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28.02.2022

21:45

Energiewende

Verlängerung der Atomlaufzeiten: Energiekonzerne offen für Gespräche

Von: Kathrin Witsch, Klaus Stratmann

Wirtschaftsminister Robert Habeck hat längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke ins Spiel gebracht. Nun zeigen sich erste Energiekonzerne offen für ein Gespräch.

Eigentlich sollten die drei letzten Atomkraftwerke in Deutschland Ende des Jahres vom Netz gehen. dpa

Atomkraftwerk Grohnde

Eigentlich sollten die drei letzten Atomkraftwerke in Deutschland Ende des Jahres vom Netz gehen.

Berlin, Düsseldorf Robert Habeck hat das Unsagbare gesagt: Er hat als Grünen-Politiker nicht kategorisch ausgeschlossen, die Laufzeit der letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland über 2022 hinaus zu verlängern. Angesichts der sich zuspitzenden Eskalation des Westens mit Russland werde er eine weitere Nutzung der Atomenergie in Deutschland nicht „ideologisch abwehren“, hatte Habeck am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ gesagt. Sein Ministerium prüfe dies.

Der Ukrainekrieg verändert alles – auch in der Energiepolitik. Habeck setzt sich mehr denn je für den Bau von zwei LNG-Terminals ein, er spricht sich dafür aus, eine Kohlereserve anzulegen. Und jetzt rührt er an das letzte und zugleich größte Tabu: die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken.

Und der Ukrainekrieg verändert auch die Haltung der Kernkraftwerksbetreiber. Noch am Wochenende hatten die drei Unternehmen – Eon, EnBW und RWE – unisono erklärt, eine Verlängerung der Laufzeiten komme für sie nicht in Betracht. Nun öffnen sie die Hintertüren.

Ein Sprecher von Eon sagte dem Handelsblatt: „Wir bereiten uns seit Jahren sowohl technisch als auch organisatorisch auf die Stilllegung und den Rückbau unserer Kernkraftwerke vor.“ Vor dem Hintergrund der kriegerischen Handlungen in Europa und der daraus resultierenden Risiken für die Versorgungssicherheit sei es nachvollziehbar, die aktuellen energiepolitischen Gegebenheiten auf den Prüfstand zu stellen.

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    „In dieser Ausnahmesituation sind wir als Eon bereit, darüber zu sprechen, unter welchen technischen, organisatorischen und regulatorischen Randbedingungen eine verlängerte Nutzung des Kernkraftwerks Isar 2 möglich wäre, sofern dies seitens der Bundesregierung ausdrücklich gewünscht ist“, sagte der Eon-Sprecher.

    Bei EnBW klingt es noch etwas gewundener, aber man erkennt auch hier die grundsätzliche Bereitschaft, über das Thema zu reden. „Deutschland verfolgt mit der Energiewende einen klaren Pfad, der im Wesentlichen mit dem Ausstieg aus der Kernenergie und der Kohleverstromung sowie dem Ausbau der erneuerbaren Energien umschrieben ist. Das ist der Zielpfad, dem auch wir uns als EnBW verschrieben haben und dem wir uns verpflichtet fühlen“, sagte eine Unternehmenssprecherin – und ergänzt dann: Falls es aufgrund des Kriegs in der Ukraine erforderlich sei, und „für die Versorgungssicherheit unumgänglich“, werde EnBW mithelfen, alle Möglichkeiten „technologieoffen auszuloten“.

    Lediglich RWE bleibt bei seiner bisherigen Haltung. „Es gibt eine klare gesetzliche Regelung zur Abschaltung der Kernkraftwerke. Unser Kraftwerk im Emsland ist auf den Auslaufbetrieb zum Ende des Jahres ausgerichtet, zu dem Zeitpunkt wird der Brennstoff aufgebraucht sein“, sagte ein RWE-Sprecher. „Ein Weiterbetrieb wäre – anders als etwa bei Kohlekraftwerken – ohne Weiteres nicht machbar, dafür gibt es extrem hohe Hürden, sowohl technisch als auch genehmigungsrechtlich“, ergänzte er. Dass die Bundesregierung in dieser ernsten Situation alle Versorgungsoptionen prüfe, könne man allerdings nachvollziehen.

    In Deutschland sind noch drei Kernkraftwerke in Betrieb: Emsland (RWE), Isar 2 (Eon) und Neckarwestheim 2 (EnBW). Sie werden nach den Beschlüssen zum Atomausstieg von 2011, dem Jahr des Reaktorunfalls in Fukushima, Ende 2022 vom Netz gehen. Die Kraftwerke stehen für rund drei Prozent der Stromproduktion in Deutschland.

    Kritik an Idee zu längeren Atomkraftwerk-Laufzeiten wegen Ukraine-Krieg

    Habeck hat damit eine Debatte losgetreten, die sich kaum mehr einfangen lassen dürfte. Die Grünen bemühen sich, ihrem Minister nicht in den Rücken zu fallen. Die Parteimitglieder haben sehr wohl herausgehört, dass Habecks Aussage sehr verhalten war. Und sie wissen, dass Habeck unter Druck steht.

    Russland ist Deutschlands wichtigster Lieferant für Erdgas, Steinkohle und Erdöl. Möglicherweise fallen die Lieferungen bald aus. Habeck muss dafür sorgen, dass dennoch ausreichend gesicherte Kraftwerksleistung zur Verfügung steht.

    Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) lehnt die Idee längerer Laufzeiten trotz der besonderen Lage ab: „Aus Sicherheitsgründen halte ich eine Laufzeitverlängerung der letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland für nicht verantwortbar“, sagte die Ministerin.

    Ingrid Nestle, energie- und klimapolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, sieht die Debatte ebenfalls skeptisch: „Ich sehe keine überzeugenden Argumente, die für eine Verlängerung der Laufzeiten sprechen würden. Um eine Verlängerung umzusetzen, müssen langwierige und technologisch anspruchsvolle Prozesse in Gang gesetzt werden“, sagte Nestle dem Handelsblatt. „Bis zum nächsten Winter, und der wird entscheidend sein, ist das nicht mehr seriös zu schaffen“, ergänzte sie.

    Grafik

    Ökonomen sehen das anders. Lars Feld, bis Februar 2021 Chef des Sachverständigenrats und heute Chefberater von Finanzminister Christian Lindner (FDP), hält längere Laufzeiten für ratsam. „Viel spricht dafür, dass wir die Atomkraftwerke noch etwas länger brauchen, bis die Erneuerbaren stärker ausgebaut sind“, sagte Feld dem Handelsblatt. Würden die letzten drei Atomkraftwerke abgeschaltet, stünden sie als Option für die Versorgungssicherheit nicht mehr zur Verfügung.

    Bereits Ende vergangener Woche hatte Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, eine Verlängerung der Laufzeiten ins Gespräch gebracht: „Weniger Abhängigkeit von russischem Gas erfordert kurzfristig eine Verlängerung von Kohlekraftwerken und AKWs, bis hinreichend Gas aus anderen Quellen und mehr Erneuerbare da sind“, schrieb er auf Twitter.

    Das sieht Hubertus Bardt, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), ähnlich: „Mit Blick auf den 31. Dezember 2022 muss genau geprüft werden, ob die Kohle- und Gaslieferungen ausreichen, um auf drei weitere Kernkraftwerke verzichten zu können“, sagte er.

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