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01.08.2022

19:11

Energiebranche

Steag-Chef Andreas Reichel treibt den Verkauf des Energiekonzerns voran

Von: Catiana Krapp

Der Kohleverstromer soll früher verkauft werden als bislang geplant. Der Geschäftsführer hofft dank der hohen Strompreise auf einen guten Deal.

Im Juli gab der Steag-Aufsichtsrat bekannt, die Bestellung Reichels als Vorsitzender der Geschäftsführung einstimmig verlängert zu haben. Funke Foto Services

Steag-Chef Andreas Reichel

Im Juli gab der Steag-Aufsichtsrat bekannt, die Bestellung Reichels als Vorsitzender der Geschäftsführung einstimmig verlängert zu haben.

Düsseldorf Andreas Reichel steht vor einer großen Baustelle: Der Chef von Deutschlands fünftgrößtem Energiekonzern Steag muss sein Unternehmen durch einen Verkaufsprozess steuern. Der bisherige Eigentümer des Konzerns, die Kommunale Beteiligungsgesellschaft KSBG, will sich perspektivisch zurückziehen.

Bis spätestens 2023 wollen die hinter der KSBG stehenden Stadtwerke Dortmund, Duisburg, Bochum, Essen, Oberhausen und Dinslaken die Steag verkaufen, das war bereits beschlossen.

Jetzt erscheint das Umfeld besonders günstig, um den Verkauf zügig voranzutreiben. Die Strompreise sind außergewöhnlich hoch, und um im Winter Gas zu sparen, sollen statt Gaskraftwerken wieder vermehrt Kohlekraftwerke in Deutschland Elektrizität generieren.

Diese Situation dürfte Reichel und den Steag-Eigentümern dabei helfen, Käufer für den „schwarzen“ Teil des Steag-Geschäfts – also die Kohlekraftwerke – zu finden. Nach Steag-Aussagen soll das Kohlekraftwerksgeschäft gemeinsam mit dem grünen Energieerzeugungsbereich des Unternehmens veräußert werden. Dieser Prozess startet nun früher als geplant, wie das Handelsblatt exklusiv berichtete.

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    Für Reichel bringt die energiepolitische Ausnahmesituation Hoffnung, dass er den kommunalen Eigentümern seines Unternehmens einen verlustfreien Ausstieg ermöglichen kann. Gegenüber dem Handelsblatt sagt er: „Unsere Anteilseigner haben erklärt, ihr Engagement bei Steag bis Ende 2023 beenden zu wollen. Es ist nun unsere Aufgabe als Steag-Geschäftsführung, unseren Anteilseignern einen Verkauf ihrer Steag-Anteile zu angemessenen Konditionen zu ermöglichen.“ Steag hatte per Ende 2021 eine Nettoverschuldung von 485 Millionen Euro und 1,23 Milliarden Euro an Pensionsrückstellungen.

    Der Steag-Chef steht im Zentrum des geplanten rettenden Eigentümerwandels. Der 61-jährige Jurist, der von 1985 bis 1995 Abgeordneter der FDP im NRW-Landtag war, sammelte danach 17 Jahre lang Erfahrungen in Führungspositionen in der Energiebranche.

    Zunächst leitete er die Unternehmenskommunikation bei dem Unternehmen Ruhrgas, dann kümmerte er sich bei der Eon Edis AG als Vorstandsmitglied unter anderem um Personal und Recht sowie erneuerbare und dezentrale Energien.

    Seit August 2020 ist Reichel Geschäftsführer bei Steag. Zu Beginn dieses Jahres hat er den Vorsitz der Steag-Geschäftsführung übernommen, nachdem sein Vorgänger Joachim Rumstadt zurückgetreten war. Seitdem ist klar, dass Reichel seine Erfahrungen mit erneuerbaren Energien wird gebrauchen können und dass seine Amtszeit von einer grundlegenden Transformation des Unternehmens geprägt sein wird.

    Mit seiner Arbeit scheint man bislang zufrieden: Im Juli gab der Steag-Aufsichtsrat bekannt, die Bestellung Reichels als Vorsitzender der Geschäftsführung einstimmig verlängert zu haben.

    Weitere Stromproduktion aus Steinkohle

    Der angedachte Wandel dürfte nun etwas anders ausfallen als geplant. Ursprünglich wollte die Steag in Deutschland angesichts der Energiewende ab November 2022 nur noch ihr modernes Steinkohlekraftwerk Duisburg-Walsum 10 am Netz haben und prüfte die Umstellung des Werks auf CO2-neutrale Holzpellets. Kraftwerke in Bergkamen und Völklingen-Fenne sollten stillgelegt werden.

    Doch während Gas noch zu Jahresbeginn als wichtige Brückentechnologie auf dem Weg in eine klimaneutrale Energieversorgung Deutschlands galt, will die Bundesregierung jetzt wegen der stark eingeschränkten Gaslieferungen aus Russland so viel Gas wie möglich sparen. Deshalb dürfen auch Steinkohle-Reservekraftwerke wieder Strom produzieren.

    Entsprechend dürften im November 2022 statt nur noch einem Steinkohlekraftwerk mehrere Steag-Anlagen aus fossilen Rohstoffen Strom produzieren. „Steag steht bereit, nach den Vorgaben des Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetzes bis zu fünf Steinkohlekraftwerksblöcke aus der Reserve zu holen und in eigener unternehmerischer Verantwortung für einen gewissen Zeitraum weiterzubetreiben“, sagte Reichel gegenüber dem Handelsblatt.

    Schwieriger Umstellungsprozess für die Belegschaft

    Der Strom und die Wärme, die Steag zusätzlich erzeugen könne, würden in den beiden kommenden Wintern gebraucht, so Reichel. Doch das Unternehmen wolle langfristig weg von der Kohle.

    Potenzielle Investoren setzen indes womöglich darauf, mit den Einkünften bis zur endgültigen Stilllegung der Kohleaktivitäten noch ausreichend Gewinn zu machen, sodass sich der Kauf der Steag-Aktivitäten lohnt.

    So gut das Umfeld für den Verkauf derzeit aussieht, so schwierig ist der kulturelle Prozess, der Steag-Chef Reichel und seiner Belegschaft bevorstehen dürfte. Zwar erklärte Steag gegenüber dem Handelsblatt, dass das Unternehmen „als Ganzes“ und „nicht etwa in Teilen“ verkauft werden solle.

    Klar ist aber auch, dass unter dem Steag-Dach zwei organisatorisch, personell und gesellschaftsrechtlich getrennte Teilkonzerne entstehen sollen. Bestehende Abteilungen dürften getrennt werden, der Arbeitsalltag vieler Mitarbeitender dürfte sich verändern.

    Die Ungewissheit über die Zukunft betrifft nicht zuletzt wohl auch Reichel selbst. Was ein neuer, noch nicht feststehender Eigentümer in Sachen Geschäftsführung entscheidet, ist immerhin nicht ausgemacht.

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