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09.04.2020

10:58

Energiewirtschaft

Stromverbrauch bricht wegen Coronakrise ein – mit drastischen Folgen für Großkunden

Von: Jürgen Flauger

Der Verbrauch ist niedrig und die Preise im Keller. Für viele Industriekunden könnte es trotzdem eine böse Überraschung bei der Stromrechnung geben.

Vor allem Kohlekraftwerke, wie hier in Niedersachsen, produzieren in der Coronakrise deutlich weniger Strom. Viele Großkunden haben ihre Nachfrage gedrosselt. dpa

Stromproduktion in Deutschland

Vor allem Kohlekraftwerke, wie hier in Niedersachsen, produzieren in der Coronakrise deutlich weniger Strom. Viele Großkunden haben ihre Nachfrage gedrosselt.

Sonntags, zur Mittagszeit, wird es in diesen Wochen im Stromgroßhandel regelmäßig hektisch. Das Angebot droht deutlich die Nachfrage zu übersteigen. Wer seine Produktion nicht drosseln kann, muss den Strom zu negativen Preisen in den Markt drücken. Der Abnehmer bekommt zusätzlich zum Strom noch zehn, zwanzig, oder auch mal 50 Euro je Megawattstunde überwiesen – damit er seinerseits eigene Anlagen vom Netz nimmt und Angebot und Nachfrage doch mühsam im Gleichgewicht bleiben.

Das liegt auch am derzeit sonnigen Wetter. Die Solaranlagen liefern jeden Mittag kräftig Strom. Es liegt aber vor allem an der Coronakrise. Mit den Pandemiemaßnahmen wurde die Industrieproduktion so stark gedrosselt, dass auch am Wochenende zur Mittagszeit rund 4000 Megawatt an Nachfrage fehlen – das entspricht der Leistung von vier großen Kernkraftwerken.

„Mit der hohen Einspeisung von Solarstrom führt das wegen Corona zu negativen Preisen zur Mittagszeit an Sonntagen“, erläutert Tobias Federico, Geschäftsführer des Berliner Analyse- und Beratungsunternehmens Energy Brainpool.

Die negativen Strompreise am Wochenende sind nur der auffälligste Effekt. Die Coronakrise wirbelt den gesamten Strommarkt durcheinander. Der Stromverbrauch ist deutlich gesunken, die erneuerbaren Energien decken einen außergewöhnlich hohen Anteil am Stromverbrauch – und die Preise im kurzfristigen Handel sind eingebrochen.

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    Für Industriekunden könnte es im Laufe des Jahres ein böses Erwachen geben, wenn sie den bestellten Strom nicht komplett abnehmen können und selbst wieder verramschen müssen. Anderseits bietet der Markt auch Chancen, sich günstig mit Energie für die kommenden Jahre einzudecken.

    Stromverbrauch ist deutlich gesunken

    In den vergangenen Wochen legte ein Unternehmen nach dem anderen seine Fabriken still und schickte Mitarbeiter in Kurzarbeit. Die Stromnachfrage großer Industriekunden schnurrte in vielen Fällen auf ein Minimum von zehn bis 20 Prozent zusammen.

    Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) lag der gesamte deutsche Stromverbrauch zuletzt rund neun Prozent niedriger als Anfang März, ehe Bundesregierung und Bundesländer die harten Pandemiemaßnahmen verordneten und die Wirtschaft mit Produktionskürzungen reagierte.

    Grafik

    Dabei könnten zwar auch Temperatureffekte – der März war außergewöhnlich milde – eine Rolle spielen. Der Effekt durch die Drosselung der Industrieproduktion dürfte aber mindestens sechs Prozent betragen: Die Nachfrage an einem Montagmittag, an dem die Last für gewöhnlich besonders hoch ist, liegt derzeit mit 64 Gigawatt vier Gigawatt niedriger als Anfang März.

    Der Effekt mag vergleichsweise gering erscheinen, für den Strommarkt ist er aber beträchtlich: Tatsächlich ist die Stromnachfrage für gewöhnlich sehr stabil – und reagiert kaum auf Konjunkturschwankungen.

    „Der Energieverbrauch bei Industrie und Gewerbe geht spürbar zurück“, hielt Eon-Chef Johannes Teyssen fest und erwartete deshalb „sichtbare Spuren“ in der Bilanz. Zwar legt der Verbrauch der Privathaushalte im Gegenzug leicht zu, aber der Effekt schlägt kaum zu Buche.

    Der Einbruch von ruhenden Fabriken oder stillstehenden Straßenbahnen ist viel größer als das zusätzliche Streamen von Filmen im Wohnzimmer. Und wer im Homeoffice mehr verbraucht, hat die Nachfrage nur aus dem Büro ins eigene Haus verlagert.

    Strompreise sind im Spotmarkt gefallen

    Das schlägt sich unmittelbar in den Strompreisen für Großkunden nieder. Im Spotmarkt des Stromgroßhandels werden die nicht mehr benötigten Mengen abverkauft. „Dies erzeugt entsprechenden Preisdruck“, sagt Experte Federico. In der letzten Märzwoche kostete eine Megawattstunde im Schnitt 16 Euro. In der ersten Märzwoche waren es noch 30 Euro. Und an zehn Tagen im März, insgesamt an 41 Stunden, gab es negative Strompreise.

    Zwar gab es auch in den vergangenen Jahren schon negative Strompreise. Mit dem Boom von Wind- und Solarstrom, der überwiegend vorrangig ins Stromnetz eingespeist werden kann, wird es vor allem an wind- und sonnenreichen Wochenenden und Feiertagen schwierig, Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bekommen.

    Das muss aber letztlich gelingen, weil es noch kaum Möglichkeiten zum Speichern von Strom gibt. Wer nicht rechtzeitig seine Kapazitäten drosseln kann, muss den Strom mit negativen Preisen in den Markt drücken, damit andere ihre Kapazitäten anpassen.

    Im laufenden Jahr gab es aber schon 133 Stunden mit negativen Strompreisen. Der Rekord aus dem letzten Jahr, als es am Ende 211 Stunden waren, dürfte locker übertroffen werden. Die Strompreise sanken dabei in der Spitze auf minus 55 Euro je Megawattstunde. Federico erwartet, dass während der Coronakrise noch viele weitere Tage dazukommen: „Zumindest für den April, aber auch Mai erwarten wir eine Fortführung der Entwicklung.“

    Das sieht auch Tim Steinert, Senior Consultant beim energiewirtschaftlichen Beratungshaus Enervis, so: „Unsere Szenarien zeigen, dass aufgrund der aktuellen Situation je nach Dauer und Schwere eines Nachfragerückgangs ein signifikant höherer Anstieg negativer Preise – auch im Vergleich zu 2019 – eintreten kann; also erkennbar höher als vor der Coronakrise für 2020 erwartet.“

    Großkunden müssen Strom verramschen

    Für viele Großkunden aus der Industrie könnte das Jahr gerade wegen der niedrigen Preise eine böse Überraschung bei der Stromrechnung mit sich bringen: Trotz gedrosselter Produktion drohen millionenschwere Belastungen. Viele Großkunden haben sich am Terminmarkt für dieses Jahr schließlich feste Mengen zu festen Preisen gesichert. Wer gut verhandelt hat, kann einfach weniger des gebuchten Stroms abbuchen – und das Risiko trägt der Lieferant.

    „Es gibt aber viele Industriekunden, die in ihren Verträgen Toleranzbänder stehen haben“, sagt Wolfgang Hahn, Geschäftsführer vom Unternehmen ECG, das Unternehmen Energieverträge vermittelt. Und das ist nicht gut: Nur innerhalb dieser Bänder ist es möglich, nach oben oder unten von der für 2020 vereinbarten Strommenge abzuweichen. Wer seinen Stromverbrauch noch mehr reduzieren muss, muss den überschüssigen Strom am Markt verkaufen – und bei den gegenwärtigen Preisen eben mit Verlust.

    „Wer eine Toleranz von zehn Prozent im Vertrag fixiert hat, kommt in der Coronakrise schnell in Probleme“, sagt Hahn. Schließlich haben viele Unternehmen derzeit den Stromverbrauch auf ein Minimum reduziert. Aber auch bei einem Toleranzband von 30 Prozent sei der Puffer schnell abgebaut. „Die Coronakrise kann also auch bei den Stromkosten sehr teuer werden“, sagt Hahn.

    Die Krise bietet aber auch Chancen

    Allerdings bietet die Coronakrise auch Chancen. Der Schock hat nicht nur die Notierungen am Spotmarkt gedrückt, sondern auch – wenn auch deutlich abgeschwächt – am Terminmarkt. Der Terminkontrakt für Strom, der im Jahr 2021 geliefert werden soll, fiel zwischenzeitlich von 39 auf 34 Euro je Megawattstunde. Er ist damit weit entfernt von den Notierungen aus dem vergangenen Jahr, als die Preise teilweise auf mehr als 50 Euro geklettert waren.

    „Viele Unternehmen decken sich für 2021, 2022 und auch für 2023 mit günstigen Preisen ein“, sagt Berater Hahn: „Das Momentum sollte man nutzen.“ Das gelte nicht nur für Strom, sondern auch für Gas.

    Allerdings sollten die Unternehmen die Gelegenheiten auch schnell wahrnehmen. „Ich glaube nicht, dass der Effekt nachhaltig ist“, sagt Hahn. Wenn die Krise vorbei sei, würden die Preise schnell wieder anziehen. „Ich rate meinen Kunden, jetzt zuzuschlagen und Strom sowie Gas für die kommenden Jahre einzukaufen.“

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