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03.01.2022

04:00

Energietechnik

Investoren machen Druck auf Siemens Energy: „Vollintegration von Gamesa wäre die beste Lösung“

Von: Axel Höpner

Fondsvertreter wollen bei der Windkrafttochter endlich Stabilität und Erfolge sehen. Am besten wäre nach ihrer Einschätzung eine Komplettübernahme.

Ausgerechnet die Windkraft-Sparte Siemens Gamesa sorgt beim Mutterkonzern Siemens Energy für Unsicherheit. Paul Langrock/laif

Windkraft in Not

Ausgerechnet die Windkraft-Sparte Siemens Gamesa sorgt beim Mutterkonzern Siemens Energy für Unsicherheit.

München Ein Jahr nach dem eigenständigen Börsengang geht es für Siemens Energy weiter auf und ab. Vor allem die Probleme bei der Windkrafttochter Siemens Gamesa drücken immer wieder den Kurs – und damit die Stimmung der Investoren.

Sie machen nun Druck auf die Führung des Dax-Neulings. „Die operative Leistungsfähigkeit muss so schnell wie möglich gesteigert werden, um ein komfortables Profitabilitätsniveau zu erreichen und das Portfolio dann auf Wachstumsfelder auszurichten“, sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, dem Handelsblatt.

Sie fordern, dass Siemens Energy endlich die Probleme im Geschäft mit den erneuerbaren Energien in den Griff bekommt – und Gamesa möglichst in den Konzern integriert.

Die Siemens AG hatte ihre margenschwache Energietechnik vor gut einem Jahr abgespalten und an die Börse gebracht. Der neue Konzern wurde rasch in den Dax aufgenommen.

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    Die Aktie startete im September 2020 zu einem Kurs von 22 Euro und stieg rasch auf über 34 Euro. Doch danach ging es bergab. Der Kurs hat sich in den vergangenen Monaten zwischen 21 und 25 Euro eingependelt. „Im Hinblick auf den Aktienkursverlauf konnten die Vorteile der Eigenständigkeit noch nicht ausgespielt werden“, resümiert Speich.

    Grafik

    Es habe sich gezeigt, dass eine Abspaltung „nicht zwingend ein kurzfristiger Werttreiber für das abgespaltene Unternehmen“ ist. Profitiert habe bislang vor allem die Siemens AG.

    Auch Harald Smolak, Ex-Siemens-Manager und jetzt Partner bei der Managementberatung Atreus, sagt: „Während die Aufspaltung für das heutige Kerngeschäft ein Segen war, lief das erste Jahr in Eigenständigkeit für Siemens Energy doch sehr holprig.“ Siemens-Energy-CEO Christian Bruch habe eine „Herkules-Aufgabe“ vor sich.

    Die Herausforderungen für Siemens Energy sind groß. Im Geschäftsjahr 2020/21 (per 30. September) stiegen die Umsätze zwar um knapp vier Prozent auf 28,5 Milliarden Euro. Unter dem Strich stand aber ein Nettoverlust von 560 Millionen Euro.

    Die Windkraft-Tochter Gamesa sucht Stabilität

    Die größten Probleme bereitet ausgerechnet das Geschäft mit erneuerbaren Energien – eigentlich die große Zukunftshoffnung. Vor allem das Geschäft mit der Onshore-Windkraft an Land, das zu großen Teilen die Spanier von Siemens Gamesa beigesteuert hatten, läuft nicht rund.

    Daher wurde das Management von Gamesa inzwischen komplett ausgetauscht. Siemens-Energy-Chef Christian Bruch zeigte sich zuversichtlich, dass nun Besserung in Sicht ist. „Die eingeleiteten Maßnahmen zeigen Wirkung.“

    Das ist auch dringend notwendig. „Gamesa ist zweifellos die größte Baustelle, die gelöst werden muss“, sagt Berater Smolak. Es brauche dringend „Stabilität im operativen Bereich“. Die neue Führung von Siemens Gamesa müsse beweisen, dass „sie die richtigen Weichen für straffes Projektmanagement stellen kann“.

    Im Geschäftsjahr 2020/21 stand ein Nettoverlust von 560 Millionen Euro. unsplash

    Windrad von Siemens Gamesa

    Im Geschäftsjahr 2020/21 stand ein Nettoverlust von 560 Millionen Euro.

    Das Problem bleibt die Struktur, die Bruch bei seinem Amtsantritt vorgefunden hat: Siemens Gamesa ist ein eigenständiges, börsennotiertes Unternehmen. Siemens Energy hat keinen vollen Durchgriff, kann nur über den Aufsichtsrat kontrollieren.

    Die Lösung liegt für die Investorenvertreter auf der Hand. „Durch eine Vollintegration könnte Siemens Energy einfacher durchregieren, Strukturen aufbrechen und Entscheidungswege verschlanken“, sagt Speich von Deka Investment.

    Die Integration kann Siemens Energy nicht bezahlen

    Auch Vera Diehl von Union Investment ist überzeugt: „Natürlich wäre eine Vollintegration von Siemens Gamesa die beste Lösung.“ Kurzfristig habe Siemens Energy dafür aber nicht den finanziellen Spielraum. „Daher muss das Managementteam von Siemens Energy die Prozesse von Gamesa ganz eng begleiten.“

    Eine bar finanzierte Übernahme könnte sich Siemens Energy nicht leisten. Als wahrscheinlichere Variante bleibt ein Aktientauschangebot. Energy-Chef Bruch hat eine Komplettübernahme bisher zumindest nicht ausgeschlossen.

    Siemens-Energy-Vorstand Jochen Eickholt erklärte im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Dazu ist doch schon alles gesagt: Siemens Gamesa ist bei Offshore und Service super, Onshore bereitet Probleme. Probleme mit Projekten und Neuentwicklungen liegen aber nicht an der Eigentümerstruktur.“

    Das seien operative Themen. „Uns ist sehr wichtig, dass die Hausaufgaben bei Siemens Gamesa jetzt gemacht werden.“ Ein Wechsel der Eigentümerstruktur mache erst dann Sinn, wenn man „einen klaren Plan hat, wie daraus Mehrwert für Firma und Aktionäre geschaffen werden kann“.

    Experten erwarten langfristig Erfolg

    Auf längere Sicht sind die Experten und Analysten durchaus zuversichtlich für die Windkraftsparte und Siemens Energy im Gesamten. „Wir sehen das Unternehmen insgesamt auf einer guten Schiene“, sagt Vera Diehl von Union Investment.

    Siemens Energy habe in seinen Segmenten gute Marktpositionen, viel technologisches Know-how und die starke Marke Siemens. „Siemens Energy deckt wichtige Megatrends ab, wie zum Beispiel den steigenden Energiebedarf in den nächsten Jahren“, so Diehl weiter.

    Auch Atreus-Partner Smolak glaubt an Siemens Energy: „Alternative, grüne Energie ist das zentrale Thema für fast alle Industrien, und Siemens Energy hat die Basistechnologie, um in diesem Markt ganz vorne mitspielen zu können.“ Aufsichtsratschef Joe Kaeser könne dabei eine wichtige Rolle spielen. „Ihm ist es in der Vergangenheit schon häufig gelungen, unbequeme Entscheidungen gegenüber traditionellen Stakeholdern durchzusetzen – wie etwa bei der Aufspaltung.“

    Weniger optimistisch sind die Analysten bei den anderen Segmenten. „Mit der klassischen Öl- und Gasindustrie ist zukünftig nicht mehr viel zu verdienen“, sagt Speich von der Deka. Deshalb müsse Siemens Energy das Geschäftsmodell zügig umbauen. „Neben dem Ausbau des margenstabilen Servicegeschäfts müssen insbesondere das Stromübertragungsgeschäft, die Stromspeicherung und die grüne Wasserstoffwirtschaft weiterentwickelt werden.“

    Fondsmanagerin Diehl glaubt, dass der Führung das gelingen kann. Das Management sei „sehr visibel und für Investoren erreichbar“. Seit dem Spin-off aus dem Hauptkonzern sei eine größere Transparenz im Zahlenwerk geschaffen worden. Wenn konzentriert weitergearbeitet werde, würden bald auch die Anleger reagieren. „Die Aktie ist viel zu billig für das Potenzial, das sie bietet.“

    Wenn die Konzernleitung nun weiter Kosten einspare, das Portfolio optimiere und die Probleme bei Siemens Gamesa in den Griff bekomme, habe der Dax-Konzern gute Zukunftschancen. Mittelfristig wecke dann das Thema Wasserstoff gar noch weitere Wachstumsfantasien.

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