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24.04.2018

16:05

Deutschlands größter Stromproduzent wird künftig wieder die komplette Palette der Stromerzeugung abdecken. dpa

RWE-Kraftwerk

Deutschlands größter Stromproduzent wird künftig wieder die komplette Palette der Stromerzeugung abdecken.

Energiekonzern im Bilanzcheck

RWE ist zurück in der Gewinnzone – und bereit für den Deal mit Eon

Von: Jürgen Flauger

RWE macht aus einem Rekordverlust ein Milliardenplus. Aber wie schwierig die konventionelle Stromproduktion ist, zeigt vor allem ein Bereich.

Düsseldorf Die Bilanz, die RWE-Chef Rolf Martin Schmitz, am 13. März eigentlich präsentieren wollte, interessierte an diesem Tag fast niemanden. Schmitz hatte den langfristig angekündigten Termin kurzfristig umgewidmet und präsentierte gemeinsam mit Johannes Teyssen, dem Chef von Konkurrent Eon, einen regelrechten Coup: Gemeinsam planen sie einen Tausch von Aktivitäten, der die deutsche Energiewirtschaft von Grund auf neu ordnen wird.

Eon übernimmt RWEs Tochter Innogy mit den Sparten Vertrieb und Netze. RWE bekommt im Gegenzug nicht nur eine Beteiligung von 16,7 Prozent an Eon, sondern auch fast alle Aktivitäten, die Innogy und Eon bislang bei den erneuerbaren Energien haben.

Deutschlands größter Stromproduzent, der nach der Abspaltung von Innogy operativ nur noch für die konventionelle Stromerzeugung und den Großhandel zuständig war, wird künftig wieder die komplette Palette der Stromerzeugung abdecken: Von Wind- und Solarenergie über Wasser- und Gaskraftwerken bis zu Kohleanlagen – und für einige Jahre auch noch Atomenergie. „Wir machen RWE dauerhaft zu einem der führenden Stromerzeuger Europas“, jubelte Schmitz.

Dabei ist die Bilanz 2017 ordentlich. RWE hat wieder die Gewinnzone erreicht. Unter dem Strich stand ein Nettoergebnis von 1,9 Milliarden Euro. Im Jahr zuvor hatte der Konzern noch einen Rekordverlust von 5,7 Milliarden Euro verbucht.

Damals musste RWE zum wiederholten Mal den Wert seiner Kraftwerke nach unten korrigieren – um 4,3 Milliarden Euro. Diese werden zunehmend von Wind- und Solaranlagen aus dem Markt gedrängt.

Im vergangenen Jahr profitierte RWE dagegen von einem erhofften, aber nicht erwarteten Sondereffekt. Der Konzern hatte zusammen mit den anderen Betreibern von Atomkraftwerken erfolgreich gegen die Brennelementesteuer geklagt, die der Bund zwischen Oktober 2010 und Ende 2016 erhoben hatte. Das Bundesverfassungsgericht erklärte die Steuer im Juni für unzulässig. RWE bekam 1,7 Milliarden Euro plus Zinsen erstattet.

Aber auch operativ lief es insgesamt ordentlich. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) verbesserte sich um 18,3 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro. Das liegt vor allem am schwankungsanfälligen Energiehandel. Hier konnte RWE unter anderem dank eines guten Gasgeschäfts ein positives Ergebnis von 265 Millionen Euro verbuchen. Im extrem schwachen Vorjahr hatten die Händler noch ein Minus von 145 Millionen Euro eingefahren.

Auch die europäische Stromerzeugung, die die Gas- und Steinkohleanlagen umfasst, verbesserte sich deutlich – nach einem Minus von 37 Millionen Euro stand ein Plus von 155 Millionen Euro. RWE profitierte hier von den laufenden Sparmaßnahmen, die die Effizienz in der Stromproduktion erhöhen sollen, und von einem Buchgewinn aus dem Verkauf eines Standorts in Großbritannien.

Wie schwierig die konventionelle Stromproduktion aber nach wie vor ist, spürte RWE im Segment Braunkohle & Kernenergie: Hier brach das Ebit um fast 40 Prozent auf 399 Millionen Euro ein. RWE hatte sich in den vergangenen Jahren mit den Braunkohle- und Atomkraftwerken noch vergleichsweise gut geschlagen: Weil die Anlagen deutlich günstiger Strom produzieren als Gas- und Steinkohlekraftwerke und der Strom in der Regel am Terminmarkt langfristig verkauft ist, sind sie trotz des Booms der erneuerbaren Energien, der die Strompreise im Großhandel massiv gedrückt hat, vergleichsweise oft am Netz – während vor allem Gaskraftwerke immer häufiger stillstehen.

2017 kam der Preisverfall im Großhandel aber auch bei Braunkohle- und Atomkraftwerkwerken mit Wucht an. Die Anlagen produzieren zwar noch ordentlich Strom, verdienen daran aber weniger. Das wird sich in diesem Jahr noch fortsetzen. Dann schlagen die tiefsten Notierungen bei den Strompreisen, die Anfang 2016 realisiert worden waren, auch bei RWE voll durch. Danach soll es aber aufwärts gehen.

Den mit Abstand größten Teil zum operativen Ergebnis steuerte freilich Innogy bei: Das Ebit stieg um drei Prozent auf 2,8 Milliarden Euro. RWE hält nach dem Börsengang noch 76,8 Prozent, führt das Unternehmen aber rein als Finanzbeteiligung.

Entscheidend verbessert hat sich die Finanzkraft von RWE. Schon der Börsengang von Innogy im Oktober 2016 hatte dem schwer angeschlagenen Konzern Spielraum verschafft. RWE hatte beim Verkauf der ersten Tranche nicht nur 2,6 Milliarden Euro eingestrichen. Mit dem Börsengang wurde auch der Wert der ausgegliederten Aktivitäten – Netz, Vertrieb und erneuerbare Energien – freigelegt. Mit der Offerte von Eon wird der Anteil, den RWE hält, mit 17 Milliarden Euro bewertet. Die Gründung von Innogy hat den Energiekonzern überhaupt erst in die Lage gebracht, jetzt den zweiten Schritt zu wagen, den Befreiungsschlag mit Eon.

Im vergangenen Jahr kam dann noch die Erstattung der Brennstoffsteuer hinzu. Zudem profitierte RWE von einem Rückgang der Pensionsrückstellungen. Insgesamt verringerte sich die Nettoverschuldung so um 2,5 Milliarden auf 20,2 Milliarden Euro. Das Eigenkapital erhöhte sich um vier Milliarden auf zwölf Milliarden Euro. Die Eigenkapitalquote stieg von elf auf 17 Prozent.

Entscheidend verringert haben sich in der Bilanz die Rückstellungen für die Folgekosten der Kernenergienutzung: Sie sanken um 6,7 Milliarden auf sechs Milliarden Euro. Das ist Folge des neuen öffentlich-rechtlichen Atomfonds, der 2017 eingerichtet wurde. Er soll langfristig die Finanzierung der Entsorgung, Zwischen- und Endlagerung des Atommülls sicherstellen – schlichtweg aus der Befürchtung, dass einer der Atomkonzerne pleitegehen könnte. Die Konzerne selbst bleiben für den Rückbau der Kernkraftwerke verantwortlich. Für RWE, Eon und Co. bringt das langfristig Planungssicherheit, weil die Kosten der Endlagerung kaum zu kalkulieren sind.

Atomfonds belastet die Liquidität

Sie mussten dafür aber entsprechende Reserven in den Fonds einbringen. Bei RWE belastete das die Liquidität mit sieben Milliarden Euro. Der Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit, der ansonsten gestiegen wäre, war daher mit 1,7 Milliarden Euro deutlich negativ. Beim Free Cashflow stand ein Fehlbetrag von 3,8 Milliarden Euro. Die Dotierung des Fonds hatte aber keinen Einfluss auf die Nettoschulden. Denn die zugehörigen Rückstellungen, die bei den Schulden mit eingerechnet werden, sind im Gegenzug ebenfalls gesunken.

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Die Aktionäre dürfen sich endlich wieder über eine Dividende freuen – und noch dazu über eine üppige. Zwei Jahre lang mussten die Stammaktionäre auf eine Ausschüttung verzichten, was für Unmut sorgte. Für 2017 sollen sie nicht nur eine reguläre Dividende von 50 Cent je Aktie erhalten. Zusätzlich bekommen sie einen Euro als Sonderdividende.

Der Vorstand lässt sie damit an der Rückerstattung der Atomsteuer teilhaben. Und für 2018 hat er schon eine Erhöhung der regulären Dividende auf 70 Cent in Aussicht gestellt. Das wird vor allem die kommunalen Aktionäre freuen, die noch immer gut 20 Prozent der Anteile halten, und den Ausfall der Dividenden in den vergangenen Jahren nur schwer verkraften konnten.

Mit der Rückkehr zur Dividendenzahlung und der Stärkung der Bilanz hat Schmitz gute Argumente, um auf der Hauptversammlung für den Deal mit Eon zu werben. „RWE ist heute schon ein gut aufgestelltes und erfolgreiches Unternehmen“, sagt Schmitz, „aus dieser Position der Stärke haben wir uns für die Transaktion mit Eon entschieden.“

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