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15.08.2018

11:00

Sie erzeugen mehr Strom im stürmischen Herbst als im Sommer. dpa

Windräder

Sie erzeugen mehr Strom im stürmischen Herbst als im Sommer.

Energiewirtschaft

Hitzewelle zeigt das größte Problem der Erneuerbaren

Von: Jürgen Flauger, Kathrin Witsch

Mehr Sonne heißt nicht gleich mehr Strom: Die Hitzewelle zeigt, wie wetterabhängig die Erneuerbaren sind. RWE nutzt das, um für die Kohle zu werben.

Düsseldorf Für die Betreiber von Solaranlagen waren die vergangenen Wochen eine pure Freude. Die Sonne schien tagelang und flächendeckend mit voller Kraft. Mehr als 300 Stunden. Das Thermometer kletterte bis über die 39-Grad-Marke.

Im Juli produzierten die in Deutschland installierten Photovoltaikanlagen über sechs Milliarden Kilowattstunden Strom – so viel wie in keinem Monat zuvor. Das würde reichen, um den Jahresbedarf von Hamburg komplett zu decken.

Die Laune der Windmüller ist dagegen äußerst getrübt. Sie leiden wie die Landwirte unter dem ungewöhnlich heißen Sommer. Die 30.000 Windräder, die auf deutschen Hügeln oder in Nord- und Ostsee installiert sind, drehten sich während der Hitzeperiode allenfalls mit gedrosselter Leistung. Häufig standen sie sogar komplett still.

Knapp 58.000 Megawatt sind aktuell On- und Offshore an Leistung installiert. Am 24. Juli beispielsweise waren nicht einmal 1300 Megawatt davon am Netz. Das entspricht gerade einmal der Leistung eines einzigen Kernkraftwerks.

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    „Für viel Windstrom braucht man viel Wind. Und der geht eher mit Wetterwechseln einher“, erklärt Christoph Podewils von der Denkfabrik Agora Energiewende. Wegen des wochenlang stabilen Hochdruckgebiets über Nordeuropa herrschte Flaute in den Windparks.

    RWE: Deutschland darf nicht nur auf Erneuerbare setzen

    Im Sommer ist der Ertrag also naturgemäß geringer. Die 4,4 Milliarden Kilowattstunden, die im Juli an Windstrom produziert wurden, waren aber noch einmal 20 Prozent weniger als im Juli des Vorjahres. „Da kann man zeitweise schon von einer Flaute sprechen“, sagt Wetterexperte Robin Girmes von der Agentur Energy Weather.

    Über das Wetter lässt sich trefflich streiten – in der Energiebranche ist es sogar ein Politikum. Die Abhängigkeit von der Witterung ist nach wie vor das ungelöste Problem der erneuerbaren Energien.

    Es werden zwar immer mehr Windräder und Solardächer installiert, und an günstigen Tagen mit viel Sonne und Wind, aber wenig Verbrauch decken diese auch schon fast alleine die Stromnachfrage. Wenn es düster und wolkig ist, fällt der Ertrag an Solarenergie aber rasant ab – und bei Flaute drehen sich Windräder eben nicht.

    „Seit einigen Wochen reden alle über das Wetter. Wir auch. Weil der heiße und trockene Sommer die Stromerzeugung in Deutschland und Europa beeinflusst“, hielt RWE-Chef Rolf Martin Schmitz am Dienstag bei der Präsentation des Zwischenberichts fest.

    Für ihn liefert die Hitzeperiode neue Argumente für die Forderung, Deutschland dürfte nicht nur auf erneuerbare Energien setzen: „Dieser ungewöhnliche Sommer belegt, wie wichtig ein breiter Energiemix ist, in dem jede Erzeugungsart ihre Stärke ausspielen kann.“

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    Der 61-Jährige führt Deutschlands größten Stromproduzenten, der seinen Strom aktuell noch ausschließlich mit konventionellen Kraftwerken produziert, also auf Basis von Atomenergie, Gas und Kohle. RWE steht vor allem wegen des hohen Anteils von Braunkohle in der Kritik.

    Der Konzern betreibt nicht nur Braunkohlekraftwerke. RWE fördert den Energieträger, bei dessen Verstromung viel des klimaschädlichen CO2 anfällt, auch im großen Stil im rheinischen Braunkohlerevier selbst.

    Auch Solarmodule leiden

    Gerade die Braunkohle war nach Schmitz’ Worten in den vergangenen Wochen ein Garant für die Stromversorgung: „Da Braunkohlekraftwerke mit dem konstant temperierten Grubenwasser der Tagebaue gekühlt werden, konnten sie auch in diesem heißen Sommer zuverlässig ihren Dienst verrichten.“

    Tatsächlich war in den heißen Wochen auch auf die anderen konventionellen Kraftwerke nicht komplett Verlass. Bei Gaskraftwerken verringert sich der Wirkungsgrad, also der Prozentsatz mit dem der eingesetzte Brennstoff in Strom umgewandelt wird, abhängig von der Leistung.

    Einige Steinkohle- und Kernkraftwerke mussten aufgrund niedriger Wasserstände und hohen Temperaturen in den Flüssen die Leistung drosseln. Sie beziehen das Kühlwasser aus Flüssen. Zum Schutz der Fische gelten dafür aber harte Grenzwerte.

    Aber selbst die Solarenergie ist nach Schmitz’ Worten an ihre Grenzen gestoßen. Der Wirkungsgrad von Solarmodulen nehme mit steigender Temperatur ab.

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    Tatsächlich sind die hohen Temperaturen nicht ideal für Solarmodule. So hatte die Sonnenergie ihren leistungsstärksten Tag im Mai. Bei sonnigen, aber angenehmen 23 Grad wurde Strom mit einer Leistung von 32.000 Megawatt erzeugt. Am heißesten Tag des Jahres, dem 31. Juli, mit bis teilweise mehr als 39 Grad, waren es dagegen „nur“ 27.000 Megawatt.

    „Je wärmer das Modul wird, desto weniger Strom erzeugt es“, erklärt Wetterexperte Grimes. Das führe bei einem heißen Sommer wie in diesem Jahr im Schnitt zu einer Leistungsminderung von fünf Prozent.

    RWE und die anderen Betreiber von Kohlekraftwerken führen außergewöhnliche Wetterlagen regelmäßig an, um für einen breiten Energiemix zu werben. Beispielsweise gab es Anfang 2017 eine Phase, in der es lange Zeit trübe und windstill war und der Beitrag von Wind- und Solarenergie daher gering ausfiel. Als „Dunkelflaute“ bezeichneten die Stromproduzenten dieses Phänomen.

    Kohlegegner planen neues Protestcamp

    Aktuell können Schmitz und die Chefs der anderen Kohlekonzerne Argumente besonders gut gebrauchen. In Berlin hat die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ ihre Arbeit aufgenommen. Die sogenannte Kohlekommission soll im Auftrag der Bundesregierung den Ausstieg aus der Kohleförderung und -verstromung beschließen.

    RWE-Chef Schmitz appelliert, den Ausstiegspfad vernünftig zu gestalten. „So ein Prozess braucht nicht nur Geld und Erfahrung“, sagte er, „er braucht vor allem Zeit“.

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    Den Kohlegegnern kann es dagegen nicht schnell genug gehen. Am Samstag versammelten sich wieder Aktivisten am Rande des RWE-Tagebaus Garzweiler zu einem Protestcamp. Bis zum 22. August wollen sie über die Zukunft der Region nach einem Ausstieg aus der Braunkohle diskutieren. In der Spitze werden bis zu 1000 Teilnehmer erwartet.

    Auch Vertreter der Erneuerbaren-Energie-Branche lassen Wetterphänomene wie jetzt die Hitzewelle nicht als Argument gelten, um die Energiewende zu drosseln. Für Wolfram Axthelm, Sprecher des Bundesverbandes für Windenergie, ist die jüngste Flaute während der Hitzewelle jedenfalls kein Beweis dafür, dass Kohle weiter gebraucht werde.

    „Während Kohle und Atom wegen fehlendem oder zu warmen Kühlwasser immer weniger Strom liefern können, haben Sonne und Wind regelmäßig mit einer Produktion von durchgehend mindestens 20.000 Megawatt geliefert und damit ein Drittel des Bedarfs gedeckt.“

    Trotzdem müsse sich der Beitrag der Erneuerbaren am Energiemix noch weiter erhöhen. Dafür brauche es einen stabilen und vor allem höheren Zubau für Wind und Solar.

    „Die Politik muss den Stillstand beenden. Sie muss den Weg frei machen, damit die bis 2022 wegfallende Energie aus Atom sauber durch Sonne und Wind ersetzt werden kann“, forderte Axthelm. Zuletzt hatte sich der Zubau verlangsamt, weil die staatliche Förderung gekürzt worden war.

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    Den kontinuierlich steigenden Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung können weder die gedrosselten Einspeisevergütungen stoppen noch Dunkelflaute oder Hitzewelle. Der Beitrag der Windräder mag zwar zuletzt schwach gewesen sein, die Solarenergie machte das dank der vielen Sonnenstunden aber mehr als wett. Insgesamt stieg die Stromproduktion aus erneuerbaren Energiequellen im Juli um zwei Prozent.

    Im ersten Halbjahr lag der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromproduktion in Deutschland schon bei gut 36 Prozent. Das bedeutet: Erstmals produzierten Wind-, Solar-, Wasser- und Biomasseanlagen mehr Strom als Braun- und Steinkohlekraftwerke.

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