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03.08.2018

14:37

Enercon-Umstrukturierung

Jobabbau in der Windbranche – Niedersachsen pocht auf Hilfe der Bundesregierung

Von: Kathrin Witsch

Die Windkraft-Flaute trifft Marktführer Enercon und das Land Niedersachen. Ministerpräsident Weil drängt auf vereinbarte Sonderausschreibungen.

Windbranche: Niedersachsen fordert nach Jobabbau Hilfe aus Berlin dpa

Enercon-Arbeiter

Bundesweit könnten bei dem Unternehmen mehr als 800 Stellen wegfallen.

DüsseldorfWeil der deutsche Windmarkt einbricht, will der Auricher Windkraftanlagen-Hersteller Enercon sich internationaler aufstellen. Das geht beim deutschen Marktführer nicht ohne Einschnitte: Bundesweit könnten mehr als 800 Stellen wegfallen – allein in Niedersachsen sind es 700. Dieser vorläufige Höhepunkt der heimischen Windkraftkrise alarmiert auch die Politik.

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil fordert jetzt grundsätzlich schon zugesagte Hilfe aus Berlin. „Wir brauchen sehr schnell die vereinbarten Sonderausschreibungen für weitere Windenergieparks, damit wieder mehr Aufträge erteilt werden.“ Hätte die Bundesregierung schneller gehandelt, „wären die Jobverluste vermeidbar gewesen“, sagte er der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) am Freitag.

Wegen einer Auftragsflaute müssen seit anderthalb Jahren immer mehr Zulieferer hunderte von Mitarbeitern entlassen. So sind im vergangenen Jahr allein in Hamburg 1000 Stellen weggefallen. In ganz Norddeutschland kommen noch einmal 1000 Jobs dazu. Bundesweit geht der Bundesverband für Windenergie (BWE) mittlerweile von einer fünfstelligen Zahl für 2017 aus. Der Branchenverband sieht jeden siebten der insgesamt 140.000 Jobs hierzulande in Gefahr.

Erneuerbare Energien: Die deutsche Windbranche steht vor einer schweren Krise

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Die deutsche Windbranche steht vor einer schweren Krise

Dem Preisverfall beim Windstrom fallen zahlreiche Arbeitsplätze zum Opfer. Enercon baut mehr Stellen ab, die Branchenstimmung ist auf einem Tief.

Enercon ist Deutschlands Marktführer in Sachen Windkraft und gehört mit einem Umsatz von jährlich rund fünf Milliarden zu den fünf erfolgreichsten Windkonzernen weltweit. Viele der Zuliefererbetriebe arbeiten exklusiv für das Unternehmen in Ostfriesland. Sie wurden von der Ankündigung am Mittwoch völlig überrascht. In der kommenden Woche wollen die Betriebsräte sich treffen, um über das weitere Vorgehen zu sprechen.

Die IG Metall warnte Enercon „vor einem Kahlschlag auf Kosten der Beschäftigten“. „Das Unternehmen darf jetzt nicht versuchen, Entlassungen von hunderten Mitarbeitern und die Schließung von Standorten innerhalb kürzester Zeit durchzuziehen“, sagte Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste.

Dramatischer Preisverfall war politisch gewollt

Aus Sicht der niedersächsischen Landesregierung ist das eine Folge der Reform der Ökostromförderung. „Durch fehlgeschlagene Ausschreibungen ist es zu einem Fadenriss in der Windenergiebranche gekommen“, sagte Weil. Während die Betreiber von Windparks früher feste Vergütungen bekamen, müssen sie sich seit Mai vergangenen Jahres in Auktionen durchsetzen, bei denen das günstigste Angebot zum Zuge kommt. Die Folge war ein politisch gewollter, aber dramatische schneller Preisabfall in der Branche.

Hinzu komme, dass in der Ausschreibungsrunde 2017 fast ausschließlich Bürgerwindparks den Zuschlag erhalten hätten, sagte Weil. Vielen dieser Projekte fehle es an den nötigen Genehmigungen: „Deshalb findet derzeit kein weiterer Aufbau statt und die Windenergieunternehmen bekommen keine Aufträge.“ Die Landesregierung habe frühzeitig vor dieser Entwicklung gewarnt – auf Druck der SPD seien im Berliner Koalitionsvertrag Sonderausschreibungen vorgesehen, sagte Weil.

Die größten Windkraftkonzerne

Platz 10

Dank eines Boom-Jahres auf dem heimischen Markt, hat der indische Windturbinenhersteller Suzion es gerade so in die Top 10 geschafft. Das ist allerdings auch der Markt, auf den fast 40 Prozent des Geschäfts von Suzion entfallen. Im laufenden Jahr wird aufgrund von der Umstellung auf offene Ausschreibungen erst einmal mit einem Einbruch des indischen Marktes gerechnet, dann muss auch der Windradbauer zunächst mit einem Auftragseinbruch rechnen.

Marktanteil: 2,6 Prozent.

Platz 9

Deutschlands viertgrößter Windkraftkonzern Senvion hat es auch global wieder unter die ersten zehn geschafft. Ganze drei Plätze brachte ihn ein Rekordjahr auf dem deutschen Markt nach vorne. In der Bundesrepublik wurde noch nie soviel Windkraftleistung installiert wie im vergangenen Jahr: Ganze 6,5 Megawatt. Im nächsten Jahr könnte das aber wieder ganz anders aussehen. Die Hamburger kämpfen mit schwindenden Subventionen, massiven Preiskampf und sinkenden Umsätzen.

Marktanteil: 3,7 Prozent.

Platz 8

Chinas drittgrößter Windkraftkonzern Mingyang will sich vom Maschinenbauer zum Service-Unternehmen wandeln. Zwar soll die Produktion von Turbinen, Gondeln und Rotorblättern weiterhin eine wesentliche Säule des Geschäfts bleiben, aber die Wartung und Instandhaltung von Windrädern verspricht höhere Renditen. Im Gegensatz zu den meisten anderen chinesischen Windkonzernen, konnte Mingyang seinen Marktanteil 2017 sogar vergrößern.

Marktanteil: 4,7 Prozent.

Platz 7

Nach der Übernahme des spanischen Konkurrenten Acciona ist bei Nordex Ernüchterung eingekehrt. Der Umsatz der Hamburger schoss durch die Fusion im Geschäftsjahr 2016 zwar um 40 Prozent in die Höhe – auf 3,4 Milliarden Euro. Aber wegen Projektverzögerungen und verstärktem Preisdruck schockierte der Konzern seine Aktionäre mit einer bescheidenen Prognose für das Jahr 2018. Der deutsche Markt sorgt 2017 zunächst trotzdem dafür, dass der Windradbauer seinen Marktanteil sogar vergrößern kann. Das wirkliche „Krisenjahr“ kommt 2018. Seit April 2017 hat der Spanier José Luis Blanco bei Nordex das Sagen.

Marktanteil: 5,2 Prozent.

Platz 6

Lei Zhang ist das Enfant terrible der Windenergieindustrie. Der Chef des chinesischen Windkonzerns Envision bezeichnet sein Unternehmen gerne als das „Apple der Energiewelt“. Statt wie die Konkurrenz lediglich „dumme“ Windräder herzustellen, will Zhang künftig mit einer offenen Plattform Geld verdienen, die Angebot und Nachfrage im Energiemarkt synchronisiert. Schwankende Solar- und Windenergie will er im großen Stil mit Stromspeichern, Elektroautos oder Industrieanlagen koppeln und auf lange Sicht mit dem smarten Steuern von Energieflüssen Milliarden verdienen. Zumindest ein paar Jahre lang dürfte der Verkauf von Windmühlen aber noch das Kerngeschäft von Envision bleiben. 2017 scheint die Strategie aufzugehen: Envision springt im Ranking von der acht auf die sechs und kann seinen Marktanteil sogar fast verdoppeln.

Marktanteil: 6,0 Prozent.

Platz 5

Extrem verschwiegen, enorm erfolgreich: Enercon erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von rund fünf Milliarden Euro. Die Firma mit Sitz im ostfriesischen Aurich ist ein Riese, gibt sich nach außen hin aber gern als Zwerg. Ökopionier und Firmengründer Aloys Wobben ist mit einem geschätzten Vermögen von 7,6 Milliarden Dollar einer der wohlhabendsten Deutschen insgesamt. Das Markenzeichen des deutschen Marktführers sind getriebelose Turbinen. Unverkennbar ist das Gondel-Design in Eiform – konzipiert wurde es vom britischen Stararchitekten Norman Foster. Das deutsche Unternehmen kann sich auch 2017 auf dem fünften Platz behaupten.

Marktanteil: 6,6 Prozent.

Platz 4

Der US-Elektronikriese General Electric (GE) hat sein Windenergiegeschäft weiter ausgebaut. Trotzdem fallen die Amerikaner vom dritten auf den vierten Platz und büßen mehr als fünf Prozent ihres globalen Marktanteils ein.

Marktanteil: 7,6 Prozent.

Platz 3

Nachdem der größte chinesische Windkonzern Goldwind 2016 einen herben Absturz vom ersten auf den vierten Platz erlebte, kletterte er 2017 schon wieder auf das Treppchen. Goldwind bleibt ein Gigant. Der in Shenzhen und Honkong börsennotierte Konzern ist beinahe der einzige chinesische Anbieter, der auch fernab der Heimat Erfolge vorweisen kann.

Marktanteil: 10,5 Prozent.

Platz 2

Durch die Fusion mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa hält sich Siemens das zweite Jahr in Folge auf Platz 2 im globalen Ranking der größten Windkraftunternehmen. Dabei geholfen haben auch eine Marktführerschaft im Offshore-Bereich und ein gutes US-Geschäft. Im Gespann mit Gamesa verfolgt Siemens-Chef Joe Kaeser jetzt vor allem ein Ziel: die Weltspitze erklimmen. Doch dafür müssen die Münchener zuerst den Branchenprimus vom Thron stoßen. Das wäre ihm 2017 fast gelungen. Nur noch 0,1 Prozent Marktanteil trennen Siemens Gamesa vom Weltmarktführer.

Marktanteil: 16,6 Prozent.

Platz 1

Trotz weltweit angespannter Lage auf dem Windmarkt hält sich der weltgrößte Hersteller mit Sitz in der dänischen Hafenstadt Aarhus auf dem ersten Platz. Die Dänen erzielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast zehn Milliarden Euro und ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 1,2 Milliarden Euro. Siemens Gamesa kommt dagegen lediglich auf einen Erlös von 8,7 Milliarden Euro und einen operativen Ertrag von mageren 61 Millionen Euro. Vestas musste zwar ebenfalls Einbußen bei der Gewinnspanne in Kauf nehmen, aber glänzt noch immer mit einer Marge von 12,4 Prozent. Weder Siemens, GE noch Goldwind können da auch nur ansatzweise mithalten. In ihrer Heimat genießen die Dänen mit ihren 21.600 Mitarbeitern deshalb beinahe einen Heiligenstatus.

Marktanteil: 16,7 Prozent.

Nach Auseinandersetzungen zwischen den Koalitionspartnern CDU und SPD wurde das Vorhaben aber erst einmal auf Eis gelegt. Eine kleinere Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) war vor noch vor der Sommerpause geplant, aber passiert ist bislang nichts.

Der Bundesverband Windenergie (BWE) fordert deswegen jetzt ein klares Signal von Seiten der Politik, wie und wann die Vereinbarungen ab September umgesetzt werden. Die Ankündigung des deutschen Marktführers Enercon werfe nur ein realistisches Schlaglicht auf die Branche.

Wenn sich hier nichts ändere, sagte Hermann Albers, Präsident des BWE, dem Handelsblatt, werde sich der Beschäftigungsverlust fortsetzen. Und Deutschland gefährde eine „hart erarbeitete Zukunftsbranche“.

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