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16.03.2021

10:31

Energiewirtschaft

RWE-Chef glänzt zum Abschied mit Milliardengewinn – Düstere Prognose von Greenpeace

Von: Jürgen Flauger

RWE ist zum Schluss der Ära Schmitz wieder in der Gewinnzone, investiert in Erneuerbare, und der Aktienkurs ist hoch. Eine Greenpeace-Studie sieht aber Risiken.

Der Manager führt RWE seit dem Herbst 2016. Nach der Hauptversammlung Ende April tritt er ab. Reuters

Rolf Martin Schmitz

Der Manager führt RWE seit dem Herbst 2016. Nach der Hauptversammlung Ende April tritt er ab.

Düsseldorf Auf seiner letzten Bilanzpressekonferenz kann der scheidende RWE-Chef Rolf Martin Schmitz am Dienstag für das Gesamtjahr 2020 einen Nettogewinn von einer Milliarde Euro präsentieren. Das ist auch ein persönlicher Erfolg: Als Rolf Martin Schmitz den Vorstandsvorsitz von RWE im Jahr 2016 übernahm, hatte der Energiekonzern noch einen Nettoverlust von 5,7 Milliarden Euro ausgewiesen.

„Das vergangene Geschäftsjahr ist für RWE hervorragend gelaufen – trotz der herausfordernden Coronakrise“, wird Schmitz am Dienstagmorgen in einer Mitteilung des Konzerns zitiert. RWE habe die eigene Prognose „deutlich übertroffen“. Das sei eine sehr gute Basis, um den Wachstumskurs fortzusetzen.

Schmitz wird seinem Nachfolger Markus Krebber bei seiner letzten Hauptversammlung Ende April nicht nur ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen übergeben. Auch die Aktionäre können sich inzwischen wieder über hohe Kurse und satte Dividenden freuen – und mit dem neuen Kerngeschäft erneuerbare Energien hat Deutschlands größter Stromproduzent nach Schmitz' Worten auch wieder eine Perspektive.

„Wir investieren Milliarden in erneuerbare Energien“, sagte Schmitz: „Gleichzeitig reduzieren wir konsequent und verlässlich unseren CO2-Ausstoß mit einem klaren Ziel: RWE wird klimaneutral bis 2040.“

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    Umwelt- und Klimaschützer sehen den Turnaround beim einstigen Atom- und Kohlekonzern noch lange nicht als geschafft. „Den radikalen Strategieschwenk vom Klimakiller zum Öko-Unternehmen nehmen wir RWE nicht ab“, sagte Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid. „Hinter der grünen Rhetorik von Rolf Schmitz und Markus Krebber steckt wenig Substanz.“

    Die Umweltschutzorganisation präsentierte zu Schmitz' Abgang eine Studie, die dem Handelsblatt vorliegt und zahlreiche ökonomische Risiken auflistet. Fazit: RWE habe zu lange auf Kohle gesetzt und trage noch fast zwei Jahrzehnte lang – bis zum Abschluss des Kohleausstiegs – die Risiken steigender CO2-Preise, heißt es in der Analyse. Der Konzern habe die Neuausrichtung auf erneuerbare Energien verschleppt und sei in dem Geschäft ein Nischenplayer, der zum Übernahmekandidaten werde.

    Dividende soll 2021 weiter steigen

    Schmitz selbst kann auf erste Früchte seines Strategiewechsels verweisen, den er vor zwei Jahren mit dem spektakulären Deal mit Eon-Chef Johannes Teyssen eingeleitet hatte. Damals vereinbarten Schmitz und Teyssen den Tausch von Aktivitäten, der beiden angeschlagenen Konzernen eine neue Perspektive eröffnen sollte. Eon übernahm dabei die RWE-Tochter Innogy, aber nur mit den Sparten Vertrieb und Netz. RWE verleibte sich unter anderem selbst die erneuerbaren Energien von Innogy ein und auch die Aktivitäten, die bislang Eon gehörten.

    Ende April übernimmt der bisherige Finanzvorstand die Führung von RWE. Reuters

    Markus Krebber

    Ende April übernimmt der bisherige Finanzvorstand die Führung von RWE.

    Nachdem der Deal im Herbst 2019 nach der Freigabe durch die EU-Kommission besiegelt wurde, deckt RWE wieder das komplette Spektrum der Stromerzeugung von Atom- und Kohlekraftwerken über Gasanlagen bis Wind- und Solarenergie ab. Und da im vergangenen Jahr nach dem Atom- auch der Kohleausstieg besiegelt wurde, will RWE seine Investitionen künftig auf die erneuerbaren Energien konzentrieren.

    Im vergangenen Jahr zahlte sich die Strategie schon aus. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) war trotz der Coronakrise mit 3,2 Milliarden Euro um gut 200 Millionen Euro höher als in den Pro-forma-Zahlen von 2019, in denen die Vermögenswerte von Eon schon komplett einberechnet wurden. Das Ebitda lag vor allem deutlich über der prognostizierten Bandbreite von 2,7 bis 3,0 Milliarden Euro. Die Aktionäre sollen für 2020 eine Dividende von 85 Cent je Aktie erhalten – fünf Cent mehr als im Jahr zuvor. Für 2021 sind sogar 90 Cent geplant.

    Zum Vergleich: Für das Geschäftsjahr 2016 hatten die Stammaktionäre gar keine Dividende bekommen. RWE steckte damals in einer tiefen Krise. Die Energiewende hatte dem Konzern stark zugesetzt. Die großen fossilen Kraftwerke von RWE wurden zunehmend von Wind- und Solaranlagen aus dem Markt gedrängt. RWE drückten Nettoschulden von fast 23 Milliarden Euro – im vergangenen Jahren waren es nur noch 4,4 Milliarden Euro.

    RWE hat im Tauschgeschäft mit Eon eine großes Portfolio an Offshore-Windparks übernommen. dpa

    Windkraftanlagen im Offshore Windpark „Nordsee-Ost“ vor der Insel Sylt

    RWE hat im Tauschgeschäft mit Eon eine großes Portfolio an Offshore-Windparks übernommen.

    RWE wagte damals, 2016, schon einen ersten Befreiungsschlag und spaltete sich auf. Der damalige Chef Peter Terium brachte die Sparten Vertrieb, Netz und erneuerbare Energien mit dem neuen Unternehmen Innogy an die Börse und übernahm die Führung des Newcomers. RWE selbst konzentrierte sich unter der Führung von Schmitz auf die alte Energiewelt, den Betrieb der Atom-, Kohle- und Gaskraftwerke und den Großhandel mit Energie.

    Die restlichen Anteile von Innogy, knapp 77 Prozent, hielt RWE nur als Finanzbeteiligung. Anfang 2018 nutzte Schmitz dann aber die Gelegenheit, die Innogy-Beteiligung für die eigene Neuausrichtung einzusetzen.

    RWE hat schon jetzt Produktionskapazitäten mit erneuerbaren Energien von neun Gigawatt – das entspricht etwa der Kapazität von neun Atomkraftwerken. Bis Ende 2022 sollen die Wind- und Solaranlagen schon auf mehr als 13 Gigawatt Leistung kommen. Und in der Projektpipeline gibt es sogar 34 Gigawatt, die entwickelt werden können.

    RWE-Aktie ist kräftig gestiegen

    Die Aktionäre begrüßten den Befreiungsschlag. Während die RWE-Aktie Anfang 2016 bei rund elf Euro dümpelte, notiert sie inzwischen bei 32 Euro. Vor allem seit dem Deal mit Eon ist die RWE-Aktie gestiegen, während die Titel des Konkurrenten seither stagnierten. Mit einem Börsenwert von 22 Milliarden Euro hat RWE Eon bis auf eine Milliarde Euro eingeholt. Ende 2016 war RWE kaum mehr als sieben Milliarden Euro wert.

    Aktuell stammt der größte Teil des RWE-Stroms aber noch aus konventionellen Kraftwerken. RWE ist nicht nur der größte Kohleverstromer in Deutschland, sondern fördert auch Braunkohle im eigenen Tagebau im Rheinischen Revier. Im vergangenen Jahr wurde zwar in Deutschland der Kohleausstieg beschlossen, und RWE muss schon in den kommenden Jahren im großen Stil Kohlekraftwerke vom Netz nehmen. Nach aktuellem Stand wird das letzte Kohlekraftwerk aber erst 2038 abgeschaltet.


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    Wind, Sonne und Wasserstoff sollen Kohle und Öl ersetzen. Aber die Energiewende geht zu langsam voran. Es muss sich einiges ändern, sagt RWE-Chef Schmitz.

    „Der Konzern wird nur dann einen Platz in der neuen Energiewelt finden, wenn er seinen massiven CO2-Ausstoß viel schneller als bislang senkt und einen raschen Schlussstrich unter der Braunkohle zieht“, sagt Greenpeace-Experte Smid.

    Auch wenn die Geschäftsentwicklung aktuell „unerwartet positiv“ sei, bleibe die Kapitaldecke dünn, heißt es in der Greenpeace-Studie. Die erneuerbaren Energien hätten derzeit nur einen Anteil von einem Fünftel am Stromangebot von RWE. 30 Prozent des Stroms wurden 2020 noch in den Braun- und Steinkohlekraftwerken produziert, 34 Prozent mit Gas. Die Atomkraftwerke hatten noch einen Anteil von 14 Prozent.

    Der Kohleausstieg ziehe sich noch lange, hält Greenpeace fest. Gleichzeitig baue RWE das Geschäft mit Gas aus, trotz der „noch immer unterschätzten Klimaschäden“ durch Erdgas. RWE wolle zwar bis 2040 klimaneutral werden. Wie das angesichts der Investitionen in Erdgas gelingen könne, sei aber fraglich. Derzeit sehe die Realität ohnehin anders aus. Noch sei RWE der größte Emittent des klimaschädlichen CO2 in Europa - und das Risiko steigender CO2-Preise werde RWE auch noch lange belasten.

    Tatsächlich sanken die CO2-Emissionen 2020 zwar um 19,2 Millionen Tonnen, summierten sich aber immer noch auf 68,9 Millionen Tonnen. Je produzierter Megawattstunde Strom stieß RWE 0,47 Tonnen CO2 aus. „RWEs rücksichtsloses Kohlegeschäft schadet dem Klima und der Bilanz“, sagte Smid.

    Schmitz weist Greenpeace-Studie zurück

    Schmitz wies die Prognose zurück. Der CO2-Preis sei kein Problem, RWE habe sich bis 2030 gegen steigende CO2-Preise abgesichert. Er könne auch nicht nachvollziehen, warum die finanzielle Ausstattung von RWE schwach sein solle. Greenpeace habe sich wohl nicht an der Kapitalerhöhung im vergangenen Jahr beteiligt.

    „Gleichzeitig sollen wir ein Pleite - und ein Übernahmekandidat sein? Das passt nicht zusammen“, hielt Schmitz Greenpeace entgegen. Er fände es schade, dass Umweltschützer sich immer mit der Vergangenheit von RWE beschäftigten und nicht mit der Zukunft.

    Allerdings muss RWE schon für das laufende Jahr mit einem Gewinnrückgang rechnen. Das Ebitda wird vermutlich auf 2,65 Milliarden bis 3,05 Milliarden Euro sinken - von 3,2 Milliarden Euro.

    Das liegt vor allem an einem Sondereffekt, über den RWE jüngst berichtete: Wegen des extremen Kälteeinbruchs in Texas standen die Windanlagen des Konzerns in dem US-Staat vor Kurzem still – und RWE musste zu drastisch gestiegenen Preisen Strom zukaufen, um die eigenen Lieferverpflichtungen erfüllen zu können. Markus Krebber, der künftige CEO und aktuell Finanzvorstand, bezifferte die Belastungen mit 400 Millionen Euro.

    Andererseits wird sich in diesem Jahr auch ein positiver Sondereffekt auswirken, der aber noch nicht im Ausblick enthalten ist, wie Krebber betonte. RWE wird wie die anderen Atomkonzerne auch vom Bund noch eine Entschädigung für den Atomausstieg bekommen. Darauf einigten sich die Beteiligten vor wenigen Tagen. RWE erhält dabei 880 Millionen Euro.

    „Wir sind für die Zukunft gut gerüstet. Strategisch, finanziell – und personell“, sagte Schmitz mit Blick auf den Führungswechsel. Schmitz selbst war 35 Jahre in der Energiebranche aktiv. Sein Handwerk hat er in der alten Energiewelt gelernt und doch erlebte er nach dem Atom- zuletzt auch den Kohleausstieg.

    „Jede Energie hat ihre Zeit“, hält Schmitz am Ende seiner Laufbahn fest. Inzwischen habe eben die Ära der Erneuerbaren begonnen. „Wir sind daher zu neuen Ufern aufgebrochen, ohne unsere Wurzeln zu vergessen oder gar zu kappen. Denn eins bleibt bei RWE gleich: Wir produzieren Strom. Unter Nutzung der jeweils besten Technologien.“

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