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24.06.2022

06:00

Energieversorgung

Gaskrise: Eon-Chef Birnbaum fordert Fracking in Deutschland

Von: Kathrin Witsch

Der Chef des deutschen Energieversorgers Eon fordert eine Rückkehr zur heimischen Erdgasförderung. Einer AKW-Laufzeitverlängerung erteilt er hingegen eine Absage.

Eon-Chef Birnbaum fordert überraschend Rückkehr zu mehr heimischer Erdgasförderung. dpa

Eon

Eon-Chef Birnbaum fordert überraschend Rückkehr zu mehr heimischer Erdgasförderung.

Düsseldorf Deutschlands Energieversorgung für den nächsten Winter steht angesichts von immer weniger Erdgas aus Russland auf dem Spiel. Jetzt fordert Eon-Chef Leonhard Birnbaum die Produktion von Gas in Deutschland selbst. „Wir müssen uns die Frage stellen: Können wir in Deutschland zusätzliche Felder erschließen?“, sagte Birnbaum in einem Podcast der „Wirtschaftswoche“.

„Wir müssen jetzt ohne Tabus nach allen Lösungen suchen, die uns helfen, unsere Situation zu verbessern. Eine Erhöhung der inländischen Produktion in bescheidenem Ausmaß wäre nicht die Lösung, aber ein kleiner Baustein, der auch helfen kann.“

Eine Verlängerung der Laufzeiten der drei am Netz verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland sieht Birnbaum skeptisch. „Es ist alles möglich, wenn man bereit ist, Geld in die Hand zu nehmen, wenn man bereit ist, entsprechende Voraussetzungen zu schaffen. Aber das Thema ist durch.“ Vielmehr sei die inländische Gasproduktion ein Teil der Lösung, „wir sollten die inländische Produktion absolut maximieren“.

Am Donnerstag hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die zweite Stufe des Notfallplans Gas für Deutschland ausgerufen. Grund sind drastisch gesunkene Gasflüsse aus Russland.

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    Er forderte Wirtschaft und Verbraucher auf, den Gasverbrauch überall dort zu drosseln, wo es möglich sei, sonst komme man spätestens im nächsten Frühjahr in eine Mangellage. 

    Debatten über Fracking und Atomkraft

    Angesichts der drohenden Versorgungskrise entbrennen seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine hierzulande immer wieder Debatten über den Einsatz tot geglaubter Erzeugungsformen. So forderten mehrere Politiker der Union, einige Ökonomen und andere Experten eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke. 

    Aktuell sind noch drei Meiler am Netz, die rund sechs Prozent der aktuellen Stromversorgung stellen. Ende des Jahres werden sie wie im Atomausstiegsgesetz vorgeschrieben vom Netz genommen. Bislang bleibt die Bundesregierung dabei, dass eine Laufzeitverlängerung keine Option ist. 

    Auch eine Rückkehr zu mehr heimischer Erdgasförderung hatte Habeck bislang stets ausgeschlossen. „Die Debatte über Fracking nützt uns jetzt in dieser Zeit überhaupt nichts. Es dauert Jahre, wenn man es überhaupt machen will, um solche Vorkommen zu erschließen“, sagte der Minister erst bei einer Veranstaltung am vergangenen Sonntag. 

    Zwar wird aktuell noch Erdgas in Deutschland gefördert, die Mengen sind in den vergangenen Jahren aber immer kleiner geworden. Im Jahr 2021 waren es laut dem Bundesverband Erdgas, Erdöl und Bioenergie noch rund 5,2 Milliarden Kubikmeter, die gerade mal fünf Prozent der Erdgasnachfrage hierzulande decken. Zur Jahrtausendwende betrugen die jährlichen Fördermengen noch rund das Vierfache.

    „Die Erschließung neuer Gasfelder ist in den meisten Fällen wegen Umweltverträglichkeitsprüfungen und einem Berg rechtlicher Genehmigungen gar nicht mehr möglich.“ Aber die angespannte Versorgungssituation erlaube es nicht, die inländische Produktion außen vor zu lassen, argumentiert Birnbaum. 

    Zu der umstrittenen Fracking-Methode sagt der Eon-Manager: „Die Gasfelder, die wir in Deutschland erschließen, sind im Allgemeinen wesentlich tiefer liegend. Der Einstieg in mehr inländische Förderung heißt nicht gleich, dass man amerikanisches Fracking in Deutschland machen muss. Das ist die falsche Gleichsetzung.“

    Beim sogenannten unkonventionellen Fracking wird mit Chemikalien vermischtes Wasser unter hohem Druck in Schiefergestein gepresst und das Gestein großflächig aufgebrochen, um Gas oder Öl zu fördern.

    FDP fordert Prüfung des Frackings

    Umweltschützer lehnen die Methode strikt ab, weil sie befürchten, dass Wasser verschmutzt wird, es zu Erdbeben kommt oder das Treibhausgas Methan unkontrolliert austritt. Fracking ist in Deutschland weitgehend verboten, zu Forschungszwecken können jedoch Vorhaben zugelassen werden.

    Die FDP hatte erst vor Kurzem vorgeschlagen, angesichts der Energiekrise das Verbot der Erdgasförderung in Deutschland durch das Fracking auf den Prüfstand zu stellen. Wer Fracking-Gas aus den USA importiere, könne nicht gegen eine sichere Fracking-Förderung in Deutschland sein, so die Argumentation der Liberalen. Habeck wies den Vorschlag zurück. Man müsse sich stattdessen auf schnell verfügbare Alternativen wie LNG und den Ausbau der erneuerbaren Energien konzentrieren.

    Tatsächlich wird das gehypte Flüssigerdgas (LNG), was Deutschland in den nächsten Jahren vermehrt auch aus den USA importieren will, zu großen Teilen mithilfe der Fracking-Methode gewonnen. Zusätzliche 15 Milliarden Kubikmeter verflüssigtes Erdgas (LNG) aus Nordamerika sollen allein in diesem Jahr an Europas Küsten landen – größtenteils gewonnen aus amerikanischen Fracking-Anlagen. 

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