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16.11.2022

13:10

Energietechnik

Drei Hebel, mit denen Siemens Energy aus der Verlustzone kommen kann

Von: Axel Höpner

Der Dax-Konzern berichtet weiter rote Zahlen – trotzdem reagiert die Börse positiv. Das liegt vor allem daran, dass Vorstandschef Christian Bruch konkrete Pläne für den Aufschwung präsentiert.

Das Geschäft mit den erneuerbaren Energien ist das große Sorgenkind von Siemens Energy. Reuters

Windrad von Siemens Gamesa

Das Geschäft mit den erneuerbaren Energien ist das große Sorgenkind von Siemens Energy.

München Nach gestiegenen Verlusten will Siemens-Energy-Chef Christian Bruch jetzt die Trendwende schaffen. „Es braucht weltweit unvorstellbare Investitionen in die Energieinfrastruktur, und wir profitieren davon“, sagte er am Mittwoch. Mithilfe der geplanten Vollintegration der Krisentochter Siemens Gamesa wolle der Konzern bis 2024 den Sprung in die Gewinnzone schaffen.

Siemens hatte seine Energietechnik vor gut zwei Jahren ausgegliedert und als Siemens Energy an die Börse gebracht. Während sich die margenschwache Kraftwerkssparte „Gas and Power“ seither dank Restrukturierung gut entwickelte, kam die Erneuerbare-Energien-Tochter Siemens Gamesa trotz eines mehrmaligen Chefwechsels nicht aus der Krise. Das zeigt sich in der Bilanz.

Die aktuelle Zahlenlage

Siemens Energy schreibt weiter tiefrote Zahlen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr stieg der Nettoverlust von 560 auf 647 Millionen Euro. Der Umsatz sank auf vergleichbarer Basis leicht auf 29 Milliarden Euro.

Investoren und der Großaktionär Siemens hatten daher in den vergangenen Wochen den Druck auf Bruch erhöht. „Siemens Energy muss jetzt alle Kräfte bündeln, um die Probleme in den Griff zu bekommen“, sagte Daniela Bergdolt, Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Bruch stellte für das laufende Geschäftsjahr 2022/23 (30. September) eine „sehr starke“ Reduzierung der Verluste in Aussicht. Der Umsatz soll um vergleichbar drei bis sieben Prozent steigen. Dabei setzt der CEO auf mehrere Hebel.

1. Vollintegration von Siemens Gamesa

Der größte Hebel liegt bei Siemens Gamesa. Die Tochter mit den erneuerbaren Energien machte im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von knapp einer Milliarde Euro – obwohl der Verkauf eines Windparkentwicklungsportfolios in Südeuropa 600 Millionen Euro zum operativen Ergebnis beitrug. Problem sind die hohen Materialkosten, unter denen die ganze Branche leidet, aber auch schlecht gemanagte Projekte.

In Aufsichtsratskreisen von Siemens Energy wird inzwischen eingeräumt: „Die Integration haben wir schlecht gemacht.“ Bruch sagt, er habe sich nach dem Start von Siemens Energy stark um das margenschwache Kraftwerksgeschäft „Gas and Power“ gekündigt und weniger um Siemens Gamesa. „Das würde ich beim zweiten Mal anders machen.“

Doch nun sind nach Einschätzung Bruchs und auch in Aufsichtsratskreisen die Weichen gestellt. Wichtigster Schritt ist die Komplettübernahme und die geplante Vollintegration. Vier Milliarden Euro will sich Siemens Energy die Übernahme der außenstehenden 35 Prozent kosten lassen.

Daneben will Bruch mehr Synergien zwischen Onshore- und Offshore-Windrädern nutzen und die Anlagen für Land und hohe See zum Beispiel in denselben Fabriken bauen. Beim Design der Anlagen sollen gemeinsame Module genutzt werden. Hoffnung macht laut Aufsichtsratskreisen der Auftragseingang, bei dem Siemens Gamesa zuletzt mehr als eine Million pro Megawatt erzielt habe. Zuvor waren es 600.000 bis 700.000 Euro.

„Ich bin auch Aktionär der Firma und extrem unzufrieden mit meinem Portfolio.“ Reuters

Siemens-Energy-Chef Christian Bruch

„Ich bin auch Aktionär der Firma und extrem unzufrieden mit meinem Portfolio.“

2. Mehr Transparenz und schlankere Strukturen

Auch im Gesamtkonzern sieht Bruch Handlungsbedarf. „Wir können einen noch besseren Job darin machen, die Firma zu erklären.“ Er will die Transparenz in den Zahlen erhöhen. So soll zum Beispiel das lukrative Geschäft mit den Stromnetzen einzeln ausgewiesen werden. Gerade erst konnte sich der Konzern etwa Großaufträge für die Anbindung von zwei Offshore-Windparks in Deutschland und für eine Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) zwischen Großbritannien und Deutschland sichern.

Zudem sollen schlankere Strukturen helfen, die Profitabilität zu verbessern. Bruch strich fünf von elf Führungsebenen und 30 Prozent der Managementpositionen, was für viel Unruhe im Konzern sorgte.

Fortschritte gab es vor allem in der Kraftwerkssparte „Gas and Power“, die noch vor wenigen Jahren als ewiger Sanierungsfall galt. Die Sparte konnte den Auftragseingang im Geschäftsjahr 2021/22 vergleichbar um fast ein Viertel auf 26,9 Milliarden Euro steigern. Die operative Marge vor Sondereffekten stieg auf ordentliche 4,9 Prozent.

3. Gute Geschäfte durch die Energiewende

Auf längere Sicht dominiert bei Siemens Energy die Zuversicht. „Wir brauchen die Windenergie in der Energiewende“, sagt Bruch. Auch sei der Ausbau der Stromnetze in Europa dringend erforderlich, wenn die Wirtschaft im Wettbewerb zum Beispiel mit den USA konkurrenzfähig sein wolle. Dass die Nachfrage da ist, zeigt auch der Rekordauftragsbestand in Höhe von fast 100 Milliarden Euro, den der Konzern in den nächsten Jahren abarbeiten kann.

So reagiert die Aktie von Siemens Energy

Der Aktienkurs stieg angesichts des eher positiven Ausblicks nach Vorlage der Bilanz zwischenzeitlich um mehr als fünf Prozent auf mehr als 15 Euro. In diesem Jahr war der Kurs wegen der Probleme bei Gamesa und der Unsicherheit, wann 35-Prozent-Großaktionär Siemens seine Anteile weiter reduziert, allerdings um ein Drittel gefallen.

Er verstehe, dass Siemens mit der Performance von Siemens Energy unzufrieden sei, sagte Bruch: „Ich bin auch Aktionär der Firma und extrem unzufrieden mit meinem Portfolio.“ Wenn Siemens weiter reduziere, sei man daran interessiert, einen anderen Ankeraktionär zu finden.

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