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24.02.2022

18:30

Energiemärkte

Plus 60 Prozent beim Gas: Russlands Angriff auf Ukraine sorgt für kräftigen Anstieg der Energiepreise

Von: Kathrin Witsch

Auch Öl und Strom werden noch einmal deutlich teurer. Die Angst vor einer weiteren Verknappung der Liefermengen infolge des Kriegsgeschehens wächst.

Im Moment sind die Speicher in Europa zu knapp über 30 Prozent gefüllt. dpa

Leitungssystem für Heizgas

Im Moment sind die Speicher in Europa zu knapp über 30 Prozent gefüllt.

Düsseldorf Die Energiemärkte haben am Donnerstag heftig auf den Angriff Russlands auf die Ukraine reagiert. Besonders am Gasmarkt schnellten die Preise, angetrieben von wachsender Angst vor einer weiteren Verknappung der Liefermengen, rasant nach oben: An der niederländischen TTF-Börse kostete ein Megawattstunde (MWh) Erdgas zwischenzeitlich über 144 Euro und legte damit innerhalb von wenigen Stunden um 64 Prozent zu.

Die Drohung von Russlands Ex-Präsident Dimitri Medwedew, dass sich die Gaspreise in Europa nach dem vorläufigen Aus für die Pipeline Nord Stream 2 nun verdoppeln, könnte sich schneller bewahrheiten als befürchtet. Medwedew hatte am Dienstag Gaspreise für die Europäer von „bald 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas“ prognostiziert. Zum Zeitpunkt seiner Aussage lag der Preis an der Amsterdamer Börse bei 830 Euro oder 79 Euro je Megawatt. 

Auch Öl ist deutlich teurer: Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent sprang auf 103 Dollar, von knapp 97 US-Dollar am Vorabend. Auch die US-Sorte WTI legte um mehr als sechs Prozent zu. 

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Donnerstagmorgen den Angriff der Ostukraine offiziell angeordnet. US-Präsident Joe Biden, die westlichen Verbündeten und die Nato verurteilten Putins Vorgehen scharf und kündigten weitere Sanktionen an.

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    Hatten die Preise für Kohle, Öl und Gas im Laufe der Woche noch recht moderat auf die Vorgänge im Osten Europas reagiert, zogen die Preise nun deutlich an. „Der Markt preist also eine massive Angebotsverknappung ein“, beschreibt Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch die Reaktion der Märkte.

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    Gasexperte Michael Stoppard vom Marktforschungsunternehmen IHS Markit sagte dem Handelsblatt: „Den bislang höchsten Gaspreis haben wir im Dezember gesehen, wo eine Megawattstunde Erdgas 180 Euro kostete. Jetzt könnte dieser Rekordpreis sogar noch übertroffen werden.“ Dass die Preise allerdings monatelang auf einem solchen Niveau bleiben, glaubt Stoppard nicht. 

    Dank milderer Temperaturen und eines absehbaren Endes der Heizperiode hat Putin eine seiner größten Drohkulissen zumindest kurzfristig verloren. Im Moment befinden sich die europäischen Speicherstände zwar immer noch auf einem niedrigen Niveau, sind im Schnitt nur zu knapp über 30 Prozent gefüllt. Damit liegen sie jedoch laut dem Marktforschungsunternehmen ICIS wieder im „normalen Bereich“.

    Lieferunterbrechungen aus der Ukraine sind wahrscheinlich

    „Wir glauben, dass eine Störung der Gasflüsse aus Russland, vor allem durch die Ukraine, möglich ist. Das bezieht sich aber vor allem auf Folgen durch die militärischen Aktionen Russlands“, sagt Stoppard. Dass Moskau Gaslieferungen an Europa bewusst einstellt, sprich Lieferverträge bricht, halte er aber weiterhin für unwahrscheinlich. 

    Infografik: Deutsche Erdgas-Reserven schrumpfen schnell | Statista

    Die Pipelines, die Europa und Deutschland mit Erdgas versorgen, verlaufen zum Teil durch die Ukraine. Darunter sind die „Bruderschaft“-Pipeline mit einer Kapazität von 100 Milliarden Kubikmeter und die Sojus-Pipeline mit 32 Milliarden Kubikmeter Kapazität. Sollten die Verbindungen beschädigt oder zerstört werden, gelangt Erdgas aber auch durch Nord Stream 1 quer durch die Ostsee und durch die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Westeuropa. 

    Die Gesamtkapazität dieser Pipelines ist insgesamt deutlich höher als die jährlichen Gasimporte. 2021 flossen lediglich 40 von 183 Kubikmetern durch die Ukraine. Ein Ausfall wäre also mit Blick auf die Versorgungssicherheit über die restlichen Leitungen kompensierbar. 


    Etwas anders sieht es am Ölmarkt aus: Sollte es zu einem teilweisen Ausfall der russischen Öllieferungen kommen, könnten die anderen großen Produzentenländer das nur bedingt ausgleichen. Russland ist einer der größten Erdöllieferanten für Europa, allein Deutschland importierte im Jahr 2020 knapp 179 Millionen Barrel.

    Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) können innerhalb kurzer Zeit aber nur 2,2 Millionen Barrel pro Tag an freien Förderkapazitäten aktiviert werden. In einem Zeitraum von 90 Tagen sind es immerhin 5,1 Millionen Barrel. Die USA, Japan und Australien erwägen außerdem, die Notfallreserven anzuzapfen, sollte es zu Versorgungsengpässen kommen.

    In jedem Fall dürfte der Krieg zwischen der Ukraine und Russland die Energiepreise auch in Zukunft weiter steigen lassen. Auch die Preise für Kohle ziehen seit vier Tagen an. Das trifft vor allem Verbraucher in Europa hart, die bereits seit Monaten unter Rekordpreisen für Strom, Öl und Gas leiden.

    Deutschland importierte im Jahr 2020 knapp 179 Millionen Barrel aus Russland. dpa

    Ölfeld in Russland

    Deutschland importierte im Jahr 2020 knapp 179 Millionen Barrel aus Russland.

    „Bislang dachte man, dass sich die Preise 2023/2024 wieder normalisieren. Diese Krise verschiebt jedoch auch das Absenken der Preise nach hinten. Und das wäre für Industrie und Verbraucher eine riesige Belastung“, erklärt Energieanalyst Fabian Huneke von Energy Brainpool. 

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    Schon nach wenigen Tagen haben sich auch die sogenannten „Futures“, also eben solche Kontrakte für 2023/2024, verteuert. Der Strompreis für das kommende Jahr stieg am Terminmarkt um knapp 14 Prozent auf fast 157 Euro je Megawattstunde. Bis zum Mittwochabend war derselbe Kontrakt seit Wochenbeginn nur um sieben Prozent gestiegen.

    Die Energiekosten waren schon in den vergangenen Monaten ein Haupttreiber der Inflation.

    Und die aktuellen Entwicklungen in der Ukraine haben weitere Preissteigerungen ausgelöst. Ökonomen fürchten nun eine weitere Verschärfung der Teuerung. Und die Energiekosten dürften in einer Kettenreaktion noch weitere Preise treiben – wie die von Düngemitteln, Aluminium oder auch Papier.

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