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02.07.2019

15:36

Energiewende

Blackout-Gefahr: Im deutschen Netz wurde der Strom knapp

Von: Jürgen Flauger, Kathrin Witsch

In den vergangenen Wochen hat Deutschland der nötige Strom gefehlt. Nur mit Hilfe aus dem Ausland haben die Betreiber das Netz stabil halten können.

Im deutschen Netz wurde der Strom knapp. dpa

Umspannwerk eines Netzbetreibers

Im deutschen Netz wurde der Strom knapp.

Düsseldorf In den vergangenen Wochen konnte Deutschland offenbar nur mit Mühe großflächige Stromausfälle vermeiden. Gleich an mehreren Tagen im Juni, am 6., 12. und am 25., war die Situation im Stromnetz kritisch, wie die vier Übertragungsnetzbetreiber Amprion, 50Hertz, Tennet und TransnetBW in einer gemeinsamen Erklärung auf Anfrage bestätigten.

An diesen Tagen sei eine „starke Unterspeisung“ festgestellt worden, hieß es. Im Klartext: Es war zu wenig Strom vorhanden, um die Nachfrage zu decken. Die Frequenz im gesamten europäischen Verbundnetz sank ab. Nur mit kurzfristigen Stromimporten aus dem Ausland konnte das Netz stabil gehalten werden. Über den Engpass hatte zuerst der Branchendienst „Energate“ berichtet.

„Die Situation war kritisch“, hieß es aus Kreisen eines Netzbetreibers. In der Spitze fehlten sechs Gigawatt an Leistung. Das entspricht in etwa der Leistung von sechs großen Kernkraftwerken. Der Puffer, den die Netzbetreiber zum kurzfristigen Eingreifen bisher zur Verfügung gehalten haben, betrug nur drei Gigawatt. „Da durfte nicht mehr viel passieren“, hieß es weiter aus Kreisen.

Die vier Übertragungsnetzbetreiber sind für die überregionalen Stromautobahnen zuständig, die den Strom über weite Entfernungen transportieren, ehe er in den regionalen Netzen verteilt wird. Sie müssen dafür sorgen, dass Angebot und Nachfrage stets im Gleichklang sind, um Stromausfälle zu vermeiden. Das wird mit der Energiewende immer aufwendiger, weil das Angebot von Wind- und Solarenergie schwierig zu prognostizieren ist.
Über die Ursachen der kritischen Lage herrscht aber noch Ungewissheit. Die Hintergründe würden derzeit analysiert, teilten die Netzbetreiber mit: „Mutmaßungen zu den Ursachen möchten wir nicht anstellen.“ 

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    In der Branche wird die Strommarktregulierung kritisiert, die den Stromhändlern falsche Anreize setze. „Wer Regelenergie bereithält, bekommt zunächst Geld dafür, dass er überhaupt lieferbereit ist, und dann noch einmal, wenn diese Ausgleichsenergie auch tatsächlich abgerufen wird“, erklärt Experte Christoph Podewils vom Thinktank Agora. Das ist Kern einer Neuregelung, die die Bundesnetzagentur Ende vergangenen Jahres getroffen hat: des sogenannten Mischpreisverfahrens.

    In den vergangenen Monaten wurde nun immer mehr Regelenergie abgerufen. „Denn seitdem ist der Arbeitspreis im Allgemeinen deutlich niedriger als vor der Neuregelung“, sagt Podewils, „teilweise ist er sogar günstiger als der kurzfristige Strompreis an der Strombörse.“ Händler hätten deshalb Strommengen, die ihnen gefehlt hätten, um ihre Stromlieferverträge zu erfüllen, nicht wie bisher kurzfristig im untertägigen Handel an der Strombörse beschafft, sondern stattdessen in Kauf genommen, dass die fehlenden Liefermengen über den Regelenergiemechanismus ausgeglichen wurden.

    „Das ist der Anreiz, den das Mischpreisverfahren unbeabsichtigt setzt. Dabei ist die Regelenergie für den Notfall gedacht“, sagt Podewils. Wenn nun eine Vielzahl von Händlern die günstigere Regelenergie anstelle von teureren regulären Stromkäufen nutzt, ist am Ende nicht mehr genug Regelenergie verfügbar, und die Gefahr eines Blackouts droht.

    „Die Lage war sehr angespannt und konnte nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden“, teilten die Netzbetreiber in ihrer Stellungnahme mit. Als Konsequenz haben die Unternehmen zum 29. Juni die Menge an Regelenergie, die sie ausschreiben, erhöht. 

    Die Folge war ebenfalls dramatisch: Der Preis für eine Megawattstunde dieser Regelenergie schoss am vergangenen Samstag zwischenzeitlich auf fast 40 000 Euro nach oben. An normalen Tagen kostet sie häufig nicht viel mehr als zehn Euro.

    Mehr: Es ist ein Horrorszenario: Hacker legen das Stromnetz lahm. Die Energiekonzerne nehmen die Gefahr sehr ernst und trainieren ihre Mitarbeiter.

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