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22.05.2022

13:11

Energie

Siemens Energy will Siemens Gamesa komplett – und drei große Probleme abstellen

Von: Axel Höpner, Arno Schütze, Kathrin Witsch

Der Konzern bietet mehr als vier Milliarden Euro für die Komplettübernahme der spanischen Tochter. Nach der Zusammenführung will Siemens Energy aus den roten Zahlen kommen.

Für Siemens Energy ist das Übernahmeangebot ein finanzieller Kraftakt. Reuters

Siemens-Gamesa-Windrad vor Gran Canaria

Für Siemens Energy ist das Übernahmeangebot ein finanzieller Kraftakt.

Düsseldorf, Frankfurt, München Nach der angekündigten Komplettübernahme von Siemens Gamesa (SGRE) will Siemens Energy die Sanierung der verlustreichen Tochter energisch vorantreiben. Der Münchener Energietechnikkonzern bietet für die Komplettübernahme der spanischen Firma gut vier Milliarden Euro und hofft darauf, durch eine Vollintegration die anhaltenden Probleme im Geschäft mit den erneuerbaren Energien endlich in den Griff zu bekommen.

Es sei wichtig, den Abwärtstrend bei Siemens Gamesa schnell zu stoppen, sagte Siemens-Energy-Aufsichtsratschef Joe Kaeser. „Die volle Integration von SGRE ist ein wichtiger Meilenstein für die Ausrichtung der Siemens Energy als Gestalter der Energiewende von fossilen zu nachhaltigen Energien.“ Siemens Energy erhofft sich innerhalb von drei Jahren nach der Integration Kostensynergien von etwa 300 Millionen Euro jährlich.

Nach einer Aufsichtsratssitzung hatte der Energietechnikkonzern am Samstagabend ein freiwilliges Übernahmeangebot für die außenstehenden Anteile in Höhe von 18,05 Euro je Aktie angekündigt. Dies entspricht einer Prämie von knapp 28 Prozent auf den Kurs vor Bekanntwerden der Pläne am Mittwoch, liegt allerdings nur knapp über dem für den spanischen Regulator relevanten gewichteten Sechs-Monats-Durchschnittskurs. Das Unternehmen hatte am Mittwoch bestätigt, eine Vollübernahme zu prüfen.

Nach der Übernahme soll Gamesa von der Börse genommen werden. Ein solches Delisting ist laut spanischem Börsenrecht ab 75 Prozent der Anteile möglich, eine Zwangsabfindung für verbliebene Minderheiten (Squeeze-out) ab 95 Prozent. Das Angebot ist nicht an Bedingungen geknüpft.

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    Bislang besitzt Siemens Energy 67 Prozent der börsennotierten spanischen Tochter. Minderheitsaktionären, die nicht verkaufen wollen, droht Finanzkreisen zufolge das Szenario, dass sie in einer nicht mehr gelisteten Firma investiert sein würden, bei der in den nächsten Monaten eine Refinanzierung von 1,4 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten ansteht. Dafür würden wohl Eigenkapitalmaßnahmen genutzt, was den Kurs weiter drücken würde.

    Unter den Minderheitsaktionären gibt es außer den Großfonds Blackrock und Norges keine Eigner, die mehr als ein Prozent der Anteile halten. Im Markt ist bisher nicht auf einen höheren Angebotspreis spekuliert worden. Die SGRE-Aktie hatte am Freitag bei 16,74 Euro geschlossen.

    Bekenntnis zur Windkraft

    Mit der geplanten Komplettübernahme bekennt sich Siemens Energy ausdrücklich zum Geschäft mit den erneuerbaren Energien. Angesichts der Probleme von SGRE war zuvor darüber spekuliert worden, dass sich der junge Konzern als letzten Ausweg sogar von der Windkraft trennen könnte.

    „Unser Ziel ist es, die Energiewende als führendes Energietechnologieunternehmen ganz entscheidend mitzugestalten“, sagte nun Siemens-Energy-Vorstandschef Christian Bruch. Mit einem ganzheitlicheren Angebot werde man als zusammengeführtes Unternehmen noch besser aufgestellt sein.

    Für das Unternehmen Siemens Energy, das selbst rote Zahlen schreibt, ist das Übernahmeangebot ein finanzieller Kraftakt. Für die Finanzierung des Kaufangebots gebe es verbindliche Zusagen von der Bank of America und JP Morgan, hieß es nun. Falls das Angebot vollumfänglich angenommen werde, wolle man die Brückenfinanzierung mit bis zu 2,5 Milliarden Euro an „Eigenkapital oder eigenkapitalähnlichen Instrumenten“ ablösen. Dabei könnten, so das Marktumfeld stimmt, in einem ersten Schritt zehn Prozent neue Aktien verkauft werden in einer bezugsrechtslosen Kapitalerhöhung.

    Grafik

    Die verbleibende Summe werde über Fremdkapital und vorhandene Barmittel finanziert. Finanzkreisen zufolge ist der offizielle Start des Übernahmeangebots erst für den Herbst geplant, da die spanische Börsenaufsicht noch Zeit braucht, um die Offerte zu prüfen und zu genehmigen. Ein Delisting könnte dann Anfang 2023 stattfinden.

    Im Siemens-Energy-Aufsichtsrat herrschte Konsens, dass großer Handlungsdruck besteht. „Die Probleme werden mit jedem Tag größer. Die [SGRE] verbrennen zu viel Geld“, hieß es in Aufsichtsratskreisen. Bei Gamesa habe die Transparenz gefehlt, nur ein kleiner Kreis habe gewusst, wie dramatisch die Lage sei. „Allen ist aber klar, dass die Arbeit jetzt erst richtig beginnt.“

    Die Fusion von Siemens Wind Power mit dem spanischen Turbinenhersteller Gamesa im Jahr 2016 war einer der größten Deals in der Windenergiebranche. Der neue Konzern wollte bei On- und Offshore-Windkraft in der Welt eine führende Rolle spielen.

    Zwar gehört Siemens Gamesa auch heute noch zu den größten Anbietern der Welt, auf dem Meer ist das deutsch-spanische Gespann sogar Marktführer. Aber die Geschäfte laufen alles andere als rund: eine Gewinnwarnung nach der nächsten, rote Zahlen und vier Chefs innerhalb von sechs Jahren. Dafür gibt es mehrere Gründe. 

    1. Das Marktumfeld: Preiskampf und Kostensteigerungen

    Ein Teil der Probleme von Siemens Gamesa ist auf das schwierige Marktumfeld zurückzuführen. So sorgt die boomende Nachfrage weltweit zwar für volle Auftragsbücher, die Margen aber waren trotz steigender Umsätze schon in den vergangenen Jahren unter Druck.

    Nun kamen die Lieferkettenprobleme und massiv gestiegene Rohstoffpreise als Folge von Coronapandemie und Ukrainekrieg hinzu. Die Verträge aber sehen in der Regel keine automatischen Preisanpassungen vor – dies hat sich für die Branche gerächt. Die Turbinenhersteller machen zumeist Verluste, sogar Musterschüler Vestas aus Dänemark hat seine Prognosen gekappt.

    Gleichzeitig müssen sich die subventionsverwöhnten Windkonzerne in immer mehr Ländern in freien Ausschreibungen beweisen, in denen nur der günstigste den Zuschlag bekommt. Auf dem internationalen Markt herrscht deswegen seit Jahren ein ruinöser Preiswettbewerb, die Hersteller tun sich allerdings schwer, ihre Kosten runterzufahren. Die überwiegende Mehrheit der Siemens-Gamesa-Probleme ist aber hausgemacht. 

    2. Hausgemachte operative Probleme: Es hakt bei der neuen Turbine

    Bei der Zusammenlegung von Siemens und Gamesa 2016 steuerte Siemens eine starke Position bei der Offshore-Windkraft auf hoher See bei. Gamesa war vor allem bei Onshore-Windrädern aktiv. Die Siemens-Hoffnung, die Stärken aus der profitablen Offshore-Sparte auf die Windräder an Land zu übertragen, erfüllte sich nicht.

    Aktuell hakt es vor allem beim Hochlauf der neuen Windkraftanlagen-Generation 5.X. Diese ist die erste gemeinsam entwickelte Plattform von Siemens Gamesa für Windräder an Land und die bislang leistungsstärkste Onshore-Turbine mit Getriebe. Einen ersten Großauftrag erhielt das Unternehmen aus Brasilien. Allerdings ist dort ein Anteil lokaler Fertigung gefordert – und der Aufbau der Produktion bereitete Schwierigkeiten.

    Man sei zu riskante Projekte eingegangen und habe zu optimistisch in einem Leistungsumfang geplant, den man nicht so gut beherrsche, räumte der damalige CEO Andreas Nauen im vergangenen Jahr im Gespräch mit dem Handelsblatt ein. Branchenexperten kritisieren, dass Siemens Gamesa sich auch mit der Übernahme der Servicesparte von Senvion keinen Gefallen getan habe. 

    Nachdem sein Vorgänger drei Jahre lang daran gescheitert war, die Probleme in den Griff zu bekommen, sollte Nauen als neuer Gamesa-Chef das Unternehmen endlich auf Kurs bringen. Schließlich hatte er den Windriesen zum Weltmarktführer auf See gemacht. 

    Während Gamesa vor allem für seine günstigen Preise bei Onshore-Turbinen bekannt war, setzte man bei Siemens stets auf deutsche Gründlichkeit. IMAGO/IP3press

    Siemens-Gamesa-Mitarbeiter in Le Havre

    Während Gamesa vor allem für seine günstigen Preise bei Onshore-Turbinen bekannt war, setzte man bei Siemens stets auf deutsche Gründlichkeit.

    Im März musste aber auch Nauen nach nur anderthalb Jahren und drei Gewinnwarnungen seinen Posten schon wieder räumen. Seitdem ist Siemens-Energy-Vorstand Jochen Eickholt an der Spitze des Windkonzerns. Mit dem neuen Chef bleiben allerdings die alten Probleme. Vor allem die Zusammenführung der deutschen und der spanischen Unternehmenskultur bereitet dem Konzern große Schwierigkeiten. 

    3. Das Kulturproblem: Silodenken und noch immer nicht abgeschlossene Integration

    Aus Branchenkreisen heißt es, dass die Integration von Gamesa mit Siemens bis heute nicht gelungen ist. Jahrelang hatte das schwierige Verhältnis zwischen dem früheren Gamesa-Großaktionär Iberdrola und Siemens für Schlagzeilen gesorgt. Hinter den Kulissen gab es des Öfteren Auseinandersetzungen.

    Die Spanier waren früher bei Gamesa der allein bestimmende Großaktionär und beanspruchten auch im neuen Konzern viel Einfluss. Erst vor zwei Jahren hat der Münchener Technologiekonzern den Mitgesellschafter Iberdrola für eine Milliarde Euro rausgekauft. Die Probleme aber sind geblieben.

    Während Gamesa vor allem für seine günstigen Preise bei Onshore-Turbinen bekannt war, setzte man bei Siemens stets auf deutsche Gründlichkeit. Gamesa war vorher stark in Schwellenländern engagiert und hat sich durch eine hohe Flexibilität und die Reduzierung der Kosten ausgezeichnet.

    Siemens dagegen achtet sehr auf Qualitätsprotokolle und Strukturen, die eingehalten werden müssen. Zwei Kulturen, die seit der Fusion beider Hersteller bis heute nicht zusammengehen wollen. Laut Unternehmenskreisen gibt es immer noch viele Silos, die aufgebrochen werden müssten.

    Leicht wird die Restrukturierung des Windkraftgeschäfts auch nach einer Integration nicht werden. SGRE befinde sich „aufgrund operativer Probleme und branchenbedingter Herausforderungen derzeit in einer finanziell schwierigen Lage“, hieß es in der Mitteilung.

    Nun könnten aber „notwendige Maßnahmen besser ergriffen werden, um das Geschäft zu stabilisieren sowie das vollständige Potenzial von SGRE zu erschließen“. Siemens Gamesa werde von der Restrukturierungsexpertise von Siemens Energy profitieren. „Dies gilt insbesondere in den Bereichen Produktion, Lieferkette, Projekt- und Kundenmanagement.“

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