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02.08.2018

17:04

Die deutsche Windbranche baut immer mehr Stellen ab. dpa

Schlechte Zahlen

Die deutsche Windbranche baut immer mehr Stellen ab.

Erneuerbare Energien

Die deutsche Windbranche steht vor einer schweren Krise

Von: Kathrin Witsch

Dem Preisverfall beim Windstrom fallen zahlreiche Arbeitsplätze zum Opfer. Enercon baut mehr Stellen ab, die Branchenstimmung ist auf einem Tief.

Düsseldorf Einst war er die Hoffnung der Energiewende – jetzt droht der deutsche Windmarkt zu implodieren. Immer wieder melden namhafte Unternehmen massenweise Stellenstreichungen. Erst am Mittwoch kündigte Branchenriese Enercon den Wegfall von 275 weiteren Jobs an. Bundesweit werden bei dem Auricher Konzern nun insgesamt 835 Arbeitsplätze gestrichen.

Damit reagiere man auf die nationalen Marktveränderungen. Aufgrund von mangelnden Aufträgen auf dem Heimatmarkt müsse man bestehende Verträge mit Zulieferern reduzieren. Der Weltkonzern will sich jetzt „konsequent auf internationale Märkte ausrichten“.

Was strategisch gesehen die richtige Entscheidung ist, schmerzt die heimische Industrie. Auslöser der Krise ist der dramatische Preisverfall für Windstrom. Was politisch gewollt war, um die Kosten der Energiewende zu senken, trifft jetzt die eigenen Hersteller: Statt einer festen Vergütung auf 20 Jahre bekommt derjenige mit dem niedrigsten Gebot den Zuschlag. Das Ausschreibungsverfahren erhöht den Preisdruck, während sich Investoren wegen politischer Unwägbarkeiten zurückhalten.

Windenergie: Neues Fördersystem bremst Ausbau von Windkraftanlagen

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Neues Fördersystem bremst Ausbau von Windkraftanlagen

Der Windkraftausbau verlangsamt sich. Schuld daran ist ein neues Fördersystem. Das bringt auch die Ziele der Bundesregierung in Gefahr.

„Ich schaue mit großer Sorge auf die Entwicklungen in der deutschen Windbranche“, sagt Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). Das Ziel der Bundesregierung sei es eigentlich gewesen, den Ausbau zu beschleunigen. Stattdessen verlangsame man ihn. Die Ausbauzahlen sprechen für sich: Im vergangenen Jahr sind 5300 Megawatt (MW) neu dazugekommen, dieses Jahr nur noch 3500 MW und im kommenden Jahr gerade einmal 1500 MW.

Es seien einfach zu wenig Projekte in Planung. „Deswegen bräuchte es unbedingt die im Koalitionsvertrag versprochenen Sonderausschreibungen“, warnt Vohrer. Für die Windkraft an Land hatte die schwarz-rote Koalition eigentlich Sonderausschreibungen von vier Gigawatt für 2019 und 2020 im Koalitionsvertrag festgehalten. Aber bis jetzt hat sich nichts getan.

Das könnte fatale Folgen für die deutsche Windbranche haben. Mittlerweile hängen immerhin über 143.000 Jobs an dem grünen Industriezweig. „Die Windenergiebranche ist heute tief im deutschen Mittelstand verwurzelt“, sagt der AEE-Chef.

Auch die Zulieferer sind betroffen

Wegen der Auftragsflaute müssen aber seit anderthalb Jahren immer mehr Zulieferer hunderte von Mitarbeitern entlassen. So sind im vergangenen Jahr allein in Hamburg 1000 Stellen weggefallen. In ganz Norddeutschland kommen noch einmal 1000 Jobs dazu. Bundesweit geht der Bundesverband für Windenergie (BWE) mittlerweile von einer fünfstelligen Zahl für 2017 aus. Manche schließen sogar ganze Werke: Senvion in Husum, Powerblades in Bremerhaven und Carbon Rotec in Lemwerder bei Bremen.

Auch bei Enercon sind die Zulieferer betroffen, die meist exklusiv für die Windkraftanlagen-Hersteller produzieren. Mit einem Umsatz von jährlich rund fünf Milliarden gehört Enercon zu den Top 5 der erfolgreichsten Windkonzerne weltweit. Nicht wenige seiner Zulieferer arbeiten exklusiv für das Unternehmen in Ostfriesland, entsprechend hart bekommen sie jetzt die Einschnitte zu spüren. Allein beim Rotorblattfertiger Aero aus Aurich, fallen 130 Stellen weg. Noch schlimmer trifft es die WEC Turmbau in Emden, hier verlieren 190 Mitarbeiter ihre Jobs, bei WEC in Westerstede wird der Betrieb ab dem dritten Quartal dieses Jahres gar komplett eingestellt. Hier sind noch einmal 150 Angestellte betroffen.

Am Hauptstandort von Enercon in Aurich sollen bei insgesamt drei Betrieben rund 130 Jobs gestrichen werden. Außerdem verlieren zusätzlich 130 Beschäftigte der WEC Turmbau GmbH in Magdeburg in Sachsen-Anhalt ihren Job. Damit fallen allein in Niedersachsen mehr als 700 und bundesweit 835 Stellen weg.

Energiemarkt: Die internationale Windbranche schaut besorgt nach Deutschland

Energiemarkt

Die internationale Windbranche schaut besorgt nach Deutschland

Während die Stimmung unter Windkonzernen weltweit positiv ist, blicken viele Unternehmen besorgt auf die Entwicklungen auf dem deutschen Markt.

Die Gewerkschaft warnte Enercon „vor einem Kahlschlag auf Kosten der Beschäftigten“. „Das Unternehmen darf jetzt nicht versuchen, Entlassungen von hunderten Mitarbeitern und die Schließung von Standorten innerhalb kürzester Zeit durchzuziehen“, sagte Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste. Am kommenden Mittwoch wollen sich alle Betriebsräte in Aurich treffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Die Gewerkschaft forderte einen Sozialplan und verlangt, dass Mitarbeiter weiterqualifiziert werden.

Enercon betonte in einer Mitteilung, dass man sich natürlich „klar zur Wertschöpfung im Heimatmarkt und in der Region“ bekenne, aber eben nur insofern, wie es im Rahmen des internationalen Geschäfts möglich sei. „Die Erneuerbaren Energien werden sich immer stärker zu einem verlässlichen und nachhaltigen Partner in der Energieerzeugung entwickeln. Sollte Deutschland jedoch den Fehler machen, die Klimaziele und die von der EU festgesetzten Ziele nicht zu erfüllen, so werden weitere Einschnitte an der Windenergieindustrie in Deutschland nicht vorbeigehen“, warnte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig.

Gewerkschaft wirft dem Minister Untätigkeit vor

Die Stimmung bei den Beschäftigten der deutschen Windkraftunternehmen ist erwartungsgemäß extrem angespannt. Bei ihrer jährlichen Umfrage fährt die IG Metall Küste den schlechtesten Wert seit Beginn der Befragung vor vier Jahren ein: 65 Prozent der Beschäftigten rechnen mit einer negativen Marktentwicklung, im Vorjahr waren es noch 20 Prozent weniger. Bis Ende des Jahres erwarten die Betriebsräte in fast der Hälfte aller befragten Unternehmen einen Personalabbau.

„Gerade wo die Windbranche langsam aus der Fördernotwendigkeit rauskommt, bremst man den Ausbau der Anlagen“, sagt AEE-Geschäftsführer Vohrer. Dafür habe er kein Verständnis. Während die weltweite Windindustrie boomt, drohe dem deutschen Markt nach Jahren des Dauerwachstums eine herbe Flaute.

Die größten Windkraftkonzerne

Platz 10

Dank eines Boom-Jahres auf dem heimischen Markt, hat der indische Windturbinenhersteller Suzion es gerade so in die Top 10 geschafft. Das ist allerdings auch der Markt, auf den fast 40 Prozent des Geschäfts von Suzion entfallen. Im laufenden Jahr wird aufgrund von der Umstellung auf offene Ausschreibungen erst einmal mit einem Einbruch des indischen Marktes gerechnet, dann muss auch der Windradbauer zunächst mit einem Auftragseinbruch rechnen.

Marktanteil: 2,6 Prozent.

Platz 9

Deutschlands viertgrößter Windkraftkonzern Senvion hat es auch global wieder unter die ersten zehn geschafft. Ganze drei Plätze brachte ihn ein Rekordjahr auf dem deutschen Markt nach vorne. In der Bundesrepublik wurde noch nie soviel Windkraftleistung installiert wie im vergangenen Jahr: Ganze 6,5 Megawatt. Im nächsten Jahr könnte das aber wieder ganz anders aussehen. Die Hamburger kämpfen mit schwindenden Subventionen, massiven Preiskampf und sinkenden Umsätzen.

Marktanteil: 3,7 Prozent.

Platz 8

Chinas drittgrößter Windkraftkonzern Mingyang will sich vom Maschinenbauer zum Service-Unternehmen wandeln. Zwar soll die Produktion von Turbinen, Gondeln und Rotorblättern weiterhin eine wesentliche Säule des Geschäfts bleiben, aber die Wartung und Instandhaltung von Windrädern verspricht höhere Renditen. Im Gegensatz zu den meisten anderen chinesischen Windkonzernen, konnte Mingyang seinen Marktanteil 2017 sogar vergrößern.

Marktanteil: 4,7 Prozent.

Platz 7

Nach der Übernahme des spanischen Konkurrenten Acciona ist bei Nordex Ernüchterung eingekehrt. Der Umsatz der Hamburger schoss durch die Fusion im Geschäftsjahr 2016 zwar um 40 Prozent in die Höhe – auf 3,4 Milliarden Euro. Aber wegen Projektverzögerungen und verstärktem Preisdruck schockierte der Konzern seine Aktionäre mit einer bescheidenen Prognose für das Jahr 2018. Der deutsche Markt sorgt 2017 zunächst trotzdem dafür, dass der Windradbauer seinen Marktanteil sogar vergrößern kann. Das wirkliche „Krisenjahr“ kommt 2018. Seit April 2017 hat der Spanier José Luis Blanco bei Nordex das Sagen.

Marktanteil: 5,2 Prozent.

Platz 6

Lei Zhang ist das Enfant terrible der Windenergieindustrie. Der Chef des chinesischen Windkonzerns Envision bezeichnet sein Unternehmen gerne als das „Apple der Energiewelt“. Statt wie die Konkurrenz lediglich „dumme“ Windräder herzustellen, will Zhang künftig mit einer offenen Plattform Geld verdienen, die Angebot und Nachfrage im Energiemarkt synchronisiert. Schwankende Solar- und Windenergie will er im großen Stil mit Stromspeichern, Elektroautos oder Industrieanlagen koppeln und auf lange Sicht mit dem smarten Steuern von Energieflüssen Milliarden verdienen. Zumindest ein paar Jahre lang dürfte der Verkauf von Windmühlen aber noch das Kerngeschäft von Envision bleiben. 2017 scheint die Strategie aufzugehen: Envision springt im Ranking von der acht auf die sechs und kann seinen Marktanteil sogar fast verdoppeln.

Marktanteil: 6,0 Prozent.

Platz 5

Extrem verschwiegen, enorm erfolgreich: Enercon erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von rund fünf Milliarden Euro. Die Firma mit Sitz im ostfriesischen Aurich ist ein Riese, gibt sich nach außen hin aber gern als Zwerg. Ökopionier und Firmengründer Aloys Wobben ist mit einem geschätzten Vermögen von 7,6 Milliarden Dollar einer der wohlhabendsten Deutschen insgesamt. Das Markenzeichen des deutschen Marktführers sind getriebelose Turbinen. Unverkennbar ist das Gondel-Design in Eiform – konzipiert wurde es vom britischen Stararchitekten Norman Foster. Das deutsche Unternehmen kann sich auch 2017 auf dem fünften Platz behaupten.

Marktanteil: 6,6 Prozent.

Platz 4

Der US-Elektronikriese General Electric (GE) hat sein Windenergiegeschäft weiter ausgebaut. Trotzdem fallen die Amerikaner vom dritten auf den vierten Platz und büßen mehr als fünf Prozent ihres globalen Marktanteils ein.

Marktanteil: 7,6 Prozent.

Platz 3

Nachdem der größte chinesische Windkonzern Goldwind 2016 einen herben Absturz vom ersten auf den vierten Platz erlebte, kletterte er 2017 schon wieder auf das Treppchen. Goldwind bleibt ein Gigant. Der in Shenzhen und Honkong börsennotierte Konzern ist beinahe der einzige chinesische Anbieter, der auch fernab der Heimat Erfolge vorweisen kann.

Marktanteil: 10,5 Prozent.

Platz 2

Durch die Fusion mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa hält sich Siemens das zweite Jahr in Folge auf Platz 2 im globalen Ranking der größten Windkraftunternehmen. Dabei geholfen haben auch eine Marktführerschaft im Offshore-Bereich und ein gutes US-Geschäft. Im Gespann mit Gamesa verfolgt Siemens-Chef Joe Kaeser jetzt vor allem ein Ziel: die Weltspitze erklimmen. Doch dafür müssen die Münchener zuerst den Branchenprimus vom Thron stoßen. Das wäre ihm 2017 fast gelungen. Nur noch 0,1 Prozent Marktanteil trennen Siemens Gamesa vom Weltmarktführer.

Marktanteil: 16,6 Prozent.

Platz 1

Trotz weltweit angespannter Lage auf dem Windmarkt hält sich der weltgrößte Hersteller mit Sitz in der dänischen Hafenstadt Aarhus auf dem ersten Platz. Die Dänen erzielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast zehn Milliarden Euro und ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 1,2 Milliarden Euro. Siemens Gamesa kommt dagegen lediglich auf einen Erlös von 8,7 Milliarden Euro und einen operativen Ertrag von mageren 61 Millionen Euro. Vestas musste zwar ebenfalls Einbußen bei der Gewinnspanne in Kauf nehmen, aber glänzt noch immer mit einer Marge von 12,4 Prozent. Weder Siemens, GE noch Goldwind können da auch nur ansatzweise mithalten. In ihrer Heimat genießen die Dänen mit ihren 21.600 Mitarbeitern deshalb beinahe einen Heiligenstatus.

Marktanteil: 16,7 Prozent.

Mit seinem „Nichtstun“ gefährde Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier weitere Investitionen, Standorte und Arbeitsplätze einer Zukunftsbranche, warnte Gewerkschaftler Geiken.

Klarheit und Transparenz seien die Voraussetzung dafür, dass es zu keinem Fadenriss komme und Arbeitsplätze und vor allem Know-how der Hochtechnologiebranche erhalten bleiben, sagt auch Vohrer. Falls nach der Sommerpause das Gesetz auf den Weg gebracht würde, könnte der negative Trend noch gestoppt werden, schätzt man in der Branche.

Allerdings reicht vielleicht selbst ein stärkerer Ausbau bei der Windenergie nicht aus, um die von der Bundesregierung geplanten Klimaziele bis 2030 zu erreichen. Denn ab 2020 könnten mehr und mehr alte Windkraftanlagen abgeschaltet werden, weil deren Förderung nach 20 Jahren ausläuft und sie nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind.

Bis 2023 stehen rund 14 Gigawatt installierte Leistung auf der Kippe, mehr als ein Viertel aller Windkraftwerke in Deutschland

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