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20.09.2022

10:05

Energiekrise

Internes Leck: Isar 2 müsste für längere Laufzeit repariert werden

Das Atomkraftwerk Isar 2 muss repariert werden, um überhaupt über das Jahresende hinaus Strom produzieren zu können. Umweltministerin Lemke zeigt sich irritiert über das Agieren in Bayern.

Ein Leck des Meilers muss erst einmal repariert werden. dpa

Atomkraftwerk Isar 2

Ein Leck des Meilers muss erst einmal repariert werden.

Essenbach / Berlin Für eine Laufzeit über das Jahresende hinaus müsste das Atomkraftkraftwerk Isar 2 in Bayern zur Reparatur eines Lecks für etwa eine Woche stillgelegt werden. „Das Energieunternehmen Preussen-Elektra hat das Bundesumweltministerium im Zuge der Fachgespräche über Vorbereitungen einer Bereitschaftsreserve in der vergangenen Woche über eine interne Ventilleckage im Atomkraftwerk Isar 2 informiert“, teilte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums (BMUV) am Montag in Berlin mit.

Eine Beeinträchtigung der Sicherheit bestehe nicht. Jedoch müsse der Meiler repariert werden, um über das Jahresende hinaus für einen Leistungsbetrieb zur Verfügung zu stehen. Das Ministerium kündigte an, aufgrund der neuen Sachlage zu prüfen, ob Isar 2 weiterhin bis Mitte April als Notreserve für die deutsche Energieproduktion genutzt werden könne. Die Reparatur sei nach Auskunft des Betreibers nicht notwendig, sollte das AKW wie durch den beschlossenen Atomausstieg zum Jahresende den Leistungsbetrieb beenden.

Ein Sprecher des bayerischen Umweltministeriums stufte den Fall als „sicherheitstechnisch unbedenklich“ ein. Er sei der Aufsichtsbehörde des Landes bekannt. „Es handelt sich um kein meldepflichtiges Ereignis.“ Sicherheit habe oberste Priorität. „Das Bayerische Umweltministerium bleibt daher bei der durch ein Gutachten des TÜV Süd bestätigten Haltung: Ein Weiterbetrieb des Kernkraftwerks Isar 2 wäre sicherheitstechnisch möglich. Für die Schaffung der rechtlichen Grundlagen wäre eine zügige Änderung des Atomgesetzes durch den Bund erforderlich.“

Bundesumweltministerin Steffi Lemke beklagt, keine früheren Hinweise aus Bayern erhalten zu haben. Insbesondere die Union und den bayerischen Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz, Thorsten Glauber (Freie Wähler), nimmt die Grünen-Politikerin dabei ins Visier, wie sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) deutlich machte.

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    Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und CDU-Chef Friedrich Merz hätten sich ja beide den Reaktor angeschaut und mit dem Betreiber gesprochen. „Ich frage mich schon, ob sie über die Leckage nicht informiert wurden, oder ob sie das Problem in ihrer Pressekonferenz am 4. August vor dem Reaktor einfach verschwiegen haben“, sagte Lemke der dpa. „Es stellt sich auch die Frage, warum Minister Glauber, immerhin Chef der bayerischen Atomaufsicht, nicht auf das Problem hingewiesen hat. Das ist einfach unseriös“, sagte sie weiter.

    „Fragen der Sicherheitsanforderungen werden von CDU und CSU systematisch ignoriert“

    „Wir sind gerade dabei, die veränderte Situation zu bewerten und Schlussfolgerungen zu ziehen“, erklärte Lemke. Neben der nötigen Reparatur im Oktober bedürfe es für einen Notfallreservebetrieb ab Januar noch zusätzlich einer Gesetzesänderung, betonte die Ministerin. Deshalb stünden nun Gespräche mit dem Betreiber an. „Richtig ist, dass jetzt sehr zeitnah vom Betreiber entschieden werden muss, ob er diese Reparaturen durchführt“, sagte Lemke.

    Das aufgetretene Leck mache deutlich, „dass Fragen der Sicherheitsanforderungen bei der politischen Debatte über eine Laufzeitverlängerung von CDU und CSU systematisch ignoriert werden“, kritisierte die Ministerin. „Die neue Wendung ist für mich auch eine Bestätigung, dass eine Laufzeitverlängerung von drei bis vier Jahren nicht verantwortlich und auch nicht einfach möglich ist“, bekräftigte die Grünen-Politikerin.

    Der Bund Naturschutz (BN) fordert die sofortige Abschaltung des Atommeilers. „Die schockierenden Informationen des Atomkraftwerksbetreibers Preussen-Elektra über einen anscheinend bis vor kurzem entweder nicht entdeckten oder vertuschten Schaden eines kaputten Ventils im Reaktor bestätigen die Befürchtungen des Bundes Naturschutz: Das Atomkraftwerk ist nicht sicher und muss schleunigst abgeschaltet werden“, sagte der Landesvorsitzende des BN, Richard Mergner, der Deutschen Presse-Agentur in München.

    Weiter sagte Mergner mit Blick auf die von Ministerpräsident Söder geführte Landesregierung: „Statt ihre Energie in Ablenkdiskussionen über den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken zu verpulvern, sollten CSU und Freie Wähler endlich ein engagiertes bayerisches Energiesparkonzept und die massive Beschleunigung des Ausbaus von Wind- und Sonnenenergie beschliefen, bewerben und und umsetzen.“

    Seit Russland im Zuge seines Angriffskrieges gegen die Ukraine weniger Gas nach Deutschland liefert, wird über einen längeren Betrieb der drei verbliebenen Atomkraftwerke diskutiert. Pläne von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sehen vor, zwei Kraftwerke für den Fall von Engpässen noch bis Mitte April einsatzbereit zu halten: Isar 2 und Neckarwestheim in Baden-Württemberg. Nach dem unter der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beschlossenen Atomausstieg sollten eigentlich alle deutschen Atomkraftwerke zum Jahresende vom Netz gehen. Vertreter von FDP, CDU und der in Bayern regierenden CSU plädieren für einen Weiterbetrieb aller drei Kraftwerke.

    Nach Angaben von Preussen-Elektra müsse der Stillstand von Isar 2 bereits im Oktober erfolgen, da die Brennelemente des Reaktorkerns im November eine zu geringe Reaktivität hätten, um die Anlage aus dem Stillstand heraus wieder hochzufahren, teilte das Bundesumweltministerium mit. Bisher habe der Betreiber immer ausgeführt, dass die Anlage bis zum Jahresende mit nahezu voller Leistung laufe.

    Risikofaktoren aufgrund Alter des Atomkraftwerks

    Isar 2 war 1988 erbaut worden. Kritiker der Laufzeitverlängerung hatten immer wieder auf Risiken aufgrund des hohen Alters des Meilers verwiesen. Im Zuge des Atomausstiegs waren auch eigentlich alle zehn Jahre vorgeschriebene Sicherheitskontrollen ausgefallen.

    „Die neuen Angaben enthalten im Vergleich zu jenen, die der Betreiber mit Schreiben vom 25. August gegenüber dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gemacht hat und die in die Auswertung des Stresstests und seine Bewertung eingeflossen sind, einige wesentliche neue Fakten“, betonte der Ministeriumssprecher. Diese müssten nunmehr bei den Planungen für eine Verfügbarkeit des AKW zur Stromproduktion nach dem 31. Dezember 2022 berücksichtigt werden.

    Das BMUV prüfe ebenso wie das Wirtschaftsministerium die neue Sachlage und ihre Auswirkungen für die Konzeption und Realisierung der Bereitschaftsreserve, sagte der Sprecher. Für das Umweltministerium stehe dabei im Vordergrund, dass die derzeit hohen Sicherheitsstandards der deutschen Atomkraftwerke auch weiterhin gewährleistet seien. „Ein besonderes Augenmerk liegt dabei darauf, die Einschätzung der Atomaufsicht des Landes Bayern und des Betreibers im Hinblick auf die Leckage des Ventils zu prüfen.“ Die Deutsche Umwelthilfe betonte, das bekanntgewordene Leck und die dadurch notwendige Reparatur zeigten, dass Isar 2 ein permanentes Sicherheitsrisiko darstelle.

    Für Britta Haßelmann, Co-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, stellen sich nun grundsätzliche Fragen. „Wir müssen leider feststellen, dass die Informationspolitik von Eon zu Isar 2 undurchsichtig ist“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Dass nun neue Informationen über ein Leck aufgetaucht seien, mache sie besorgt, zumal Eon seit Wochen behaupte, das Atomkraftwerk stehe jederzeit bereit, um über den 31. Dezember hinaus weiterzulaufen. Eon ist die Muttergesellschaft von Preussen-Elektra.

    Der Fraktionschef der Grünen im bayerischen Landtag, Ludwig Hartmann, bezeichnete die Kommunikation des Betreibers Preussen-Elektra als irritierend. Die Aussage, die Reparatur müsse bereits im Oktober erfolgen, weil im November die Reaktivität nicht mehr ausreiche, um wieder anzufahren, stehe im Gegensatz zu früheren Aussagen, der Reaktor würde bis zum 31. Dezember volle Leistung fahren.

    Von

    dpa

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