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03.11.2022

11:24

Energiekonzern

40.000.000.000 Euro: Uniper mit größtem Verlust der deutschen Unternehmensgeschichte

Von: Catiana Krapp

Deutschlands größter Gashändler erwartet durch weggefallene Gaslieferungen 40 Milliarden Euro Verlust. Die Kosten muss der deutsche Staat tragen.

Nach Abschluss einer Kapitalerhöhung und dem Erwerb der Uniper-Anteile von Fortum wird der Bund 99 Prozent der Anteile an Uniper besitzen. dpa

Uniper

Nach Abschluss einer Kapitalerhöhung und dem Erwerb der Uniper-Anteile von Fortum wird der Bund 99 Prozent der Anteile an Uniper besitzen.

Düsseldorf Der vor der Verstaatlichung stehende Energiekonzern Uniper erwartet einen Verlust von rund 40 Milliarden Euro. Das gab das Düsseldorfer Unternehmen am Donnerstagmorgen bei der Vorlage seiner Quartalszahlen bekannt. Dieser Verlust bezieht erwartete Einbußen in der Zukunft infolge des russischen Gaslieferstopps ein.

Der Verlust von Uniper ist so gigantisch, dass sich in der deutschen Unternehmensgeschichte kaum ein äquivalenter Fall finden lässt. Ähnlich in den Miesen war 2002 nur die Deutsche Telekom mit knapp 25 Milliarden Euro Verlust. Grund waren damals vor allem Wertberichtigungen, die der Bonner Konzern auf Mobilfunklizenzen und Firmenzukäufe vornehmen musste.

Bei Uniper enthält der am Donnerstag bekannt gegebene Verlust rund zehn Milliarden Euro Kosten, die dem Konzern bereits für die Ersatzbeschaffung von Gas entstanden sind. Zusätzlich dürften in Zukunft 31 Milliarden Euro an Verlusten anfallen. Hauptgrund ist, dass Russland weiterhin kein Gas nach Deutschland liefert.

Tägliche Verluste deutlich gesunken

Bereits in der vergangenen Woche hatte das Düsseldorfer Unternehmen per Pflichtmitteilung bekannt gegeben, dass der Verlust „in zweistelliger Milliardenhöhe“ liegen werde.

Da der Verlust so hoch ist, dass er mehr als die Hälfte des Grundkapitals von Uniper ausmacht, muss das Unternehmen nach Paragraf 92 des Aktiengesetzes eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Das Grundkapital lag per Ende 2021 bei 6,8 Milliarden Euro, per Ende September bei minus 31,5 Milliarden. Die Hauptversammlung könnte womöglich zusätzlich zu der ohnehin für die staatliche Übernahme geplanten Hauptversammlung stattfinden.

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Der hohe Verlust spiegelt das Problem wider, das Uniper durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine entstanden ist. Der Konzern hat jahrelang günstiges Gas aus Russland erhalten und es teurer an deutsche Unternehmen und Stadtwerke weiterverkauft. Dabei hat Uniper mehr als die Hälfte seines Gases von Russland bezogen und sich damit abhängig vom Kreml gemacht.

Die Verträge mit den deutschen Kunden laufen zum Teil noch mehrere Jahre, Uniper muss ihnen weiter Gas liefern. Doch der Konzern erhält selbst keinen Nachschub mehr aus Russland. Er muss deshalb Gas zu extrem hohen Preisen am Markt besorgen und es günstiger an seine Kunden abgeben – ein tägliches Verlustgeschäft.

Zeitweise hat Uniper Verluste von mehr als 100 Millionen Euro pro Tag verzeichnet. Doch zuletzt sind die Gaspreise an der Börse deutlich gefallen. Am Donnerstag lag der TTF-Preis für Monatskontrakte bei rund 125 Euro pro Megawattstunde. Im August war er auf bis zu 350 Euro gestiegen. Im kurzfristigen Handel sanken die Preise zuletzt zeitweise sogar auf Vorkriegsniveau.

Uniper kommen die gesunkenen Preise zugute: Derzeit gibt es fast keine neuen täglichen Verluste mehr, wie Uniper-Finanzchefin Tiina Tuomela in einem Call mit Analysten am Donnerstagmorgen mitteilte. Wenn die Gaspreise steigen, werden sich die Verluste allerdings wieder erhöhen.

Milliarden-Herausforderung für den Staat

Das Problem, mit diesen Verlusten umzugehen, liegt künftig beim deutschen Staat. Er hat zugestimmt, den Krisenkonzern zu übernehmen. Ende Dezember sollen die bisherigen Aktionäre auf einer außerplanmäßigen Hauptversammlung darüber abstimmen. Der Analyst Ingo Becker von der Bank Kepler Cheuvreux sagt: „Die Verluste bei Uniper sind als Kosten für den deutschen Staat zu rechnen.“

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Die Bundesregierung muss in den kommenden Jahren bei Uniper eine große finanzielle Lücke füllen. Bereits in den vergangenen Monaten hat sie über die Staatsbank KfW 18 Milliarden Euro an Kreditoptionen für den Konzern geschaffen, von denen Uniper bis Ende Oktober bereits 14 Milliarden in Anspruch genommen hat.

Uniper ist für die deutsche Gasversorgung systemrelevant. Das Unternehmen beliefert Hunderte Energielieferanten mit Gas, die dieses wiederum an die deutschen Haushalte abgeben. Um das Düsseldorfer Unternehmen final zu retten, hatte Berlin sich im September bereit erklärt, bei Uniper eine acht Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung zu zeichnen.

Dem bisherigen Mehrheitsaktionär, dem finnischen Staatskonzern Fortum, würde der Bund seine Uniper-Aktien zum Nennwert für zusammen knapp 500 Millionen Euro abkaufen. Der Bund bekäme so einen Anteil von 99 Prozent an dem Unternehmen.

Weitere Milliarden vorgesehen

Doch spätestens jetzt ist klar, dass der Staat noch mehr Geld in die Hand nehmen muss als im ursprünglichen Uniper-Rettungspaket vorgesehen. Der Analyst Vincent Ayral von der Bank JP Morgan schreibt am Donnerstagmorgen in einem Bericht: „Wir glauben, dass eine 36-Milliarden-Kapitalerhöhung – eher als eine Acht-Milliarden-Kapitalerhöhung – nötig werden könnte.“

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Ein Insider sagte dem Handelsblatt bereits vor einiger Zeit: „In Summe könnte das auf Mehrkosten von zehn bis 40 Milliarden Euro hinauslaufen.“ Das entspricht genau dem antizipierten Verlust, den Uniper nun vorgelegt hat.

Uniper lässt offiziell nur verlauten, dass die Einzelheiten zusätzlicher Unterstützungsmaßnahmen derzeit zwischen Bundesregierung und Uniper final abgestimmt würden. Finanzchefin Tuomela sprach von einem „maßgeschneiderten Instrument“, das erarbeitet werde.

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Die genaue Höhe der nötigen Hilfen hängt davon ab, wie sich der Gaspreis auf dem Markt entwickelt. Das neue Hilfskonzept für Uniper soll deshalb große Puffer enthalten. In einem ersten Schritt könnte die Regierung allein für das laufende Jahr bis zu 15 Milliarden Euro zusätzlich in das Unternehmen geben.

Probleme auch in anderen Geschäftsbereichen

In den ersten neun Monaten dieses Jahres lief es für Uniper auch in anderen Geschäftsbereichen als dem Gashandel schlecht. So etwa bei den europäischen Kraftwerken zur Stromerzeugung. Hier sank der bereinigte Gewinn vor Steuern (Ebit) von 271 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum auf minus 93 Millionen Euro. Laut dem Unternehmen liegt das aber nur an einem vorübergehenden Bewertungseffekt.

Das Russlandgeschäft von Uniper entwickelte sich zwar den Zahlen nach gut. Das Ebit stieg hier dank einem zusätzlich in Betrieb genommenen Kraftwerk und Währungseffekten von 168 auf 331 Millionen Euro.

Doch es ist unklar, ob dieses Geschäft für Uniper überhaupt noch etwas wert ist. Schließlich lässt sich derzeit wegen europäischer Sanktionen gegen Russland kein Geld aus dem Land herausbekommen – und auch Unipers Versuche, das Russlandgeschäft zu verkaufen, laufen bislang anscheinend ins Leere.

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