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11.11.2021

09:36

Energiewende

„Kernenergie hat sich für Deutschland erledigt“ – Warum die Energiekonzerne keine Rückkehr der Atomkraft wollen

Von: Jürgen Flauger, Kathrin Witsch

Die Atomkraft findet auch in Deutschland wieder mehr Unterstützer. Doch die Atomkonzerne halten wenig davon.

Energie: EON, RWE & EnBW schließen Rückkehr der Atomkraft aus imago stock&people

Eon-Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld

Die Rückkehr zur Kernenergie ist für die großen deutschen Energieriesen kein Thema.

Düsseldorf Microsoft-Gründer Bill Gates, der neue Linde-Chef Sanjiv Lamba oder Ökonom Hans-Werner Sinn – sie alle kritisieren angesichts der gewaltigen Herausforderungen beim Klimaschutz den deutschen Atomausstieg. Auch eine Gruppe aus Atombefürwortern und Bürgerinitiativen schickte am Dienstag ein Schreiben an die Fraktionsvorsitzenden der Parteien und verlangte, die gesetzlich festgelegten Stilllegungen der sechs verbliebenen Kernkraftwerke sofort aufzuheben.

Eine Gruppe hat für diese Diskussion aber überhaupt kein Verständnis – und die ist entscheidend: die Betreiber der sechs verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland, Eon, RWE und EnBW. „Kurz vor Abschalten in Deutschland eine Debatte darüber zu starten, ob Kernkraftwerke einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten, ist befremdlich“, sagte Eon-Chef Leonhard Birnbaum dem Handelsblatt: „Sie kommt viel zu spät und nutzt keinem mehr.“ 

Für RWE ist das „Kapitel Kernenergie“ nach eigenen Angaben „abgeschlossen“. Und Georg Stamatelopoulos, Vorstand nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur bei EnBW, hält auf Anfrage nüchtern fest: „Der Ausstieg aus der Kernenergie ist im Jahr 2011 im politischen und gesellschaftlichen Konsens beschlossen worden und gesetzlich klar geregelt. Die Nutzung der Kernenergie für die Stromproduktion hat sich damit in Deutschland erledigt.“

Tatsächlich ist der 2011 unter Eindruck der Reaktorkatastrophe von Fukushima beschlossene Ausstieg aus der Atomkraft fast abgeschlossen. Von den damals noch 17 Reaktoren sind noch sechs in Betrieb. Drei müssen bis zum Jahresende vom Netz, die restlichen bis Ende kommenden Jahres.

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    Zuletzt ist die Kritik am damaligen Beschluss aber wieder gewachsen. Die Befürworter der Atomkraft argumentieren mit der Versorgungssicherheit und hohen Strompreisen, schließlich sei unklar, wie Deutschland den steigenden Strombedarf und den gleichzeitigen Ausstieg aus der Kohleverstromung verkraften könne. Sie argumentieren aber auch mit dem Klimaschutz, schließlich würden Kraftwerke vom Netz genommen, die nahezu CO2-frei Strom erzeugen.

    Grafik

    „Der deutsche Atomausstieg war sicherlich nicht genial“, sagte jüngst der neue Linde-Chef Lamba im Interview mit dem Handelsblatt. Atomkraftwerke abzuschalten mache es schwerer, „Versorgungssicherheit und günstige Preise zu gewährleisten“, erklärte zuletzt auch Microsoft-Gründer Bill Gates. Und der ehemalige Präsident des Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn bezeichnete den damaligen Beschluss jüngst offen als „Fehler und vor allem eine Kurzschlusshandlung“.

    Vereinzelt fordern sogar Politiker und Manager, den Atomausstieg kurz vor dem Vollzug noch zu stoppen. Ex-BASF-Chef Jürgen Hambrecht sprach sich jüngst beispielsweise für eine Laufzeitverlängerung der sechs verbliebenen deutschen Atomkraftwerke aus. Genauso wie zuvor bereits Volkswagen-Chef Herbert Diess. 

    Frage nach Verlängerung stelle sich nicht

    Das ist aber zum einen politisch unrealistisch – bei einer künftigen Regierungsbeteiligung der Grünen. Zum anderen haben die Atomkonzerne selbst kein Interesse mehr daran.

    „Der Gesetzgeber hat vor Jahren entschieden, dass Kernkraft in Deutschland keine Zukunft hat. Ein Weiterbetrieb unserer Kernkraftwerke über den gesetzlichen Endtermin 2022 hinaus ist für uns kein Thema“, sagt Eon-Chef Birnbaum, „und dabei bleibt es.“

    Die EnBW habe nach dem damaligen Ausstiegsbeschluss eine langfristige Strategie für den Rückbau ihrer Kernkraftwerke ausgearbeitet, die sie seither konsequent umsetze, betonte Vorstand Stamatelopoulos: „Die Frage nach der Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke sowie weitere hypothetische Fragestellungen in diesem Kontext stellen sich deshalb für die EnBW nicht.“

    Und auch der RWE-Konzern wird seine zwei verbliebenen Kernkraftwerksblöcke entsprechend der gesetzlichen Fristen stilllegen: „Danach geht es nur noch um den sicheren und verantwortungsvollen Rückbau der Anlagen.“

    Die Unternehmen haben daran allein wirtschaftlich kein Interesse mehr. Anfangs hatten sie sich noch mit Klagen und Verfassungsbeschwerden gewehrt, aber schon da ging es nicht um den Atomausstieg an sich, sondern um die Konditionen. Die Atomkonzerne forderten schlicht einen angemessenen Schadensersatz.

    Die Frage ist inzwischen geklärt. Vor allem aber wurde entschieden, wer für Rückbau und Entsorgung zuständig ist. Ersteres verbleibt in der Aufgabe der Konzerne, die Entsorgung und die Haftung hat aber ein öffentlicher Atomfonds übernommen. 

    Atomstrom ist teurer als alle anderen Energieformen

    Der Rückbau der Kraftwerke, die Entsorgung von strahlendem Material, die Endlagersuche – all das verschlingt Unsummen. Deutsche Behörden und Forschungsinstitute rechnen deswegen bei Atomstrom mit bis zu 34 Cent pro Kilowattstunde – mit Abstand der höchste Preis aller Energieformen. Für die Konzerne hatte sich das Geschäft mit Atomkraft jahrelang lediglich gelohnt, weil der Staat im Falle eines Supergaus den Großteil der Kosten übernommen hätte. 

    Aber auch für den Ausstieg mussten die Konzerne Milliarden an Rückstellungen einbringen. Für Eon, EnBW und RWE war das zwar ein Kraftakt aber auch ein Befreiungsschlag. Die unkalkulierbaren Risiken bei der Entsorgung der strahlenden Altlasten hatten schwer auf den Aktienkursen gelastet.

    Und obwohl sich die Konzerne lange sperrten, haben sie sich inzwischen allesamt der Energiewende verschrieben. Eon konzentriert sich auf Vertrieb und Netze, EnBW ist einer der größten Betreiber von Offshore-Windparks, und selbst RWE, Deutschlands größter Kohlekonzern, ist inzwischen zu einem vorgezogenen Kohleausstieg bereit und hat die erneuerbaren Energien zum Kerngeschäft erklärt.

    Eine Revision des Atomausstiegs wäre aber kurzfristig und auch im Nachgang kaum noch möglich, wie es in Kreisen der Konzerne heißt. Die Betriebsgenehmigungen würden auslaufen. Neue Genehmigungen würden sich jahrelang ziehen. Verträge mit Partnerfirmen sind längst gekündigt.

    Die Planungen zielten schon „seit Jahren auf das Enddatum des Leistungsbetriebs“, heißt es bei einem Betreiber. „Wir verfügen nicht mehr über den Brennstoff. Und auch das erforderliche Personal, das wir zum Betrieb unserer Anlagen benötigen würden, steht nach der Abschaltung nicht mehr in ausreichendem Maße für einen Leistungsbetrieb bereit.“ Dies betreffe auch die Zulieferer.

    Erneuerbare Energien statt Atomkraft

    So entschieden die Energiekonzerne bei der Kernenergie sind – so sehr fordern sie von der künftigen Bundesregierung aber auch entschlossene Maßnahmen, um die drohende Stromlücke zu schließen. „Um die Ziele der Energiewende und damit den Klimaschutz in Deutschland erfolgreich zu machen, braucht es aus unserer Sicht vor allem Tempo“, fordert RWE. 

    Es gelte jetzt, die Ausbauziele für die erneuerbaren Energien zu erhöhen, den Netzausbau zu beschleunigen und Genehmigungsverfahren etwa für Windenergieanlagen zu verkürzen. RWE sei dabei bereit, beim Zubau von Wind- und Solaranlagen einen großen Beitrag zu leisten und so viele Projekte wie möglich zu realisieren.

    Herausforderungen wie die Dekarbonisierung der Industrie, der Hochlauf der Elektromobilität, die Kopplung mit den Sektoren Wärme und Verkehr könnten „nur mit enormen Investitionen in die Stromverteilnetze und in ihre Digitalisierung“ bewältigt werden, heißt es bei Eon.

    Für Eon-Chef Birnbaum ist aber auch klar, dass über Umwege auch in Deutschland die Atomkraft noch eine Rolle spielen wird: „Natürlich werden insbesondere die Franzosen auch weiter Strom aus Kernenergie in den europäischen Energieverbund einspeisen“, hält Birnbaum fest: „Und egal, wie wir die erneuerbaren Energien ausbauen, Deutschland wird ein Importland für Energie bleiben. Wenn Sie so wollen, ist das das Gegenstück zu unserem Erfolg als einer der Exportweltmeister.“

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