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15.07.2021

13:10

Energietechnik

Gewinnprognose kassiert: Siemens Energy bekommt Windkraft-Probleme nicht in den Griff

Von: Axel Höpner, Kathrin Witsch

Der Aktienkurs des Dax-Konzerns bricht nach der Senkung der Renditeerwartungen ein. Grund sind erneut die Schwierigkeiten der Tochter Siemens Gamesa.

Die Tochter von Siemens Energy kämpft seit Jahren mit Problemen. Reuters

Windrad von Siemens Gamesa

Die Tochter von Siemens Energy kämpft seit Jahren mit Problemen.

München, Düsseldorf Das neue EU-Klimapaket „Fit for 55“ verspricht dem Dax-Konzern Siemens Energy eigentlich gute Perspektiven. Erneuerbare Energien und neue Stromleitungen werden in den kommenden Jahren gefragt sein, wenn die verschärften CO2-Ziele erreicht werden sollen.

Doch am Tag nach Verkündung des Pakets brach der Aktienkurs von Siemens Energy am Donnerstag zwischenzeitlich um elf Prozent auf 23 Euro ein. Die Gründe sind hausgemacht: Die Siemens-Abspaltung muss wegen neuer Probleme bei der Windkrafttochter Siemens Gamesa Renewable Energy die Gewinnerwartungen für das Gesamtjahr senken. Laut Branchenkreisen wächst in München die Verärgerung über die Tochter.

Siemens Gamesa hatte mitgeteilt, dass im laufenden Geschäftsjahr, das am 30. September endet, mit operativen Verlusten gerechnet werden müsse. Vor Integrations- und Restrukturierungskosten werde nun eine operative Umsatzrendite von null bis minus ein Prozent erwartet. Auf unrentable Projekte wie in Brasilien schreibt Siemens Gamesa 229 Millionen Euro ab.

Auch steigt der Umsatz von Siemens Gamesa nicht so stark wie erhofft. Für das gerade beendete dritte Quartal rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von 2,7 Milliarden Euro und einem operativen Verlust von 150 Millionen Euro.

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    Als Folge erwartet der Mutterkonzern Siemens Energy nun nicht mehr, die eigenen Gewinnziele zu erreichen. Das Unternehmen hatte eine operative Umsatzrendite vor Sondereffekten von drei bis fünf Prozent in Aussicht gestellt. Beim Umsatz will Siemens Energy dagegen das bereits im Frühjahr gesenkte Ziel eines Zuwachses von drei bis acht Prozent im Gesamtjahr erreichen.

    Seit dem Zusammenschluss der Siemens-Windkraft mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa im Jahr 2017 hatte der neue Konzern mit mehreren Gewinnwarnungen überrascht. Siemens Energy hat nur bedingten Zugriff, da Siemens Gamesa ein eigenständiges börsennotiertes Unternehmen ist. Die Münchener halten 67 Prozent der Anteile. Für eine Komplettübernahme fehlt Siemens Energy derzeit nach Einschätzung in Branchenkreisen das Geld. Siemens-Energy-Chef Christian Bruch hatte gesagt, ein Kauf der restlichen Anteile sei derzeit keine Option.

    Grafik

    Neuer Chef hat Probleme noch nicht gelöst

    Siemens Energy sehe die erneuten Probleme bei Siemens Gamesa „mit wachsender Sorge“, berichten Insider. Alle Windkraft-Anbieter litten unter den gestiegenen Rohstoffpreisen. Doch gebe es bei Siemens Gamesa eindeutig auch hausgemachte Probleme. Es hakt vor allem beim Hochlauf der neuen Windkraftanlagen-Generation 5.X.

    Diese ist die erste gemeinsam entwickelte Plattform von Siemens Gamesa für Windräder an Land und die bislang leistungsstärkste Onshore-Turbine mit Getriebe. Einen ersten Großauftrag erhielt das Unternehmen aus Brasilien. Allerdings ist dort ein Anteil lokaler Fertigung gefordert – und der Aufbau der Produktion bereitete Schwierigkeiten.

    Die Probleme liegen also im Onshore-Bereich, in dem vor allem Gamesa vor der Fusion stark war. Um diese in den Griff zu bekommen, hatte Siemens Energy vor einem Jahr den Chef der Tochter ausgetauscht. Andreas Nauen, der zuvor den erfolgreicheren Offshore-Bereich der Windräder auf hoher See geführt hatte, sollte für Ordnung sorgen.

    „Wir sind zu riskante Projekte eingegangen und haben zu optimistisch geplant, in einem Leistungsumfang, den wir gar nicht so gut beherrschen“, räumte Nauen im Februar im Gespräch mit dem Handelsblatt ein. Außerdem sei das Netz mit vielen, zum Teil kleinen Werken zu komplex gewesen.

    Doch auch ein Jahr später halten die Probleme an. Nauen habe einiges angestoßen, hieß es in Branchenkreisen. „Doch am Ende werden alle am Erfolg gemessen.“ Siemens Energy hält sich bedeckt, ein Sprecher wollte sich mit Verweis auf die Eigenständigkeit des Unternehmens nicht zu den Problemen bei Siemens Gamesa äußern.

    Die Windkraftbranche insgesamt hat derzeit mit Herausforderungen zu kämpfen. Schon vor Monaten hatten die Anbieter Preiserhöhungen angekündigt. Der Grund: Die Kosten für Stahl, eines der Hauptmaterialen für Windkraftanlagen, sind allein in diesem Jahr schon um mehr als 25 Prozent gestiegen.

    In den vergangenen Jahren kämpfte die Windbranche mit einem harten Preiswettbewerb. Das drückte zwar die Kosten für Windkraft, zehrte aber auch an den Margen der Hersteller. Marktführer Vestas rutschte nur knapp an einer Gewinnwarnung vorbei. Der Umsatz des dänischen Windkraftanlagenbauers gab im ersten Quartal um zwölf Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro nach.

    Der Manager sollte bei Siemens Gamesa für Ordnung sorgen. Siemens Gamesa

    Andreas Nauen

    Der Manager sollte bei Siemens Gamesa für Ordnung sorgen.

    Der um Sondereffekte bereinigte Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) fiel mit 71 Millionen Euro um fast ein Drittel höher als vor einem Jahr aus. Mit einem Rekordauftragsbestand von 45 Milliarden Euro sieht sich Konzernchef Henrik Anders aber gut gerüstet, um die Jahresziele zu erreichen, auch wenn das Geschäft in den ersten drei Monaten etwas schwächer als erwartet lief.

    EU-Klimaziele sorgen für hohen Bedarf

    Langfristig aber sind die Perspektiven gut. Will die EU ihre am Mittwoch erhöhten Klimaziele erreichen, brauche es über 450 Gigawatt an neuen Windkraftkapazitäten allein in den kommenden zehn Jahren, erklärte der europäische Branchenverband Wind Europe. Das sind rund 30 Gigawatt neuer Windleistung pro Jahr. Aktuell liegt der Zubau nur bei 15 Gigawatt pro Jahr.

    Im Fokus steht dabei vor allem die Offshore-Windkraft. Das würde einen erheblichen Boom für die angeschlagenen Windriesen bedeuten – besonders für Siemens Gamesa. Der Turbinenhersteller ist die Nummer eins auf dem Offshore-Markt.

    Für Siemens Energy sind die Schwierigkeiten bei der Tochter derzeit nicht das einzige Problem. In der vergangenen Woche platzten die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern über den geplanten Stellenabbau in Deutschland.

    Doch in der betroffenen Kraftwerkssparte „Gas and Power“ läuft es derzeit zumindest ordentlich. Wie prognostiziert werde der Umsatz des Segments im laufenden Geschäftsjahr um zwei bis sechs Prozent wachsen, bei einer operativen Umsatzrendite von 3,5 bis 5,5 Prozent.

    Siemens hatte noch unter Ex-Chef Joe Kaeser die margenschwache Energietechnik als Siemens Energy abgespalten und an die Börse gebracht. Das neue Unternehmen stieg rasch in den Dax auf.

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