atomgesetz erlischt am 31. Dezember 2021. Das wurde nach Abstimmungen im Bundestag und Bundesrat bereits im August 2011 so im Atomgesetz festgelegt.

Dass Deutschland am Atomausstieg festhält, obwohl die neue Bundesregierung sich acht Jahre früher als bisher geplant auch von der Braunkohle verabschieden will, sehen einige bekannte Unternehmer und Ökonomen kritisch. So wirbt etwa der Microsoft-Gründer Bill Gates für eine Renaissance der Kernkraft, denn sie setzt bei der Stromproduktion kaum Treibhausgase frei.

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    Umweltfreundlich ist Atomkraft allerdings ganz und gar nicht. Der Abbau des nötigen Urans verbraucht viele Ressourcen, und für den tödlichen Atommüll, der noch Tausende Generationen begleiten wird, gibt es keine Lösung. Zudem ist Atomstrom teurer als alle anderen Energieformen. Das Geschäft hat sich für die Konzerne nur gelohnt, weil der Staat im Falle eines Super-GAUs den Großteil der Kosten übernommen hätte.

    2. Wie viel Strom „fehlt“ künftig durch die Abschaltung der Atomkraftwerke?

    Über ihre gesamte Laufzeit hinweg haben die drei AKWs jeweils zwischen 350 und 400 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Im Jahr 2021 waren es jeweils um die zehn Milliarden Kilowattstunden. Der Betreiber Preussen-Elektra teilt mit: „Mit dieser Jahresstromproduktion können Sie eine Stadt wie Hamburg inklusive Industrie mit Strom versorgen.“

    Insgesamt stammten im Jahr 2021 laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) rund zwölf Prozent der Stromerzeugung in Deutschland aus Atomkraft – drei von sechs dafür verantwortlichen Kraftwerken fallen jetzt weg und müssen künftig durch andere Energieerzeugung ersetzt werden.

    3. Wie wird künftig die Stromversorgung in Deutschland sichergestellt?

    Die neue Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, den Kohleausstieg „idealerweise auf 2030“ vorzuziehen. Dafür soll es bis dahin 80 statt 60 Prozent erneuerbare Energien geben, durch einen Zubau auf 200 Gigawatt Solarenergie und 30 Gigawatt Offshore-Windkraft. Der BDEW hält das für „machbar, aber auch sehr ambitioniert“.

    Neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien ist eine Herausforderung, dass je nach Wetter mal mehr, mal weniger Wind- und Sonnenstrom ins Netz fließt. Die einfachste Möglichkeit, trotzdem regelbare Stromversorgung sicherzustellen, ist der Ausbau von Gaskraftwerken. Entsprechend hat das Energiewirtschaftliche Institut an der Uni Köln (EWI) errechnet, dass bis 2030 Gaskapazitäten von 23 Gigawatt neu gebaut werden müssen.

    Klimaschützer bemängeln allerdings, dass Erdgas hauptsächlich aus Methan bestehe, was viel klimaschädlicher sei als CO2. Langfristig müssten also andere Lösungen her: Nötig ist etwa eine intelligentere Netzsteuerung, sodass Strom besonders dann verbraucht wird, wenn er entsteht. Außerdem ruhen große Hoffnungen auf sogenanntem grünem Wasserstoff, der produziert werden kann, wenn zu viel Strom im Netz ist, und später wieder in Strom umgewandelt werden kann.

    4. Wann werden die AKWs endgültig verschwunden sein?

    Ein Deutschland ohne sichtbare Atommeiler ist so schnell nicht in Sicht. Im Falle der Kraftwerke Grohne und Brokdorf ist noch nicht einmal klar, wann der Rückbau beginnen kann – erst müssen Genehmigungen der jeweils zuständigen Umweltministerien der Länder erteilt werden. „Wir hoffen, dass dies für beide Anlagen Anfang 2023 der Fall sein wird“, teilt der Betreiber Preussen-Elektra mit. Der sogenannte nukleare Abbau kann sich dann bis 2037 ziehen, anschließend sollen die Gebäude über etwa zwei Jahre hinweg abgerissen werden.

    Atomausstieg

    Drei weitere Atomkraftwerke werden abgeschaltet

    Atomausstieg: Drei weitere Atomkraftwerke werden abgeschaltet

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    Bei der RWE-Anlage Grundremmingen Block C soll der nukleare Abbau bis Mitte der 2030er-Jahre abgeschlossen sein. Wenn sie dann frei von Radioaktivität ist, kann das Gebäude allerdings womöglich weiter genutzt werden.

    Die langen Rückbauphasen bedeuten auch für viele Beschäftigte in den Atomkraftwerken eine Schonfrist. Preussen-Elektra teilt mit, es sei eine Absicherung der Mitarbeiter bis Ende 2029 vereinbart. RWE räumt indes ein: „Sicherer Rückbau erfordert perspektivisch deutlich weniger Mitarbeiter als Leistungsbetrieb.“ Ende 2022 sollen von den 540 Mitarbeitenden, die es Anfang dieses Jahres gab, schon nur noch 440 übrig sein.

    Günstig wird die Aufgabe der Kernkraftwerke für die Betreiber nicht. „Für die Stilllegung – dies umfasst die Nachbetriebsphase, den Abbau der Anlage, und die fachgerechte Verpackung der radioaktiven Abfälle – unserer Anlagen veranschlagen wir Kosten im Schnitt von gut 1,1 Milliarden Euro pro Anlage“, erklärte Eon gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Für diese Art von Aufräumarbeiten hat der Konzern Stand Ende 2020 Rückstellungen von 9,4 Milliarden Euro gebildet.

    5. Wo wird der Atommüll aus den Kraftwerken gelagert?

    Die Energiekonzerne sind zwar für den Rückbau der Atomkraftwerke zuständig – Entsorgung und Haftung hat aber ein öffentlicher Atomfonds übernommen. Wo in Deutschland ein Atommüll-Endlager gebaut wird, soll bis 2031 entschieden werden.

    Zuvor werden die Brennelemente bei den Kraftwerken Grohnde und Brokdorf am Standortzwischenlager gelagert, wie Preussen-Elektra mitteilt. Für die aus dem Rückbau hervorgehenden schwach- und mittelradioaktiven Abfälle werde eine Transportbereitstellungshalle errichtet, um die Zeit zu überbrücken, bis das hierfür bestehende Endlager Konrad annahmebereit sei.

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